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Unfall von Radprofi Jakobsen:"Eine Ankunft mit 85 km/h ist immer Selbstmord"

Erste Etappe der 'Tour de Pologne'

Der fatale Moment: Fabio Jakobsen (li) und sein Landsmann Dylan Groenewegen (2.v.l) aus den Niederlanden stürzen beim Zielsprint.

(Foto: dpa)

Der lebensgefährliche Crash des Niederländers Fabio Jakobsen im Zielbereich einer Etappe der Polen-Rundfahrt offenbart die Gefahren von Massensprints - es kursieren schwere Vorwürfe.

Von Johannes Knuth

Die Ergebnisliste, die noch am Tag danach über die offiziellen Kanäle verbreitet wurde, zeugte von einer makaberen Kühle. Sieger der ersten Etappe bei der Polen-Rundfahrt war demnach der Fahrer mit der Startnummer 75, Fabio Jakobsen aus den Niederlanden, nach 4 Stunden, 31 Minuten und 50 Sekunden. Er hatte sogar noch zehn Sekunden Zeitbonifikation gutgeschrieben bekommen, weil er am Mittwochabend als Sieger der Sprintankunft in Kattowitz gewertet wurde.

Tatsächlich war Jakobsen kurz vor dem Ziel derart schwer gestürzt, dass sein Rad durch die Luft gerauscht war und der Transponder am schnellsten die Zeitmessung ausgelöst hatte - der Niederländer Dylan Groenewegen, der noch früher ins Ziel geschlittert war, wurde später disqualifiziert. Jakobsen war da längst auf dem Weg ins Krankenhaus, wo die Ärzte um sein Leben kämpften.

Die Bilder, die derweil in die sozialen Medien übertragen wurden, waren kaum zu ertragen: Wie das Peloton Richtung Ziel raste, Groenewegen und Jakobsen vorneweg, Rad an Rad auf der abschüssigen Zielgeraden. Wie Groenewegen seinen Landsmann dann in Richtung Absperrung drängte und irgendwann, als kein Platz mehr übrig war, in die Bande. Absperrungen barsten auseinander, Fahrer donnerten in den Asphalt, rissen weitere von den Rädern.

Jakobsen, teilten die Organisatoren rasch mit, habe bei dem Unfall ein schweres Schädel-Hirn-Trauma erlitten, einen gebrochenen Gaumen und eine Quetschung der Luftröhre. Man befürchte das Schlimmste. Am Donnerstagmorgen, nach einer fünfstündigen Operation, schwebte der 23-Jährige zumindest nicht mehr in Lebensgefahr; Wirbelsäule und Gehirn hatten dem Vernehmen nach keine Schäden erlitten. Ein Helfer, mit dem Jakobsen am Streckenrand zusammengeprallt war, sei mittlerweile auch wieder bei Bewusstsein. Der Zustand der beiden sei stabil, aber weiter ernst, hieß es. Jakobsens Team Deceuninck-Quickstep teilte am Donnerstag mit, dass die Ärzte im Lauf des Tages damit beginnen wollten, ihn aus dem künstlichen Koma aufzuwecken.

Dylan Groenewegen trägt offenbar Hauptschuld

Was die unmittelbare Unfallanalyse betraf, waren sich die Sachverständigen schnell einig: Dylan Groenewegen habe seine Rennlinie fahrlässig verlassen und so den Unfall provoziert. Der Radsport-Weltverband UCI richtete ebenso rasch aus, dass man den Vorfall dem eigenen Disziplinartribunal gemeldet habe, um weitere Sanktionen gegen den 27-Jährigen zu verhängen. Jakobsens Teamchef Patrick Lefevere unterstellte dem Verursacher gar kriminelle Energie und forderte eine Gefängnisstrafe. Groenewegens Team Jumbo-Visma entschuldigte sich fürs Erste "aufrichtig", man wolle den Vorfall aber erst intern untersuchen. Groenewegen selbst meldete sich erst am Donnerstag zu Wort: "Was gestern geschehen ist, ist schrecklich. Ich finde keine Worte um zu beschreiben, wie leid es mir tut für Fabio und die anderen, die gestürzt sind oder betroffen waren."

Massensprints im Radsport werden seit Jahren immer verbissener und risikoträchtiger ausgetragen, auch diesen Trend betonten viele Sachverständige nun wieder, aber das war nur die eine Seite der Geschichte. Viele Fahrer erinnerten nach der Etappe auch an einen bekannten Konflikt: dass sie sich in wichtigen Fragen seit Jahren nicht wahrgenommen fühlen. "Jedes Jahr derselbe dumme Bergabsprint bei der Polen-Rundfahrt", twitterte der Deutsche Simon Geschke und erhielt viel Zuspruch aus dem Kollegium. Der Italiener Fabio Sabatini, einst Anfahrer des deutschen Sprinters Marcel Kittel, assistierte: Den Rennorganisatoren müsse endlich klar werden, "dass eine Ankunft mit 85 km/h immer Selbstmord ist. Aber sie wollen immer die Show. Hier ist die Show!"

Tatsächlich reiht sich der jüngste Crash in eine Kette betrüblicher Vorfälle in den vergangenen Jahren ein. Mal waren es Begleitmotorräder, die mit Fahrern zusammenstießen. Mal der Plan der Giro-Ausrichter, die vor drei Jahren offenbar auch eine Show witterten, als sie eine Wertung für den schnellsten Abfahrer bei der Italien-Rundfahrt planten, samt Geldprämie.

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