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Radsport: Jörg Jaksche:"Mir wäre das auch passiert"

Während dem Kronzeugen Patrik Sinkewitz nach seinem Doping-Rückfall eine lebenslange Sperre droht, blieb Jörg Jaksche nach seinem Geständnis außen vor. Im Interview spricht Jaksche über Sinkewitz, die Logik des Radsports und Verschwörungstheorien.

Interview von Andreas Burkert

Vor Jörg Jaksche liegt ein Buch: "Grundlagen der Mathematik". Der Franke, der 1997 seine Karriere als Radprofi startete, die Tour de France fuhr, im Puerto-Skandal um sein Liberty-Team und dessen Dopingarzt Eufemiano Fuentes aber aufflog und im Sommer 2007 als Kronzeuge ein Doping-Geständnis ablegte - er studiert jetzt im ersten Semester BWL an der Universität Innsbruck. Lange hatte der 34-Jährige weiter trainiert, obwohl er seit dem Ablauf seiner Sperre vergeblich auf Angebote wartete - für die Szene blieb er ein Nestbeschmutzer. Seit den neuen Dopingfällen des einstigen Kronzeugen Patrik Sinkewitz, der positiv auf Wachstumshormone getestet wurde (dieses zweite Dopingvergehen bestreitet Sinkewitz), und des ebenfalls zurückgekehrten Italieners Riccardo Ricco (der im Februar nach erneutem Eigenblutdoping kollabierte) ist ihm jedoch klar geworden: "Mir wäre das auch so passiert." Jörg Jaksche lebt heute in der Nähe von Kitzbühel und würde künftig gerne im PR-Management arbeiten.

Joerg Jaksche

Jörg Jaksche während der Tour de France im Jahr 2004. Während Patrik Sinkewitz ein Team fand, blieb Jaksche wegen seiner Offenheit außen vor.

(Foto: AP)

SZ: Herr Jaksche, hat es Sie durchzuckt, als die Nachricht von Sinkewitz' erneutem Positiv-Test kam?

Jörg Jaksche: Nee. Für mich war das immer möglich. Weil der Fahrer eben in seine Petrischale zurückkehrt, quasi in sein Bakterienbecken, wo das alles gedeiht. Schauen Sie sich doch um, wer ist denn wirklich neu in den Teams? Wenn du dorthin zurückkommst, ist die Chance doch sehr groß, aufgrund der negativen Energie rückfällig zu werden. Du kommst in dein altes Schema zurück, du willst gerne Rad fahren und natürlich auch erfolgreich sein. Das ist wohl diese biografische Falle, auf die sich Hochleistungssportler reduziert haben und in der wir gefangen sind.

SZ: Sinkewitz hat jedoch als Kronzeuge ausgesagt, seine Läuterung wirkte insgesamt glaubhaft. Auch auf Sie?

Jaksche: Ich denke, dass er am Anfang aufrichtig um seine Glaubwürdigkeit gekämpft hat. Aber irgendwann kommst du wohl an den Punkt, wo du dich fragst: Was interessiert mich eigentlich meine Moral? Mir geht es doch um soziale Sicherheit, um Verträge! Und wer hat ihm denn damals geholfen? Seine Familie, ein paar von der Presse - aber das ist zu wenig angesichts dessen, was sich um ihn herum wieder aufbaut. Ich glaube fast, mir wäre das auch so passiert.

SZ: Sinkewitz stand in Italien unter Vertrag - ein besonderes Pflaster, wie die anhaltenden Razzien dort zeigen.

Jaksche: Ja, in Italien wird die ganze Problematik noch legerer gesehen. Dort verehren ja wahrscheinlich auch 75 Prozent aller Männer den Ministerpräsidenten Berlusconi, weil sie denken: Der Typ hat genau das, was ich haben will - Geld, Einfluss, Frauen. Auch beim Thema Doping ist Italien sehr speziell. Allerdings sind die Deutschen oder Österreicher da grundsätzlich sicher nicht viel besser.

SZ: Sinkewitz hat sich sogar, als er nach seiner ersten Sperre wieder fahren durfte, abgegrenzt. Er sagte in einer Vernehmung aus, dass Andreas Klöden beim Telekom-Teamdoping in der Freiburger Uni neben ihm gelegen habe. Das alles war ungewöhnlich.

Jaksche: Ich unterstelle Patrik auf jeden Fall, dass er sehr gute Absichten hatte. Trotzdem ist er wahrscheinlich von Rennen zu Rennen, von Training zu Training, ins alte Raster zurückgefallen.

SZ: Wie ein trockener Alkoholiker, dessen Freunde dummerweise nur in der Kneipe rumsitzen, weshalb er weiterhin dorthin hinrennt?

Jaksche: Ja, da hast du irgendwann keine Chance. Dazu kommt der wirtschaftliche Aspekt, die Aussicht, den Giro zu fahren, mehr Geld zu verdienen...

SZ: Diejenigen, die ihm vertrauten - auch diese Zeitung bot dem Kronzeugen Sinkewitz ein Forum - waren sie naiv?

Jaksche: Naiv würde ich nicht sagen. Es ist doch wie bei den Banken mit den Boni, mit den Risikopapieren. Alle haben Besserung geschworen - jetzt geht es wieder los. Dass Patrik wahrscheinlich nach ein, zwei Jahren schwach geworden ist, das kann man ihm vielleicht vorwerfen - aber es ist nachzuvollziehen. Das ist die Logik des Radsports. Die Konsequenzen für ihn tun mir leid, denn das wird jetzt für ihn als Mensch eine sehr harte Zeit. Man kann sich von ihm schon hintergangen fühlen, aber seine einzige Chance wäre der Ausstieg gewesen.

SZ: Sinkewitz-Kritiker wie der BDR, dessen Sportchef Bremer er schwer belastete, dürften gefeixt haben. Welchen Wert haben seine Aussagen noch?

Jaksche: Der Verband mit seinem Präsidenten Scharping ist mit seinem Verhalten keine moralische Instanz für mich. Und die Sachen, die Patrik gesagt hat, sind mit Sicherheit wahr. Und deshalb haben sie auch einen Wert. Der bleibt.

SZ: Sie selbst hatten zuletzt Kontakt mit dem neuen Team von Michael Rasmussen. Ein Kronzeuge und ein Dopingprofi - auch das klang irrational.

Jaksche: Hinter dem Team steht ein vernünftiger Mensch, jemand aus dem gehobenen Management. Das klang interessant. Und in mir arbeitete bis zuletzt der persönliche Ehrgeiz, noch einmal ein Jahr Rad zu fahren und dann selber sagen zu können: Okay, das war's. Aber dann hätte ich vielleicht das Verhalten an den Tag gelegt wie jetzt offenbar Patrik. Das ist mir mit den Fällen Ricco und nun Sinkewitz klar geworden. Deshalb habe ich denen vor drei Wochen eine E-Mail geschrieben, dass ich genau aus den Gründen eine Kooperation ausschlage.

Es ist besser so für mich. Ich bin jetzt fast 35, da wäre es sowieso schwer gewesen. Ich hatte die letzten vier Jahre so viel inneren Stress - Staatsanwaltschaft, Steuer, arbeiten, doch trainieren, das Hin-und-Her-Gerissen-Sein. Wenn ich zurückgekommen wäre, hätte ich jetzt Angst gehabt, dass mir auch so etwas passiert wie dem Patrik.

SZ: Der Fall Sinkewitz ist auch in anderer Hinsicht erstaunlich: Er ist der erste HGH-Sünder überhaupt im Radsport.

Jaksche: Ja, komischer Zufall, oder? Dabei könnte ich Ihnen zwanzig Leute aufzählen, wo ich mir sicher wäre, dass sie das Zehnfache nehmen wie Sinkewitz - am Tag. Ich will Patrik nicht verteidigen, aber mein Gefühl sagt mir: Irgendwie logisch, jetzt haben sie ihn ja endlich draußen. Mich wundert sowieso, dass HGH überhaupt gefunden wurde. Denn Radsport ist nicht unbedingt der Wachstumshormon-Markt. Es wurde auch in meiner Zeit genommen, man erholt sich etwas besser, man hat mehr Kraft. Aber der Effekt ist doch eher gering.

SZ: Das klingt ein wenig nach Verschwörungstheorie.

Jaksche: Die Leute, denen er Stress gemacht hat, haben vielleicht doch mal eine Chance genutzt, ihn komplett aus dem Sport rauszunehmen. Ich sag' mal so: Wenn es einer schafft, jemanden, der positiv ist, über ein Dossier negativ schreiben zu lassen - dann ist es wahrscheinlich auch möglich, jemanden von negativ auf positiv umzuschreiben.

SZ: Sie reden vom Weltverband UCI und von Lance Armstrong, der nach seinem ersten Rücktritt 2005 trotz des Bekanntwerdens von alten, Epo-verseuchter Blutproben unbehelligt blieb.

Jaksche: Ja, sie haben ja damals angeblich eine Art Gefälligkeitsgutachten erstellen lassen. Dass es so etwas überhaupt gibt, dass sich die UCI für einen zurückgetretenen Fahrer einsetzt, dessen Blut Epo aufwies! Insofern würden mich da auch jetzt bei Patrik Ungereimtheiten nicht wundern. Ich glaube, die UCI ist weiterhin weit von Transparenz und Rechtmäßigkeit entfernt. Sie konnte sich ja auch zunächst nicht an Armstrongs 100000-Dollar-Spende erinnern. Welcher Fahrer sonst soll eigentlich jemals Geld an die UCI gespendet haben, weshalb, wieso? Sie glauben wirklich, sie könnten die Leute verarschen. Aber sie geben die Regeln vor, sie sind die Institution.

SZ: Und diese Institution wird nun den Präzedenzfall Sinkewitz promoten, ebenso den Einspruch vor dem Sportgerichtshof gegen den spanischen Freispruch von Tour-Sieger Alberto Contador, ihres früheren Liberty-Kollegen.

Jaksche: Aber wenn sich die UCI noch ein bisschen Mühe gegeben hätte, hätten sie wohl noch einen Grund für einen Freispruch gefunden. Doch inzwischen ist der öffentliche Druck einfach zu groß. Aber der Vorgang an sich war schon bezeichnend: Am Anfang wurde noch versucht, es zu vertuschen. Jetzt wird Einspruch eingelegt. Das ist alles schizophren, das ist Radsport.

© SZ vom 13.04.2011/jüsc
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