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RB Salzburg:Hier kommt Haaland

Meditieren nach Toren: Haaland bejubelt seinen Treffer zum zwischenzeitlichen 1:1.

(Foto: Kerstin Joensson/AP)

Drei Spiele, sechs Tore: Der norwegischer Stürmer ist Österreichs RB-Attraktion in der Champions League. Beim 2:3 gegen Neapel wird er von rund 40 Scouts beobachtet.

Von Felix Haselsteiner, Salzburg

Erling Braut Haaland hatte schon ein Lächeln auf den Lippen, da hatte das Spiel noch gar nicht begonnen. Die meisten Spieler blickten ehrfürchtig und ernsthaft nach vorne, als die Champions-League-Hymne durch das Salzburger Stadion hallte. Haaland, die Hände brav hinter dem Rücken verschränkt, schmunzelte. Die Hymne, diese Geschichte erzählt man sich in Salzburg sehr gerne, hört der 19-Jährige so oft er kann, am liebsten laut aufgedreht im Auto auf dem Weg zum Training, die Autofenster heruntergelassen, so dass jeder mitbekommt: Hier kommt Haaland, der Champions-League-Stürmer.

Auch bei seinem dritten Auftritt auf der größten Bühne des Klubfußballs hinterließ der Norweger einen bleibenden Eindruck. Beide Salzburger Tore beim 2:3 gegen den SSC Neapel erzielte Haaland, er hat damit in seinen ersten drei Champions-League-Spielen sechs Tore erzielt. Cristiano Ronaldo brauchte dafür vier Jahre und 32 Einsätze, Lionel Messi drei Jahre und 17 Einsätze. Haaland führt die Torjägerliste vor Robert Lewandowski vom FC Bayern an, wettbewerbsübergreifend hat er in dieser Saison 20 Tore in 13 Spielen erzielt.

Doch die Bilanz war ihm am Mittwochabend egal, Haaland ärgerte sich. "Ich hätte noch mehr Tore schießen können", sagte er im ersten TV-Interview, ansonsten war nicht viel aus ihm herauszubekommen. "Ich hätte noch mehr Tore schießen können", sagte er auch im zweiten Interview, erst im dritten wurde er etwas konkreter: "Ich hätte in der ersten Halbzeit noch drei Tore schießen können." Als ein Reporter meinte, er habe einen Champions-League-Rekord aufgestellt, schaute Haaland ungläubig und sagte: "Es war okay, aber ich hätte mehr Tore schießen können."

In Salzburg vergleichen sie ihn inzwischen mit ihrem größten Ehemaligen: Sadio Mané

Der junge Norweger hatte Recht. Salzburg tat sich in der ersten Halbzeit 25 Minuten lang etwas schwer gegen geschickt verschiebende Italiener, Haalands Führungstreffer in der 9. Minute wurde wegen Abseits zurückgepfiffen, stattdessen traf Napolis Stürmer Dries Mertens in der 17. Minute. Dann kam Salzburg: Chance um Chance reihten die Österreicher aneinander, Haaland allein kam dreimal zum Abschluss, scheiterte aber genauso wie seine Kollegen an Torwart Alex Meret. In der 40. Minute schließlich wurde Stürmer Hee Chan Hwang im Strafraum gefoult, es gab Elfmeter für Salzburg. Noch bevor Hwang wieder aufgestanden war, hatte Haaland sich schon den Ball geschnappt, verwandelte sicher zum 1:1, lief zur Seitenauslinie und setzte sich in der Pose eines buddhistischen Mönchs hin. Allzu lang hielt der 19-Jährige die meditative Haltung nicht aus und wurde wieder zu dem wilden Animateur, als der er sich in Salzburg längst einen Namen gemacht hat: Er lief durch das halbe Stadion, hielt sich seine rechte Hand ans Ohr, mit dem anderen Arm stachelte er die Zuschauer an, die ihm antworteten: "Haaland, Haaland", hallte es nun durch die Arena, das "aa" lang gezogen.

Salzburg blieb auch in der zweiten Halbzeit die bessere Mannschaft. Trainer Jesse Marsch hatte gegen Napoli mutig vier Stürmer aufgestellt, das wendige Dreiergespann aus Takumi Minamino, Patson Daka und Hwang wuselte um den wuchtigen Haaland herum, der im Strafraum auf Zuspiele wartete. Ein Fehler in der Rückwärtsbewegung jedoch führte in der 64. Minute zum erneuten Rückstand, wieder traf Mertens - und wieder glich Haaland aus: Eine Flanke von Zlatko Junuzovic musste er in der 72. Minute nur einköpfen. Neapel jedoch antwortete keine Minute später. Mertens spielte sehenswert auf Lorenzo Insigne, der traf zum 3:2. Salzburg lief mehr, hatte mehr Ballbesitz, mehr Torschüsse, mehr Ecken, eine besser Zweikampfquote - aber nicht die kühle Abgezocktheit der Mannschaft von Carlo Ancelotti. "Wir haben das Spiel heute im Strafraum verloren", sagte Trainer Marsch, er meinte: Neapel machte aus weniger Chancen ein Tor mehr.

Diese Aussage nun als Kritik an den eigenen Stürmern aufzufassen, wäre aber ein Trugschluss: Marsch betont oft genug, wie zufrieden er mit seiner Offensive sei, besonders mit Haaland, den sie in Salzburg inzwischen mit ihrem größten Ehemaligen vergleichen. Sadio Mané lernte in Salzburg den Pressing-Fußball kennen, mit dem er mit Liverpool in der vergangenen Saison die Champions League gewann. Mané kam einst für vier Millionen Euro vom FC Metz, Haaland entdeckten Sportdirektor Christoph Freund und sein Scouting-Team bei Molde FK in Norwegen. "Wir haben ihn schon lange beobachtet", sagte Freund im September nach dem 6:2 gegen Genk, als Haaland seine ersten drei Champions-League-Treffer erzielt hatte.

Haaland hatte Angebote vieler europäischer Spitzenklubs, entschied sich jedoch für das kleine, aber fußballerisch attraktive Salzburg - vorerst. Rund 40 Scouts waren beim Spiel gegen Napoli im Stadion, sie sahen einen Stürmer, der mit seiner Spielweise ein ganzes Stadion mitreißen kann; einen Stürmer, der möglicherweise noch häufiger in seiner Karriere ein paar Vergleiche mit Attraktionen wie Ronaldo, Messi und Lewandowski hören wird.

© SZ vom 25.10.2019
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