Schorsch Hackl im Rennrodeln:Der Vergolder zieht weiter

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Schorsch Hackl im Rennrodeln: Neue Rolle: Georg Hackl (links neben ÖRV-Präsident Markus Prock) arbeitet nun für das österreichische Rodel-Team.

Neue Rolle: Georg Hackl (links neben ÖRV-Präsident Markus Prock) arbeitet nun für das österreichische Rodel-Team.

(Foto: EXPA/Spiess/Imago)

Schlittentüftler Georg Hackl hat viele gute Rennrodler zu sehr guten gemacht. Von seinem Talent an der Werkbank profitieren nun nicht mehr die Deutschen, sondern die Österreicher - und Hackl kann weiterhin Hackl bleiben.

Von Volker Kreisl

Die Berge im Berchtesgadener Land, die grünen Hügel und die Seen in dieser Gegend sind verlockend. Wenn der Einwohner Georg Hackl da hinaufschaut, dann sieht er prächtige Landschaften. Sport und Bewegung hat er zuletzt vernachlässigt, er ist einfach zu oft in der Werkstatt in seinem Keller gestanden und hat gearbeitet, und irgendwann musste er sich eingestehen, dass sein Körper ein leichtes Übergewicht aufgebaut hatte. Aber das macht nichts, denn nun, da sein Alltag sich ohnehin stark verändert, kann er die Pfunde abtrainieren.

Der ehemalige Spitzenrodler Hackl ist innerhalb seines Sports umgezogen. Seit einigen Wochen betreut er nicht mehr die deutsche Rennrodelmannschaft als Experte für schnelle Schlitten, sondern die der Österreicher. Statt an deutschen Bahnen wird er zunehmend am Eiskanal in Igls, südlich von Innsbruck zu arbeiten haben, aber das ist nicht der einzige Umzug. Womöglich wichtiger ist ein anderer Ortswechsel, nämlich der vom Keller an die frische Luft.

"Freiräume sind in meinem Alter wichtig", sagt Hackl - wie sich das anfühlt, wisse er noch nicht

Jedenfalls für den Sommer. Weil die Athleten des Österreichischen Rennrodelverbandes ÖRV durchaus schon auf gutem Material fahren, welches sie sich zum Beispiel bei High-Tech-Firmen besorgen, hat Hackl nun eigene Freiräume, was überhaupt den Ausschlag gegeben hat fürs neue Leben. "Freiräume sind in meinem Alter wichtig", sagt Hackl, "auch wenn ich noch nicht genau weiß, wie sich das anfühlt." Seine Zeit bei der Bundeswehr ist zu Ende gegangen, Hackl ist abgesichert und im Ruhestand und hat Zeit fürs Private. Er kann Bergsteigen, Radfahren, und jeden Sport treiben, den er möchte.

Aber ist das alles? Für einen wie ihn? Nein, Hackl hat zwar Freiräume, aber spätestens im Winter geht es weiter mit seinem alten Hobby, dem Optimieren von Schlitten, ab jetzt eben von österreichischen. Seine berufliche Tätigkeit, das Schlittenbauen, hat er nun mit dem Privaten fein abgestimmt, in etwa wie damals schon seine eigenen Rodel. Dieser Sport hat schon viele Medaillengewinner hervorgebracht, Hackl ist darin der wohl profilierteste Deutsche. Er sammelte 16 Medaillen bei Großereignissen, darunter dreimal Gold als Olympiasieger in Albertville, Lillehammer und Nagano, zudem drei Mal als Einzel-Weltmeister. Und er perfektionierte später seine Kunst als Fachmann fürs Material, als Optimierer für die letzten Hundertstelsekunden seiner deutschen Nachfolger im Eiskanal, als eine Art Vergolder.

So einer könnte überall einen Job bekommen. Dass Hackl trotz seiner Expertise nie etwa nach Kanada gegangen war, um dort eine Mannschaft aufzubauen, oder dass er zum Beispiel auch keine eigene Material-Firma gegründet hat, das könnte daran gelegen haben, dass er den richtigen Augenblick verpasst hatte. Wahrscheinlicher ist es aber, dass ihm etwas anderes einfach lieber war, nämlich seine Heimat. Und das detailverliebte Tüfteln an Schlitten. Seine Säge, sein Hammer, seine Feile, sein Keller.

Hackl arbeitet auch als Trainer, Rennrodeln ist ähnlich wie der Bob- oder Motorsport von beidem abhängig - vom Material und von dem, der es bedienen muss. Nur dass auf der flachen und auf Kufen montierten Liegeschale schon eine kleine Unaufmerksamkeit, eine Bandenberührung alle Medaillenträume verpuffen lässt. Der Rodler muss sich wohl fühlen, muss Vertrauen haben und mit seinem Gefährt eins werden. Die Basis dafür legt ein guter Schlittenbauer.

Er kennt den doppelten Erfolg: den auf der Bahn und den im Werkstattkeller

Diese Arbeit ist nicht gerade schnell erledigt. Man müsse den ganzen Winter über die Schlitten perfektionieren, sagt Hackl, "sonst kannst du nicht wirksam und erfolgreich als Trainer und Techniker tätig sein im Rennrodelsport." Dass ihn diese Arbeit, die wohl über lange Strecken auch eine einsame Tätigkeit ist, bis heute fasziniert, hängt vermutlich damit zusammen, was er beim ersten Mal gespürt hatte. Den Stolz über den ersten doppelten Erfolg, den Sieg auf der Bahn und im Werkstattkeller: "Wenn man mit einem Gerät, das man sich selber baut, sportliche Erfolge erzielen kann wie ich damals, dann entwickelt man eine große Leidenschaft, aber auch große Erwartungen im Umfeld."

Aufgefallen ist er dann nicht nur mit seiner Fahrkunst, sondern auch mit einem gewissen Talent für Sprüche. Im November 2005, kurz vor den Olympischen Spielen in Turin und Cesana, war Hackl wegen der Nachwirkungen einer Arm-Verletzung noch stark geschwächt. Hackl ("Mir geht's wie der SPD, ich habe ein Problem mit dem linken Flügel") war es nur schwer möglich, die Pinguin-Schubser beim Anschieben, welches über Sieg und Niederlage schon mitentscheidet, mit vollem Elan auszuführen.

Nun ist Hackl also weitergezogen, nachdem er sich noch einmal bei sich selbst vergewissert hatte, dass sein Plan gut ist. Die Zeit für einen Umzug auf einen anderen Kontinent ist wohl vorbei, genauso die Zeit, um etwas ganz Neues zu beginnen. Hackl kann weiterhin Hackl bleiben, er kann im Sommer auf Berge steigen, und muss sich nicht noch auf eine fremde Kultur einstellen, weil: "Die Österreicher sprechen die gleiche Sprache, sie sind auch alpenländisch geprägt und haben dieselbe Mentalität."

Und er kann im Herbst und im Winter in seinem Werkstattkeller verschwinden und nach Lösungen für den schnellsten Schlitten suchen, mit Feile, Hammer und Säge.

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