Betrug im Sport:Die Morsekugel funkt "Pferd auf e7"

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Betrug im Sport: Wohin mit den Figuren? Das ist beim Schach die große Frage.

Wohin mit den Figuren? Das ist beim Schach die große Frage.

(Foto: golden cow interacti/Shotshop/Imago)

Vom Akku im Rennrad bis zu unappetitlichen Methoden der Informations-Übermittlung: Die Betrugsdiskussion im Schach erinnert daran, dass jenseits des Dopings Schummeleien im Sport eine lange Tradition haben - und Schaden anrichten.

Kommentar von Volker Kreisl

Diese Woche machte der Schachsport Furore, weil der junge US-Spitzen-Schachspieler Hans Niemann vielleicht betrogen hat. Einen Teil der Sportwelt hat das sehr interessiert: Betrug? Manipulation? Im edlen Schach? Die Welt ist schlecht. Allerdings muss man wohl anfügen, dass es Betrug schon sehr lange gibt, im Spiel, im Sport, mal bewiesen, mal als Geraune.

Kaiser Nero war im Jahr 67 der erste berühmte manipulierende Athlet. Nero hat bei Olympia in Griechenland das Wagenrennen gewonnen, obwohl er in einer Kurve aus dem Anhänger geschleudert worden war. Zum Sieger erklärt wurde er dennoch, was ihn der Überlieferung nach eine Million Sesterzen kostete. Es war gewissermaßen die Ursünde des Sports, erstmals wurde sichtbar, dass, wer sich's leisten kann, die Regeln außer Kraft setzen darf.

Wer über Sportbetrug nachdenkt, muss mittlerweile in vielen Kategorien denken, wobei die Kategorie Doping hier nicht behandelt werden kann, sie ist zu groß, zu sehr selbst schon eine eigene Sportart. Doch gepflegt wird ja auch die kleinere Schummelei. Die Trickserei des kleinen Mannes, der kleinen Frau. Sie ist genauso eine ernste Sache in den Kategorien des Wettkampfs, wird aber von manchem Zuschauer mit versteckter Bewunderung beobachtet.

Gut, Fantasie und Erfindungsreichtum sind, anders als bei Neros plumper Bestechungsgeschichte, ja auch immer irgendwie dabei. Die berüchtigten Fälle erschlichenen Erfolges tragen entsprechend vielklingende Namen. Spaghetti-Racket, Deflate-Gate, Haifischhaut. Und irgendwo zwischen Hirngespinst und konkretem Verdacht wird immer auch über noch namenlose Methoden geraunt, hier zum besseren Verständnis mal, ja, Analkugel-Morsen genannt.

Bei letzterem geht es um die Unterkategorie "unerlaubte Zeichen von außen". Wie könnte man die beim Schachspiel senden? Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt: Wie wäre es mit sogenannten Analkugeln samt Empfangsfunktion, die sich im Darm des Schachspielers befinden und ihm per Vibration Zeichen geben? So ließen sich die Berechnungen der Schachcomputer - Pferd auf e7! - an den Spieler am Brett übermitteln. Hirngespinst? Verdacht? Jedenfalls heiß diskutiert in den Expertenforen.

Im Football kamen Bälle mit zu wenig Luft zu Einsatz. Die konnte man besser fangen

Andere Kategorien der Leistungsbeeinflussung: plötzlich eingeführte Materialien, die zunächst kurz legal sind - und letztlich Sternchen-Sieger hinterlassen. Die Super-Haifischhautanzüge der Schwimmer oder die etwas zu exquisiten Tennisschläger. Oder bewusst manipuliertes Material, wie die Bälle eines Footballteams des Quarterbacks Tom Brady, die in einem wichtigen Spiel 2015 zum Einsatz kamen - mit zu wenig Luft, womit sie griffiger wurden.

Und die Kategorie "Technik" nicht zu vergessen, zum Beispiel: der Akku im Rennrad.

Hier muss über eine aufwändige, aber offenbar auch effektive Ingenieurskunst gesprochen werden: über sich abstoßende gleichpolige Magneten, die in der Hinterradfelge ein elektromagnetisches Feld erzeugen (Prinzip Transrapid), welches wiederum einen gut versteckten Minimotor speist. Das alles muss man nicht genau wissen, entscheidend ist das Höchsttempo, das dabei herauskommt: Angeblich sind es bis zu 100 Stundenkilometer.

Wäre doch eigentlich ganz lustig, so ein diskretes E-Bike? Vielleicht beim Heimstrampeln vom Supermarkt. Im Profisport aber verhält es sich anders. Es geht um Geld, Renommee, Pokale. Das wird von jedem Trickser einem anderen, mutmaßlich fairen Wettkämpfer genommen, weshalb jeder Betrug den Sport schädigt, auch der Betrug des kleinen Mannes.

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