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Prozess:Gutes Doping, schlechtes Doping

20200219 Hauptverhandlung gegen Walter Mayer wegen Doping INNSBRUCK, ÖSTERREICH - FEBRUARY 19: Früherer Cheftrainer des

Alter Bekannter: Walter Mayer, früher Cheftrainer von Österreichs Langläufern und Biathleten, steht wieder in Sachen Doping vor Gericht.

(Foto: Ulrich Kettner/imago images/dmuk-media)

War Walter Mayer, eine der affärenumtosten Figuren der Langlauf-Szene, bis zuletzt in Blutdopingpraktiken verstrickt?

Es ist schon später Nachmittag, als eine seltene Heiterkeit den Schwurgerichtssaal im Innsbrucker Landesgericht erfasst. Staatsanwalt Dieter Albert schaut den Angeklagten Walter Mayer besorgt an: Mayer sei ja doch ganz schön erblasst unter seinem grauen Haupthaar. "Sollen wir Ihnen einen Kaffee holen?", fragt Albert. Na, passt schon, antwortet Mayer. Aber der Ankläger lässt nicht locker, wie sich das eben gehört. "In China waren Sie aber ned?", flachst er. Bloß nicht auch noch eine Coronavirus-Epidemie am Landesgericht! Mayer lacht wieder matt; keine Sorge, er sei nur bis zum Vortag erkrankt gewesen. Die Verhandlung, die sich nun schon seit sechs Stunden zieht, habe er aber auf keinen Fall platzen lassen wollen.

Seit Wochen sind in Innsbruck zwar keine Viren, dafür die Ausläufer der Operation Aderlass zu spüren. Die zuständigen Ermittler hatten vor einem Jahr das mutmaßliche Blutdopingnest des Erfurter Sportarztes Mark Schmidt ausgehoben, und viele von Schmidts Kunden wurden zuletzt zu Bewährungsstrafen verurteilt: die österreichischen Skilangläufer Max Hauke und Dominik Baldauf, ihr ehemaliger Trainer Gerald Heigl, Johannes Dürr natürlich, der als Kronzeuge das Netzwerk enttarnt hatte. Anderen steht der Prozess noch bevor.

Und dann ist an diesem Februarmittwoch dieser alte Bekannte wieder mittendrin: Walter Mayer, ebenfalls langjähriger Trainer im Österreichischen Skiverband (ÖSV), der bereits vor sieben Jahren als Dopingkurier verurteilt worden war. Mayer soll schon damals Athleten wie Dürr weiter mit Stoff versorgt und beim Dopen unterstützt haben; bis 2019 sei er involviert gewesen. So lautet die neuerliche Anklage.

Walter Mayer also. Der Mayer, der die österreichischen Langläufer vor der Jahrtausendwende aus der Erfolglosigkeit hob. Bis eine Putzfrau in einem Haus, das der ÖSV-Tross während der Olympischen Winterspiele 2002 in Salt Lake City angemietet hatte, Geräte für Bluttransfusionen fand. Das Internationale Olympische Komitee sperrte Mayer für seine Leistungsmessen, doch der ÖSV ernannte ihn 2004 erneut zum Cheftrainer, für Langlauf und Biathlon. Bei Olympia 2006 in Turin ließen sie ihn sogar in der Unterkunft nächtigen. Dann rückten die Carabinieri ein. Sie fanden 100 Spritzen, 30 Schachteln Medikamente, ein Sportler schmiss sein Spritzenbesteck aus dem Fenster. Mayers Flucht endete im Alkoholnebel und in einer Straßensperre in Kärnten. Langwierige Prozesse folgten, 2013 ein letztinstanzliches Urteil, das sich heute arg vertraut liest: Mayer, so der Richter, hatte Athleten bis 2009 mit Wachstumshormon, Steroiden und dem Blutbeschleuniger Epo versorgt und sich als Architekt von Dopingplänen betätigt.

Turin, Spritzbesteck, Straßensperren: Das alles wirkte damals wie eine schmutzige Bestätigung dafür, wie fest der Betrug im Herzen des Sports wurzelt. Es war auch die Geburtsstunde eines legendären Bonmots. "Austria is a too small country to make good doping", sagte Peter Schröcksnadel, der affärenumtoste Präsident des ÖSV, in Turin bei einer eilig anberaumten Presserunde. Wobei er ja gar nicht so sehr im Unrecht war. Schlechtes Doping hatte er nicht ausgeschlossen.

"Haben Sie generell Probleme mit dem Gedächtnis?", fragt die Richterin einen Zeugen

Mayers Verteidiger Hans-Moritz Pott reißt diese Vita seines Mandaten am Mittwoch in Innsbruck noch einmal an. Es sei ja schon beachtlich, dass man den 62-Jährigen jetzt wieder "zum Kapo eines Systems" machen wolle. Genauso absurd sei es, dass die Staatsanwaltschaft ihre neuerliche Anklage auf den Aussagen von Johannes Dürr errichte. Niemand habe bei den Aderlass-Ermittlungen so oft gelogen oder seine Aussagen geändert, findet Pott. Zum Beispiel mit einer nachgeschobenen Beichte, in der Dürr auch Mayer belastet hatte.

Der Prozess beginnt dann erst mal mit einer Wende. Mit Mayer ist eine 37 Jahre alte ehemalige Hobbyläuferin angeklagt. Mayer soll ihr Humanalbumin verabreicht haben, einen Stoff, der gerne genutzt wird, um verdächtige Blutwerte zu verschleiern. Doch vor Gericht stellt sie das plötzlich ganz anders dar. Ja, Mayer habe zweimal eine Infusion gesetzt, je 250 Milliliter wenige Stunden vor einem Marathon - dabei habe es sich aber um eine Magnesiumlösung gehandelt. Das mit dem verbotenen Präparat habe sie nur gesagt, weil die Polizisten sie in der Vernehmung massiv bedrängt hatten: "Wir wissen, dass du was weißt zum Mayer - sag es, oder du gehst heute nimmer heim", habe es geheißen.

Stimmt schon, sagt Mayer kurz darauf, er habe die Läuferin wie geschildert behandelt. Ein Verschleierungsmittel könne es aber tatsächlich nicht gewesen sein, weil die Blutwerte einer Hobbyläuferin niemals derart verschleierungswürdig sein können. Und dass er mit den Infusionen die Anti-Doping-Spielregeln wohl so oder so verletzt haben müsste - zwölf Stunden vor einem Rennen sind keine Zuführungen über 100 Milliliter erlaubt? "Die Werte san mir nicht bewusst gewesen", sagt Mayer, das sei früher noch anders gewesen.

Kurz darauf verkriecht er sich wieder in sein Schweigen. Johannes Dürr ist jetzt als Zeuge geladen, der 32-Jährige bekräftigt, was er ausgesagt hatte: Zwei Blutabnahmen und zwei Reinfundierungen 2012, im Keller von Mayers Apartment in Radstadt unter Regie des Hausherrn. Gebrauchsanleitungen von Mayer, verfasst auf Notizzetteln, wie Dürr seine Epo-Kuren anzulegen habe. Gespräche mit Harald Wurm, dem ehemaligen Langläufer und Zimmerkollegen Dürrs, der ebenfalls bei Mayer sein Blut abgezapft und reinfundiert haben soll und derzeit separat angeklagt ist. Einmal, sagt Dürr, sei sein Blut derart zähflüssig gewesen, dass sie es auf die Heizung legten und mit einem Föhn bearbeiteten, damit es besser in den Körper zurückfließt.

Dürrs ehemaliger Trainer Heigl stützt kurz darauf die zentralen Vorwürfe. Er sei bei Dürrs Blutbehandlungen in Mayers Haus zweimal dabei gewesen; er habe von Mayer auch Wachstumshormon und Epo bezogen (was Meyer bestreitet). Vieles bleibt am Mittwoch allerdings nebulös. Einmal weist die Richterin darauf hin, was Mayer bereits in den Vernehmungen gesagt hatte: dass er Dürrs Blut zwar abgenommen, aber nicht gelagert und reinfundiert habe. Dürr widerspricht dem in Innsbruck, er streitet auch ab, dass er sich einmal selbst die Nadel bei der Zuführung gesetzt habe - was Heigl während seiner Befragung indes bekräftigt. Heigl wird auch daran erinnert, dass er - laut Mayers Vernehmungsprotokoll - dem Bluttankwart einmal vorgehalten habe, dessen Behandlungsmethoden seien nicht mehr "up to date". Bald darauf wechselte Dürr zu Mark Schmidt. Daran kann Heigl sich wiederum nicht erinnern. Und Harald Wurm, der streitet am Mittwoch als Zeuge sogar alles ab: dass er jemals bei Mayer zum Blutdopen war oder überhaupt, wobei Mayer vorher erklärt hatte, dass er für Wurm die Blutbeutel besorgt haben will - mehr aber nicht. Nein, an verbotene Methoden könne er sich partout nicht erinnern, sagt Wurm.

"Haben Sie generell Probleme mit dem Gedächtnis?", fragt die Richterin.

Die Erinnerungslücken sind noch so ein zentrales Thema an diesem Tag. Auch Dürr und Heigl flüchten sich oft ins Vage, etwa wenn es darum geht, wann und wie genau sie von Mayer beim Dopen unterstützt und versorgt worden sein sollen. Na ja, sagen beide, die Ereignisse seien eben lange her. Erst am Nachmittag ist auch Mayer gewillt, zur Sache auszusagen, aber er spüre nun doch seine jüngste Krankheit, sagt er. Richterin und Staatsanwalt wollen weitere Zeugen hören, die Polizeibeamten etwa, die die Leichtathletin unter Druck gesetzt haben sollen. Die Verhandlung wird auf unbestimmte Zeit vertagt.

Unwidersprochen bleibt bis dahin, dass Mayer wohl in manche Dopingpraktiken eingespannt war. Aber wie tief? Als Anführer oder Zuträger? Mit gutem Doping, schlechtem Doping? Fürs Erste bleibt das Bild, dass Mayer offenkundig weiter in einem Geflecht wirkte, in dem ein Glaube auch 14 Jahre nach Turin wurzelt: dass ohne Stoff und Hilfe von verurteilten Dopern wenig zu holen ist.

© SZ vom 21.02.2020
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