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Formel 1 in Silverstone:Bewerbungsfahrt im umstrittenen Auto

70th Anniversary Grand Prix

"Ich hab die Autoschlüssel wieder bekommen": Nico Hülkenberg ist nach Platz drei im Qualifying begeistert.

(Foto: Andrew Boyers/Reuters)

In der Formel 1 tobt der Zoff über die Sanktionen in der Kopier-Affäre für Team Racing Point. Aushilfsfahrer Nico Hülkenberg ist das egal: Er hat die Chance, erstmals aufs Podium zu fahren.

Von Elmar Brümmer

Was für eine nette Familie, denkt sich der Betrachter. Da kommt Nico Hülkenberg zurück aus der Formel-1-Rente, fährt in seinem zweiten Qualifying gleich auf den dritten Startplatz. Max Verstappen, den er gerade auf Rang vier verwiesen hat, klopft ihm auf die Schulter, Lewis Hamilton, diesmal nur Zweiter hinter seinem Mercedes-Kollegen Valtteri Bottas, flachst mit dem Emmericher, als die beiden sich für die Fernsehinterviews nach dem Zeitfahren für die Startaufstellung beim Jubiläums-Grand-Prix in England bereit machen. Hülkenberg konnte es unmittelbar nach seiner starken Leistung noch nicht ganz fassen: "Ich bin ein bisschen überrascht, habe aber ein großes Lächeln im Gesicht."

Die Formel 1 feiert ihren 70. Geburtstag mit einem eigenen Rennen nach, manchmal hat dieser Not-Kalender auch etwas Gutes. Die Fans fehlen auf dem Silverstone Circuit, deshalb ist die Party trotz Balearen-ähnlicher Temperaturen ein bisschen öde. Aber dafür gibt es, wie das in dieser Sippschaft schon immer Brauch war, ordentlich Zoff. Ausgelöst von jenem Racing-Point-Rennwagen, der Hülkenberg in die zweite Startreihe katapultiert hat und ihm damit eine kleine Chance gibt, in seinem 178. Grand Prix an diesem Sonntag erstmals auf das Podium zu fahren.

Das pinkfarbene Auto ist eine Kopie des Vorjahres-Silberpfeils von Mercedes. Sich an den Besten zu orientieren, ist nicht verboten. Gegen die Sportgesetze hingegen verstößt es, wenn Teile eins zu eins nachgebaut werden. Das ist offenbar bei den Bremsbelüftungs-Schächten der Fall. Weshalb der Automobilweltverband am Freitag geurteilt hat: Pro Auto werden Racing Point 7,5 Punkte in der Konstrukteurswertung abgezogen und ein Bußgeld von 200 000 Euro verhängt. Racing Point darf die beanstandeten Schächte aber trotzdem weiterhin einsetzen. Typische Formel-1-Logik, basierend auf einem komplizierten Reglement, das aus einem sportlichen und einem technischen Teil besteht. Es erinnert ein wenig an den Ferrari-Wundermotor, der im Renn-Winter beanstandet worden war. Als illegal darf man ihn offiziell nicht bezeichnen, denn die Scuderia und der Automobilweltverband Fia haben sich gegen Zahlung einer Buße in mehrstelliger Millionenhöhe auf Stillschweigen geeinigt.

"Wir wollen nächstes Jahr nicht acht oder zehn Mercedes im Starterfeld haben", sagt der Fia-Kontrolleur

Auch im aktuellen Fall sehen die Funktionäre nicht besonders gut aus: Sie hatten die fraglichen Teile bei einem Fabrikbesuch im Februar inspiziert. Deshalb kommt es, wie es kommen musste: Ferrari, McLaren, Renault und Williams haben am Samstagvormittag erklärt, in die Berufung gehen zu wollen. Die Rennställe wollen erreichen, dass Racing Point die Bremsbelüftungen nicht mehr verwenden darf, was einen großen Rückschlag für das Aufsteiger-Team bedeuten würde. Am liebsten würden sie das ganze Auto verbieten lassen. Der verurteilte Rennstall selbst protestiert auch, er möchte sich von den Copyshop-Vorwürfen reinwaschen.

Darob eskaliert auch der schon länger schwelende Konflikt zwischen Ferrari und Mercedes neu. Branchenüblich wird nicht offen gekämpft, es gibt verdeckte Anschuldigungen. So bemüht sich die eine Fraktion, Mercedes-Teamchef Toto Wolff in die Rolle eines Mitwissers zu drängen. Der Weltmeister-Rennstall wiederum droht damit, das neue Formel-1-Grundgesetz namens Concorde Agreement nicht zu unterzeichnen - Ferrari sei einmal mehr darin finanziell bevorteilt. Nicolas Tombazis, der unglücklich wirkende Technik-Kontrolleur des Automobilweltverbandes, möchte Klarheit in einer Angelegenheit: "Wir wollen nächstes Jahr nicht acht oder zehn Mercedes im Starterfeld haben."

Wenn es einen gibt, dem das Gezeter reichlich egal ist, dann Aushilfs-Chauffeur Nico Hülkenberg. Für ihn ist jede Runde ein Bewerbungsschreiben. Bei seinem ersten Start für den am Coronavirus erkrankten Mexikaner Sergio Perez schaffte es sein Auto wegen eines gebrochenen Bolzens im Kupplungsgehäuse erst gar nicht in die Startaufstellung. Umso größer die Genugtuung für den 32-Jährigen, dass er jetzt die Verfolger der auch in diesem Jahr uneinholbar scheinenden Mercedes-Rennwagen anführt. Mit einem Cowboy-ähnlichen Jubelschrei quittierte er die hervorragende Ausgangsposition für den fünften WM-Lauf. Zwischendrin war es mal knapp, als er auf einer richtig schnellen Runde über die Randsteine rumpelte. Aber das Schicksal scheint sich gewandelt zu haben.

In den letzten beiden Rennjahren, als Hülkenberg und Sebastian Vettel die einzigen deutschen Fahrer im Feld waren, hatte meistens der Ferrari-Pilot das bessere Ende für sich, weil er im besseren Auto saß. Diesmal ist es umgekehrt. Vettel schied trotz eines neuen Motors im zweiten Qualifikationsabschnitt aus und klang so frustriert, wie es Hülkenberg während seiner Zeit im Renault-Werksteam häufig war: "Das war alles, was ich rausholen konnte. Mehr kann ich nicht tun. Wir kommen einfach auf keinen grünen Zweig."

Bei Haas-Ferrari und Alfa Romeo könnte Platz für Hülkenberg sein - oder gar bei Racing Point

Für Hülkenberg ist die neuerliche Chance in Silverstone mit der Hoffnung verbunden, sich für eine Festanstellung in der Saison 2021 zu empfehlen. Nach ein paar Simulatorstunden war er fit für den Einsatz, das spricht für seine Qualität. Manche Piloten brauchen Wochen, um allein den komplizierten Lenkradcomputer zu verstehen und zu beherrschen, den jedes Team individuell programmiert. Hülkenberg ist mental und körperlich topfit. Er twitterte vor Begeisterung über sein Comeback ein Bild jenes grünen Comic-Hünen, dem er seinen englischen Spitznamen "Hulk" zu verdanken hat: "Ich hab die Autoschlüssel wieder bekommen."

Haas-Ferrari und Alfa Romeo sind zwei der Rennställe, die noch keinen Fahrer für die kommende Saison nominiert haben. Er befinde sich in Gesprächen, sagt Hülkenberg. Eine theoretische Möglichkeit wäre aber auch Racing Point, falls dort der Deal mit Sebastian Vettel nicht zustande kommen sollte. Über das Jubiläums-Rennen hinaus könnte Hülkenberg aber auch am kommenden Wochenende beim Großen Preis von Spanien eingesetzt werden, da nicht klar ist, ob die Quarantäne von Perez bis dahin beendet ist. Auch das ist für den Quereinsteiger momentan noch viel zu weit entfernt: "Diese Woche habe ich mich wesentlich besser gefühlt, ich habe aber auch viel Respekt vor dem Sonntag." Die Zielsetzung dürfte der vom Samstag ähneln: "Es kommt darauf an, alles herauszuquetschen."

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