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Saudi-Arabien:Ersatzreligion

Schwergewichtsboxen, Tennis, der spanische Supercup im Fußball: Saudi-Arabien will den Glanz internationaler Ereignisse nutzen, um das Image des Königreichs aufzupolieren.

Von Dunja Ramadan

Die Welt nach Saudi-Arabien zu bringen, koste es, was es wolle. In den vergangenen Monaten ist der Plan von Turki al-Sheikh, dem mächtigen saudischen Sportfunktionär und Unterhaltungsminister, aufgegangen. Gerade noch zogen Religionspolizisten durch die Straßen, nun sind es feiernde Saudis, die von einem Event zum nächsten hüpfen. Seit mehr als zwei Monaten bespaßen Künstler aus aller Welt die Menschen in der einst konservativsten Hauptstadt der arabischen Welt. Mehr als acht Millionen Besucher sollen bislang auf dem Festival "Riyadh Season" gewesen sein, heißt es. Und der nächste Höhepunkt steht bereits bevor: An diesem Samstag treten beim "Clash on the Dunes" ("Kampf in den Dünen") die Profiboxer Andy Ruiz Jr. und Anthony Joshua gegeneinander an.

Saudi-Arabien will im Sport der einstigen Brüdernation Katar den Rang streitig machen

Das Duell ist der erste WM-Boxkampf im Schwergewicht in Saudi-Arabien, als Austragungsort waren zuvor unter anderem auch London und New York gehandelt worden. Der erste Kampf, den Ruiz im Juni überraschend gewonnen hatte, hatte noch den Madison Square Garden gefüllt, die berühmteste Boxarena der Welt, mitten in New York City. Dass der Rückkampf nun in Saudi-Arabien stattfindet, hilft der größten arabischen Volkswirtschaft bei ihrem Ziel, mehr Macht in der internationalen Sportwelt zu gewinnen - und damit der in Ungnade gefallenen Brüdernation Katar den Rang streitig zu machen. Doha trägt 2022 die Fußball-WM aus und gehört zu den einflussreichsten Akteuren in der internationalen Sportszene. Vor zweieinhalb Jahren haben Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate, Bahrain und Ägypten eine Blockade über das kleine Emirat verhängt. Sie werfen Katar vor, Terrororganisationen zu unterstützen sowie eine zu große Nähe zu ihrem Erzfeind Iran zu pflegen. Seitdem ist auf der Arabischen Halbinsel ein kalter Krieg um Aufmerksamkeit und Macht ausgebrochen, der sich nun auch auf den Sportmarkt auswirkt. Saudi-Arabien und Katar wollen glänzen, egal auf welcher Bühne.

Noch vor ein paar Jahren hätten die saudischen Sittenwächter das öffentliche Gerangel zweier leicht bekleideter Männer nicht erlaubt - nun kämpfen die Boxer ausgerechnet in Diriyah, einem Vorort von Riad, in dem eine Arena für 15 000 Zuschauer bereitsteht. Diriyah ist der Geburtsort des Wahabismus, einer ultrakonservativen Islamauslegung. Vor 275 Jahren schlossen dort zwei Männer - um nicht zu sagen: zwei Schwergewichte ihrer Zeit - die Grundlage für den saudischen Staat. Der Stammesführer Mohammed ibn Saud versprach dem einflussreichen Prediger Mohammed ibn Abdelwahab, den Wahabismus im künftigen Staat durchzusetzen. Im Gegenzug legitimierte der Kleriker die Herrschaft der Saud-Familie. Diese Ideologie bestimmte das Leben der Saudis bis vor Kurzem. Musik, Kino, Theater - alles westlich, sündhaft, eine Ablenkung von der Religion und somit: Teufelszeug. Die jüngste gesellschaftliche Öffnung, die zum Beispiel bewirkt hat, dass Frauen Auto fahren und Stadien besuchen dürfen, täuscht nicht darüber hinweg, dass das Königshaus weiterhin mit harter Hand regiert. Die Dekrete kommen von oben, Mitsprache ist unerwünscht. Zahlreiche Regimekritiker, darunter mehrere Frauenrechtlerinnen, sitzen in Haft.

In Katar zeigt sich gerade, welchen politischen Druck der Sport aufbauen kann

Auch wenn es gerade von Menschenrechtlern Kritik hagle, am Golf denke man langfristig, sagt Professor Jonathan Grix von der Manchester Metropolitan University. Seit zwanzig Jahren beschäftigt sich der 55 Jahre alte Brite mit Sportpolitik. Er untersucht, welche Strategien Staaten verfolgen, die Großereignisse austragen: "Die Regierungen brauchen andere Einnahmequellen und setzen deshalb auf globale Events, die sich gut vermarkten lassen." Da die Golfstaaten über Unmengen von Geld verfügen, setzen sie auf Spitzensport. Hinter dieser Unterhaltungsoffensive steckt die Vision 2030, die niemand so verkörpert wie der junge Königssohn Mohammed bin Salman. Er will die saudische Wirtschaft unabhängiger vom Ölexport machen - dazu gehört es auch, die einst als unislamisch diffamierte Sport- und Unterhaltungsbranche anzukurbeln. 100 Millionen US-Dollar sollen die Saudis für die Box-WM gezahlt haben, heißt es. Vom 12. bis zum 14. Dezember findet in Riad außerdem das erste internationale Tennisturnier statt, Mitte Januar spielen Real Madrid, der FC Barcelona, Atlético Madrid und der FC Valencia in Saudi-Arabien um den spanischen Supercup. Dass sich dabei nur wenige Sportler die Gewissensfrage stellen? "Es gibt Angebote, die man als Hochleistungssportler nicht ablehnen will. Viele von denen haben keinen Studienabschluss und müssen mit dreißig in Rente gehen", sagt Grix. Da überlege man sich zweimal, ob man wegen moralischer Bedenken die Absicherung fürs Alter absagt.

Wenn Ruiz und Joshua an diesem Samstag in den Ring steigen, dann steigt mit ihnen auch ein Grundkonflikt in den Ring: Sport und Politik. Der bestehe seit 2000 Jahren, sagt Grix. Schon die alten Römer sorgten für Zerstreuung, indem sie im Kolosseum Gladiatoren gegen wilde Tiere antreten ließen. Heute reicht es, wenn Großereignisse im Fernsehen weltweit übertragen werden. Saudi-Arabien setzt auf Imagepflege durch Soft Power, auf weichen Einfluss durch große Namen und große Shows. Und die Welt hilft dabei, sie schickt ihre Helden, um dem Königreich ein modernes Image zu verpassen.

So möchte Saudi-Arabien innerhalb kürzester Zeit mit seiner Vergangenheit abschließen. Überzeugen sollen sich die Menschen selbst: Seit Ende September können Besucher aus 49 Ländern, darunter auch Deutschland, ein Visum für das Königreich beantragen. Das Motto, das Sportfunktionär Turki al-Sheikh seitdem in die Welt posaunt, lautet: "Here is Riad - Imagine!" - zu Deutsch: "Hier ist Riad. Stell dir vor!" Und genau das fällt einem schwer: sich das mal vorzustellen. Als wäre Riad das neue Dubai und Beirut in einem.

Dabei ist gerade in Dubai dieses Kalkül aufgegangen. Die Stadt ist für ihr pulsierendes Partyleben bekannt, dort kann man im Bikini schwimmen, Alkohol trinken, die Nacht durchfeiern - aber die autokratischen Herrscher, enge Verbündete des Königshauses in Riad, sollte man besser nicht kritisieren. Menschenrechtler sitzen auch dort hinter Gittern.

Den "Feel-good Factor", den der Sport laut Grix mitbringt, kann Saudi-Arabiens Kronprinz bin Salman gerade gut gebrauchen. Er steht unter Verdacht, in den Mord am regimekritischen Washington-Post-Publizisten Jamal Khashoggi verwickelt zu sein. Khashoggi wurde im Oktober 2018 im saudischen Konsulat in Istanbul auf bestialische Weise getötet. Ein saudisches Mordkommando war von Riad aus nach Istanbul geflogen.

Grix spricht von "Sportswashing", die Herrscher am Golf nutzen den Sport, um sich von "ihrem Schmutz" reinzuwaschen. Positive Bilder sollen in den Vordergrund gerückt werden, dabei ist der Sport besonderes effektiv. Grix erzählt von seiner Abteilungsleiterin, die als "großer Manchester-City-Fan" jede Woche ins Stadion gehe. Er habe sie mal gefragt, ob es sie störe, dass viele europäische Vereine von arabischen Geschäftsmännern aufgekauft werden; City-Hauptanteilseigner ist Abu Dhabi. Sie habe gesagt, nein, das sei ihr egal.

Diese Wirkung, die Sportevents auf viele Menschen hat, erklärt Grix mit der Lehre des französischen Soziologen Émile Durkheim. In dessen 1912 erschienenem Werk "Die elementaren Formen des religiösen Lebens" sah der Begründer der Soziologie das Kernelement der Religion darin, gesellschaftlichen Zusammenhalt zu stiften. Früher, so Grix, war es für viele Menschen ein Ritual, am Sonntag in die Kirche zu gehen. Heute sei es für viele ein Ritual, am Wochenende ins Stadion zu gehen. Es gebe ihnen das Gefühl, zu einer Gemeinschaft zu gehören. "Sport ist für sie zu einem religiöses Erleben geworden. Sie wollen diesen puren Moment der Freude nicht missen - und bevorzugen es daher, nichts zu wissen", sagt Grix. Von den Fans sollte man daher nicht allzu viel an Haltung erwarten, sie werden dennoch einschalten.

Doch wenn Staaten etwas zu verbergen haben, sollten sie lieber vorsichtig sein, sagt Grix. Denn die weltweite Aufmerksamkeit, die solche Events auslösen, habe ihren Preis, wie man beim WM-Gastgeberland Katar sehe. Die schlechten Arbeitsbedingungen während der Stadienbauten wären nie derart in die Kritik geraten, wenn die Welt nicht genau hingesehen hätte. "Früher wussten die Menschen nicht mal, wo Katar liegt. Heute wissen sie es - das hat Katar geschafft", sagt Grix. Aber die Menschen wüssten eben auch, dass dort Arbeiter wie Sklaven behandelt werden. Andererseits kann der Sport auch politischen Druck aufbauen. Ab Januar wird das Kafala-System in Katar reformiert: Es soll den ersten Mindestlohn der arabischen Welt geben, Arbeitskräfte benötigen keine Ausreisevisa mehr, und sie können ohne Zustimmung ihrer Chefs den Job wechseln. Und in Saudi-Arabien konnte der spanische Verband RFFF den Saudis einen Gefallen abringen. Da der spanische Supercup in den nächsten drei Jahren im Königreich stattfinden wird (wofür der spanische Verband 120 Millionen Euro von den Saudis erhält), wurde vereinbart, dass Frauen gratis ins Stadion dürfen, wie RFFF-Chef Luis Rubiales betonte.

Grix glaubt dennoch, dass die Rechnung der Herrscher am Golf nicht aufgehen wird. Die Leichtathletik-WM im September in Doha habe gezeigt, dass man sich Sportbegeisterung nicht kaufen könne - die Zuschauerränge blieben überwiegend leer. Und obwohl das Turnier in den Herbst und einzelne Wettkämpfe sogar in die Nacht verlegt worden waren, war es so heiß, dass Sportler kollabierten. Grix sagt: "Wenn ich dort leben würde, würde ich auch nur rumsitzen. Leistungssport passt nicht in diese heiße Region."

In Doha wächst nach der Leichtathletik-WM die Sorge vor 2022. Arabische Diplomaten in Doha verraten, dass man in Katar Angst habe, die WM 2022 könnte ein Flop werden. Das wäre für die stolze Golfnation ein Gesichtsverlust - vor der Welt, aber vor allem vor den Nachbarn, die sich gerade nichts sehnlicher wünschen dürften.

© SZ vom 08.12.2019

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