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Schiedsrichter-Affäre um Amerell:DFB verschärft Gangart

"Amerell wird stark und intensiv belastet": DFB-Chef Theo Zwanziger hält den Rücktritt des Schiedsrichtersprechers für notwendig. Zugleich gibt es in der Affäre immer mehr Ungereimtheiten.

Der Deutsche Fußball-Bund hat seine Anhörungen zur Affäre um den zurückgetretenen Schiedsrichter-Sprecher Manfred Amerell abgeschlossen, Verbandschef Theo Zwanziger sagte der Bild-Zeitung am Montag: "Amerell wird stark und intensiv belastet. Seinen Rücktritt von allen Ämtern halte ich für absolut notwendig." Derweil erwartet Reinhard Rauball, Chef der Deutschen Fußball Liga (DFL), ungeduldig den Bericht von DFB-Justiziar Jörg Englisch zur verbandsinternen Untersuchung.

DFB-Chef Theo Zwanziger hält Amerells Rücktritt für notwendig.

(Foto: Foto: ddp)

Rauball bekräftigte am Montag sein Unverständnis über die Fallbehandlung. Schiedsrichterobmann Volker Roth war am schon 17.Dezember persönlich von Fifa-Referee Michael Kempter über angebliche Belästigungen durch Amerell informiert worden, hatte dies aber erst einen Monat später an Zwanziger weitergemeldet. Da die Causa das Schiedsrichterwesen betreffe, sei sie aber "von so hoher Sensibilität, dass ein unverzügliches Handeln erforderlich war", sagte Rauball der SZ.

Dies hätten er und die Liga-Vertreter schon am 4. Februar bei der DFB-Präsidiumssitzung moniert: "Die geschilderten zeitlichen Abläufe gaben uns Anlass zur Verwunderung. Wir haben nachdrücklich um Aufklärung gebeten, wer wann wen wie informiert hat." Rauball bestätigt, bei jener Sitzung seien die Anwesenden nur zur Causa Amerell und eines weiteren ungenannten Schiedsrichters informiert worden. Dass es um mehr Referees gehen soll, habe er erst später erfahren.

Amerell weist alle Vorwürfe von sich. Er hatte zuletzt eine SMS präsentiert, die er am 13. Januar, einen Monat nach Kempters Anklage bei Roth, von dem Referee erhalten haben will. Daraus wird ein sehr einvernehmliches Verhältnis zwischen den beiden ersichtlich: "Wieso machen wir alles kaputt? Tut mir echt weh. Komm doch ohne dich auch nicht klar!" Diese SMS will Amerell bei einem Gespräch am 1. Februar in der Frankfurter DFB-Zentrale Zwanziger, Generalsekretär Wolfgang Niersbach und Personalchef Stefan Hans gezeigt haben. Bei der Präsidiumssitzung drei Tage später soll die SMS aber Teilnehmern zufolge nicht erwähnt worden sein.

Wenn man davon ausgeht, dass dort von Zwanziger nicht weitergehende Informationen über die Belästigung weiterer Referees zurückgehalten worden sind, dürften die neuen Sachverhalte im Hinblick auf vier weitere Schiedsrichter erst bei den Anhörungen des DFB aufgetaucht sein. Was dann umso stärker die Frage aufwirft, warum der DFB so spät aktiv geworden ist. Zumal es Zwanziger nun gar für möglich hält, dass die Staatsanwaltschaft eingeschaltet wird: "Das ist nicht ausgeschlossen. Wir müssen die Prüfung unserer Juristen abwarten."

Immer mehr Fragen

All die Ungereimtheiten, die sich nach bisherigem Kenntnisstand nicht nur aus Sicht der DFL und Amerells zu dem Sachverhalt ergeben, werden massiv unterstützt durch den Umstand, dass Schiedsrichterchef Volker Roth im Amt verblieben ist - mit Zwanzigers Segen, der auf der DFB-Website sein großes Verständnis für dessen schleppende Arbeit mit dem Hinweis auf Weihnachten und Neujahr unterlegt. Doch die Festtage waren längst vorbei, als Mitte Januar die Rückrunde der Profispielbetriebe begann - und da hatte es Roth trotz der ihm seit Mitte Dezember bekannten Vorwürfe nicht verhindert, dass sowohl Kempter als auch der schwer beschuldigte Amerell weiter eingesetzt wurden.

Seltsame Normalität: Sollte da etwas vertuscht werden? Amerell habe bei zwei Spielen als Beobachter fungiert, sagte Anwalt Jürgen Langer der SZ. Kempter pfiff den Schalker Rückrunden-Auftakt gegen Nürnberg. Noch bizarrer erscheint das Festhalten der Verbandsspitze an Roth, nachdem vergangene Woche bereits der bis dahin für das Schiedsrichterwesen zuständige DFB-Vizepräsident Rainer Koch diese Zuständigkeit abgab - er sah einen Vertrauensbruch darin, über die Sache nicht beizeiten informiert worden zu sein.

Koch zielte namentlich auf Roth, ließ aber offen, was auf der Hand liegt: Dass er sich auch vom Präsidenten im Stich gelassen fühlte. Zwanziger teilte mit, er sei Mitte Januar in den Fall eingeweiht worden. Von Roth, der die Vorgänge am besten kennen muss. Und zu dessen Verbleib im sensiblen Amt als Schiedsrichterchef immer mehr Fragen auftauchen.

© sueddeutsche.de/sid/aum
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