Nachruf auf Reinhold Roth:Er wollte nur ankommen

Nachruf auf Reinhold Roth: WM-Zweiter mit der Startnummer zwei: Reinhold Roth im Juli 1988 beim Grand Prix von Belgien in Spa-Francorchamps.

WM-Zweiter mit der Startnummer zwei: Reinhold Roth im Juli 1988 beim Grand Prix von Belgien in Spa-Francorchamps.

(Foto: imago)

Der Motorrad-Pilot Reinhold Roth liebte die Geschwindigkeit. Ein Unfall beendete brutal seinen WM-Traum. Nun ist er mit 68 Jahren gestorben.

Von Johannes Schnitzler

Wer Reinhold Roth sprechen hörte, ahnte nichts von seiner Passion für Geschwindigkeit. Eher bedächtig sprach der Mann mit dem schütteren Haupthaar und dem markanten Schnäuzer. Und fast immer lächelte er dabei. Schnell war Roth, der gebürtige Allgäuer, nicht mit Worten. Sondern auf dem Motorrad.

Zweiräder hatten es dem gelernten Einzelhandelskaufmann und Kraftfahrzeugmechaniker angetan. Zu seinem täglichen Training gehörten 80 bis 100 Kilometer auf dem Fahrrad, auf dem Rennrad natürlich. Trial, jene Disziplin, in der es um Geschicklichkeit und das Beherrschen des Motorrads geht, sei auch eine gute Übung, fand Roth. "Aber da hat mir der Speed gefehlt." Manchmal sauste er verwegen mit einer Geländemaschine zu Hause über den Hof, mit seinem kleinen Sohn Matthias zwischen den Beinen, einfach so, aus Freude an der Geschwindigkeit.

Zu Hause, das war Amtzell, wo sie ihn "Jointie" nannten, weil er so viele Zigaretten rauchte. Eigentlich ganz und gar unvernünftig für einen, der früh - früher als die meisten anderen - mit Ernährungsplänen und wissenschaftlicher Unterstützung trainierte, um noch schneller zu werden.

Reinhold Roth und Toni Mang (beide BR Deutschland)

Konkurrenten auf der Piste: Reinhold Roth, links, und Toni Mang.

(Foto: Werek/imago)

Schnell war Roth immer gewesen, aber bis er es an die Weltspitze schaffte, vergingen die Jahre, auch weil ihn Verletzungen immer wieder zurückwarfen. 1976, mit 23, gewann er sein erstes Rennen im OMK-Pokal - OMK, das stand für "Oberste Motorrad-Kommission". Im Jahr darauf waren es bereits zwölf. Und 1978 wurde er deutscher Meister in der Klasse bis 250 Kubikzentimeter - vor einem gewissen Anton Mang aus Inning am Ammersee, der wenig später zum besten deutschen Motorrad-Piloten der Geschichte und fünfmaligen Weltmeister aufsteigen sollte.

Der 17. Juni 1990 veränderte sein Leben

Roth debütierte 1979 in der WM, doch bis 1987 sollte es dauern, bis er auf einer Werksmaschine saß. Am 19. Juli gewann er in Le Mans seinen ersten Grand Prix, da war er schon 34 Jahre alt, und führte in der WM-Wertung nach acht von 15 Rennen mit 15 Punkten Vorsprung; selbst Mang, zu der Zeit bereits viermaliger Weltmeister, sah ihn in der Favoritenposition, zumal Roth als "Ankommer" galt, einer, der immer in die Punkte fährt. "Sicher ankommen", so lautete auch sein Ziel für den Rest der Saison. Fast demütig meinte er damals: "Die Situation ist so gut, so gut kann sie vielleicht mein Leben lang nicht mehr kommen." Roth sollte auf tragische Weise recht behalten.

Nach Le Mans kam er in der Saison 1987 nie mehr aufs Treppchen und wurde von Mang abgefangen, der seinen fünften WM-Titel feierte. Noch ein Mal, 1989, wurde Roth Zweiter in der Gesamtwertung, nachdem er sich im Jahr zuvor einen Beinbruch zugezogen und als Führender alle WM-Chancen eingebüßt hatte. Sein Traum vom WM-Titel blieb unerfüllt. Das Publikum liebte ihn dennoch oder gerade deswegen als unerschütterliches Stehaufmännchen.

Und dann kam der 17. Juni 1990, der Große Preis von Jugoslawien in Rijeka. Roth, Helmut Bradl und Martin Wimmer lagen in Führung und wollten den Australier Darren Milner überrunden. Es hatte geregnet, die Sicht war schlecht, und Milner, der aufgeben wollte, fuhr sehr langsam auf der Ideallinie. Bradl und Wimmer wichen rechtzeitig aus. Roth aber bemerkte Milner nicht und fuhr mit Höchstgeschwindigkeit auf dessen Maschine auf. Sechs Wochen lang lag er danach im Koma. Von den Folgen des Sturzes und den schweren Hirnschäden, die er davongetragen hatte, sollte er sich nie mehr erholen. Am vergangenen Freitag ist Reinhold Roth mit 68 Jahren im Krankenhaus von Wangen im Allgäu gestorben. Seine Frau Elfriede, die ihn 31 Jahre lang pflegte, sagte dem Magazin Speedweek, er sei "friedlich eingeschlafen".

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