bedeckt München

RB Leipzig:Fußballromantik auf Leipziger Art

FC Augsburg v RB Leipzig - Bundesliga

Glänzt in seinem letzten Spiel für RB Leipzig: Timo Werner.

(Foto: Alexander Hassenstein/Getty)

Treffer 94 und 95 zum Abschied: In seinem letzten Spiel für RB Leipzig sichert Nationalspieler Timo Werner dem Klub Rang drei - und sich selbst Platz eins in der Leipziger Rekord-Torschützenliste.

Von Felix Haselsteiner, Augsburg

Zum Schluss machte er noch einmal das, was ihn in vier Jahren bei RB Leipzig ausgezeichnet hat: Im richtigen Augenblick auf Höhe des letzten gegnerischen Verteidigers losstarten, den Steilpass aufnehmen, den Gegnern davonziehen - und treffen. So hat sich der Nationalspieler Timo Werner, 24, ja auch für den englischen Spitzenklub FC Chelsea empfohlen, der ihn für die kommende Saison verpflichtet hat. Und so wurde er am Samstag, in seinem vorerst letzten Spiel in der Bundesliga, als RB Leipzig mit einem 2:1 in Augsburg Platz drei und die Champions-League-Qualifikation sicherte, zum Rekordtorschützen des Klubs, den er verlässt. "Timo hinterlässt eine große Lücke in Leipzig", sagte Trainer Julian Nagelsmann.

Es lief die 27. Minute des Spiels beim FC Augsburg, als der FCA-Verteidiger Felix Uduokhai zu langsam aus dem Abseits rückte und Werner das ahnte. Er hatte nun Platz, zog elegant an Augsburgs Torwart Tomáš Koubek vorbei und schob den Ball zum 1:0 ins Tor. Zum 94. Mal seit seinem Wechsel aus Stuttgart 2016 erzielte Werner beim 2:1 gegen Augsburg einen Treffer. Und anders als Daniel Frahn, den er damit als besten Torschützen von RB Leipzig überholte, hatte er sich auf dem Weg dahin nicht nur mit Regional- und Drittliga-Verteidigern rumzuschlagen, sondern mit Gegenspielern aus der Bundesliga und der Champions League. Dass Werner nun diesen Rekord schaffte und in seinem erst 159. Spiel für RB auch noch Tor Nummer 95 schoss (gerade in Kombination mit 40 Torvorlagen eine formidable Bilanz), dürfte in der noch nicht allzu langen Vereinsgeschichte der Leipziger zu den etwas fußballromantischeren Episoden zählen.

Es wirkte so, als wollte die Bundesliga einem ihrer besten Torschützen der vergangenen Jahre zum Abschied noch einmal ein kleines Best-of präsentieren: Werner durfte sich zum Beispiel mit dem Augsburger Innenverteidiger Jeffrey Gouweleeuw, einem Klassiker des Typs "Abwehrkante", auseinandersetzen. Erst eine Halbzeit lang körperlich, dann kurz vor der Pause in einem Wortgefecht samt Handgreiflichkeit auf dem Weg in die Kabine.

Die Bundesliga verabschiedete Werner auch mit zwei Einsätzen des VAR. Einmal hatte Schiedsrichter Felix Brych den Augsburger Philipp Max schon in die Kabine geschickt, erst nach minutenlangen Beratungen mit der Zentrale in Köln wurde Max doch wieder aus den Katakomben geholt und durfte weitermachen (57.). Und auch bei Timo Werners zweitem Treffer in der 80. Minute entschied Brychs Team erst auf Abseits, wurde aber postwendend aus Köln korrigiert. Es wäre auch ein arger Kontrapunkt gewesen, das Werner-Tor Nummer 95 nicht zu geben: Nach einem langen Zuspiel von Angeliño hatte der Stürmer den Ball hervorragend verarbeitet und ihn dann an Koubek vorbei ins lange Eck verwandelt. Es war noch so einer der Treffer, wegen denen er demnächst in London spielen wird.

Rang drei und die direkte Qualifikation für die Champions League war Leipzigs Minimalziel, das noch einmal in Gefahr geriet

Ruben Vargas hatte zuvor in der 72. Minute den zwischenzeitlichen Ausgleich für Augsburg erzielt, der Leipzig bei gleichzeitigem Sieg von Gladbach noch auf Rang vier gebracht hätte. Dank Werners Antwort geriet dann allerdings in Vergessenheit, dass die Leipziger im finalen Bundesligaspiel dieser Saison in Augsburg zwar über die gesamte Dauer dominiert hatten, weiterhin aber ein Stück von der Form der Hinrunde entfernt zu sein schienen. Angesichts der Tatsache, dass das Mindestziel Rang drei erreicht wurde, erschien die sportliche Analyse eher unwichtig, denn immerhin: "Nach dem Ausgleich hat man sich kurz an die letzten Wochen erinnert gefühlt, als wir viele Punkte verschenkt haben", sagte Nagelsmann. Das passierte den Leipzigern diesmal nicht.

Kurz nach seinem 2:1 wurde Timo Werner dann zum letzten Mal ausgewechselt, ging von Leipziger zu Leipziger, einen kurzen Moment länger als die anderen nahm ihn Nagelsmann in den Arm. "Ich habe mich noch einmal von ihm verabschiedet", sagte der Trainer nach dem Spiel. Was genau er ihm mitgegeben hatte, wollte er nicht verraten. Doch Nagelsmann sprach über einen offenbar versöhnlichen Abschied: "Ich bin ihm nicht böse, nur weil er sich für einen anderen Trainer und einen anderen Klub entschieden hat." Und er sprach über die schwierige Aufgabe, den Stürmer zu ersetzen. Dass es einen "Timo Werner 2.0" gebe, das glaube er nicht.

© SZ vom 28.06.2020

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite