Radsport: "Wir hätten zwei tote Fahrer haben können"

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Radsport: Remco Evenepoel: Beckenbruch nach schlimmem Sturz

Remco Evenepoel: Beckenbruch nach schlimmem Sturz

(Foto: AFP)

Die Radsport-Szene ist nach den nächsten schweren Stürzen innerhalb weniger Wochen erschüttert, die Veranstalter ernten für die Streckenbedingungen Kritik. "Was muss noch alles passieren, bis sich etwas ändert?", fragt Tony Martin.

Belgiens Wunderknabe Remco Evenepoel flog in der Lombardei kopfüber von einer Brücke, Maximilian Schachmann wurde von einem Auto über den Haufen gefahren, Emanuel Buchmann landete nach einem Massencrash bei der Tour-Generalprobe im Krankenhaus: Zehn Tage nach dem Horror-Unfall von Fabio Jakobsen erschüttern wieder schlimme Stürze den Profi-Radsport, der im Fall von Jakobsens Teamkollegen Evenepoel erneut an einer Tragödie vorbeischlitterte. Der erste Profisieg von Buchmann-Helfer Lennard Kämna bei der Dauphine geriet da in den Hintergrund.

"Durch Emus Sturz ist das ein bittersüßer Erfolg für mich. Ich hoffe, dass er okay ist - wir brauchen ihn für die Tour", sagte der 23 Jahre alte Kämna, der bei der schweren Bergankunft in Megeve für seinen Kapitän Buchmann in die Bresche sprang und als Solist triumphierte: "Eigentlich sollte ich die Relaisstation für Emu sein. Er sollte am vorletzten Anstieg angreifen."

Dazu kam es nicht: Buchmann war nach 29 km bei der grenzwertigen Abfahrt vom Col de Plain Bois gestürzt und musste aufgeben. Im Krankenhaus gab es für die deutsche Tour-Hoffnung Entwarnung: Nichts gebrochen, nur Hämatome und Schürfwunden. Sein Tophelfer Maximilian Schachmann zog sich einen Schlüsselbeinbruch zu. "Zum Glück ist es 'nur' das Schlüsselbein. Es gibt Tage, an denen hat man sein Schicksal nicht selbst in der Hand", sagte Schachmann mit Blick auf groteske Sicherheitsmängel bei dem Traditionsrennen. Eine Autofahrerin war kurz vor dem Ziel vor Schachmann auf die Strecke gefahren und hatte den Berliner rücksichtslos abgeräumt. Schachmann quälte sich schimpfend und als Siebter ins Ziel, die Polizei ermittelt.

Trotz seiner Verletzung kann Schachmann noch auf einen Start bei der Tour de France hoffen. "Die Tour ist für Max noch nicht abgehakt. Es besteht noch die Hoffnung, dass er fahren kann", sagte Jens Zemke, Sportlicher Leiter von Schachmanns Team Bora-hansgrohe, nach Rücksprache mit den Teamärzten am Sonntag der Deutschen Presse-Agentur. Demnach müsse Schachmann nicht operiert werden.

Evenepoel stürzt von einer Brücke - ihm stehen alle Schutzengel bei

Noch schlimmer als ihn erwischte es Senkrechtstarter Evenepoel, dem bei seinem lebensgefährlichen Abflug alle Schutzengel beistanden. Der 20-Jährige, der sein erstes Radsport-Monument bestritt, rammte auf der tückischen Abfahrt von der Muro di Sormano den ungesicherten Vorsprung einer Brückenmauer und stürzte fast zehn Meter tief in eine Schlucht. Nach bangen Minuten wurde Evenepoel geborgen - mit einem Beckenbruch kam er noch glimpflich und vor allem lebendig davon.

"Remco hat sich bei mir entschuldigt. Ich sagte: Halt die Klappe! Du bist am Leben, nur das zählt", meinte Quick-Step-Teamchef Patrick Lefevere: "Ich habe mehrmals dem Weltverband klarmachen wollen, dass solche Abfahrten einfach nicht möglich sind, aber nichts ändert sich."

Protest am Sonntag

Der Schock nach dem Zielsprint-Drama um den niederländischen Meister Jakobsen, der am 5. August bei der Polen-Rundfahrt in die Absperrung geknallt war und schwerstverletzt überlebte, steckte Lefevere noch in den Knochen: "Wir hätten zwei tote Fahrer haben können, da denkst du nicht mehr über Rennen und Siege nach."

Die Geschehnisse der Lombardei-Rundfahrt und der Dauphine lassen alle Alarmglocken schrillen. Bei der Abfahrt, die Buchmann zum Verhängnis wurde, stürzte auch Jumbo-Visma-Star Steven Kruijswijk schwer, wenig später erwischte es auch seinen Kapitän Primoz Roglic heftig. Kruijswijk gab mit ausgekugelter Schulter auf, Tour-Favorit Roglic trat trotz Gesamtführung am Sonntag nicht mehr an - hinter ihren Tour-Plänen stehen Fragezeichen.

Ihre Teamkollegen schäumten angesichts der Sicherheitsmängel bei der vom Tour-Veranstalter A.S.O. organisierten Dauphine. "Die Abfahrt war lebensgefährlich, ein Ziegenpfad mit Schotter. Eine Schande, dass sowas im modernen Radsport möglich ist", schimpfte Ex-Giro-Sieger Tom Dumoulin. Der deutsche Routinier Tony Martin stellte die drängendste Frage: "Was muss noch alles passieren, bis sich etwas ändert?"

Nach den schweren Stürzen beim Criterium du Dauphine haben die Radprofis am Sonntag gegen die gefährliche Streckenführung bei der Tour-Generalprobe protestiert. Die teilnehmenden Fahrer setzten durch, dass die ersten abschüssigen zehn Kilometer nach dem Start im französischen Megeve neutralisiert und nicht im Renntempo absolviert werden. Angesichts der Vorfälle vom Vortag sei alles andere zu riskant gewesen.

"Die Fahrer wollen ein deutliches Signal des Protests an die Veranstalter und den Weltverband UCI senden, um auf die schweren Stürze und Unfälle in den jüngsten Rennen zu reagieren, und zu größerer Aufmerksamkeit für ihre Sicherheit aufrufen", teilte die Fahrervereinigung CPA mit. Zudem forderte die CPA einen Runden Tisch mit allen Beteiligten, um konkrete Maßnahmen zur Verbesserung der Sicherheit zu erörtern.

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