Schach:Züge im Kreml

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Schach: Anfang Oktober findet die diesjährige Schach-Olympiade in Batumi/Georgien statt.

Anfang Oktober findet die diesjährige Schach-Olympiade in Batumi/Georgien statt.

(Foto: Shirly Niv Marton/Unsplash)

Im Weltverband Fide lodert ein Zweikampf um die Macht. Anfang Oktober steht am Rande der Olympiade in Batumi/Georgien eine Neuwahl an. Doch sehr überzeugend wirkt kein Kandidat, der für das Präsidentenamt infrage kommt.

Von Johannes Aumüller, Frankfurt

Wladimir Putin höchstselbst soll sich schon eingemischt haben, und das nicht nur mit allgemeinen Worten, sondern mit einem ganz konkreten Beitrag. Im Juli war das, als der russische Staatspräsident zu einem Gespräch mit dem israelischen Regierungschef Benjamin Netanyahu zusammentraf. Und wenn es stimmt, was danach ein wichtiger Vertreter des israelischen Außenministeriums in einer Mail festhielt und was israelische Funktionäre erzählten, dann ging es dabei nicht nur um viele politische Themen. Dann drang Wladimir Putin seinen Gesprächspartner auch dazu, Russlands Kandidaten für das Präsidentenamt im Schach-Weltverband (Fide) zu unterstützen: sein langjähriges Regierungsmitglied Arkadij Dworkowitsch.

Noch zwei Wochen dauert es, dann geht in der Fide eine Ära zu Ende. Seit 1995 führte sie der Kalmücke Kirsan Iljumschinow, und das auf eine verheerende Art. Grotesk, aber zumindest noch erheiternd war es, wenn er berichtete, wie er einmal von Außerirdischen entführt worden sei. Richtig schädlich für die Reputation der Sportart und des Verbandes waren seine Nähe zu Schach-affinen Diktatoren, undurchsichtige finanzielle Machenschaften rund um die Fide sowie sein politisches und wirtschaftliches Wirken, das ihn auf die Sanktionsliste der USA brachte. Erst tat Iljumschinow so, als könne ihm selbst das nichts anhaben, dann verkündete er eine erneute Kandidatur, daraus wurde aber nichts.

Der scheidende Chef berief sich auf Nähe zu Außerirdischen

Nun steht also Anfang Oktober am Rande der Schach-Olympiade in Batumi/Georgien eine Neuwahl an. Doch sehr überzeugend wirkt kein Kandidat. Weder der russische Politiker Arkadij Dworkowitsch noch der Grieche Georgios Makropoulos, lange Jahre Vizepräsident der Fide.

Als Favorit gilt Dworkowitsch. Der 46-Jährige zählt seit Jahren zur erweiterten Spitze der russischen Politik - auch wenn er nie ein ganz enger Vertrauter Putins war, sondern eher in der liberaleren Fraktion zu verorten. Unter seinem politischen Ziehvater Dmitrij Medwedjew war er Präsidentschaftsberater, danach von 2012 bis Frühjahr 2018 dessen Stellvertreter als Ministerpräsident. Inzwischen ist er Chef der Stiftung, die sich um das Innovationszentrum Skolkowo kümmert, das Russlands Mächtige als eine Art Silicon Valley konzipiert haben. Dem Schach verbunden ist er auch schon länger: Sein Vater Wladimir war zu Sowjetzeiten ein bekannter Schachspieler (und -schiedsrichter).

Nun dient Dworkowitsch also als neues Beispiel, wie Russland versucht, im Sport Einfluss zu gewinnen. Das zeigt sich in vielen Disziplinen und in vielen Formen, aber angesichts der großen Tradition im Schachsport scheint es den Kreml-Oberen hier besonders wichtig zu sein, dass ein genehmer Funktionär an der Spitze steht. Schon Iljumschinow, einst Präsident der autonomen russischen Teilrepublik Kalmückien, konnte stets auf Unterstützung aus Moskau setzen; Dworkowitsch kann es nun erst recht. Und irgendwie scheint es nur schwer vorstellbar zu sein, dass ein Kandidat mit solchem Hintergrund scheitert.

Aber auch beim Gegenkandidaten gibt es viele Fragezeichen. Makropoulos, 64, kann leutselig und vereinnahmend auftreten. Aber er war viele Jahre engster Gefolgsmann des scheidenden Iljumschinow und nach dessen Auftauchen auf der Sanktionsliste der USA sogar geschäftsführender Fide-Chef. Problematische Deals, etwa die langfristige Bindung der Fide an den Vermarkter Agon, winkte er mit durch. Seit mehr als drei Jahrzehnten ist er in der Fide-Führung zu finden. Als Neuanfang ließe sich diese Wahl schwerlich verkaufen.

Es ist jedenfalls ein heftiger Wahlkampf entbrannt mit allerhand Scharmützeln. Die einen prangern Russlands große Lobbyarbeit an; die anderen monieren, dass Makropoulos als amtierender Fide-Chef nach Möglichkeiten suche, wie man Verbänden aus dem Dworkowitsch-Lager das Stimmrecht entziehen kann. Bei der Fide gilt wie beim Fußball-Weltverband und vielen anderen internationalen Föderationen, dass jedes Mitgliedsland exakt eine Stimme hat, unabhängig von der Zahl der Schachspieler in den jeweiligen Ländern.

Der Brite Nigel Short, ein früherer Weltklassespieler, Fide-Kritiker und formal noch als dritter Kandidat im Rennen, ist längst ins Lager von Dworkowitsch gewechselt. Die Deutschen hingegen positionieren sich auf der Seite von Makropoulos. "Es gab für uns keine Ideallösung. Aber Herr Dworkowitsch ist uns zu Kreml-nah, und wir haben Herrn Makropoulos in den vergangenen Jahren als verlässlichen Partner kennengelernt", sagte Ullrich Krause, Präsident des Deutschen Schachbundes (DSB), der SZ. Andere westliche Verbände, die mit dem Erscheinungsbild der Fide unzufrieden sind, sehen das genauso. Mancher Strippenzieher dürfte schon an die übernächste Wahl denken. Makropoulos, so das Kalkül, ließe sich vielleicht nach kurzer Zeit wieder aus dem Amt befördern; hat Dworkowitsch den Chefposten einmal inne, dürfte er kaum zu vertreiben sein.

Aber womöglich erlebt dieser harte Wahlkampf auch noch eine kuriose Wendung. Denn in der Schach-Szene kursiert auch die Version, dass sich Dworkowitsch und Makropolous noch mal zusammentun - und eine Lösung finden, die beiden Kandidaten gefällt.

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