Spanischer Fußball Kollabierende Fans und ein Profi, der sich übergibt

Auch die Besten gönnen sich mal ein Päuschen: die Barcelona-Profis Lionel Messi und Luis Suarez (rechts).

(Foto: dpa)
Von Javier Cáceres

Die Zerstückelung der Spieltage der spanischen Primera División sorgt für neue Spannungen zwischen der dortigen Fußball-Liga (LFP) und dem Verband RFEF. Anlass bieten Zusammenbrüche von Fußballfans beim Spiel der UD Levante und dem FC Sevilla (2:6). Dort hatten 14 Fußballfans wegen Hitzschlägen ambulant behandelt werden müssen. Das Spiel war um zwölf Uhr mittags, bei sengender Sonne, angepfiffen worden. Und beim Spiel Villarreal gegen den FC Valencia, das um 16.15 Uhr bei mehr als 30 Grad im Schatten begann, musste Villarreals Verteidiger Álvaro in der Halbzeitpause ebenfalls behandelt werden. Er klagte über Schwindelgefühle sowie Kopfschmerzen und hatte sich nach eigenen Angaben übergeben. "Bei dieser Hitze zu spielen, ist unmenschlich", sagte Álvaro, der gleichwohl bis zum Ende durchhielt.

Die Vorkommnisse lösten einen Twitter- und Radiokrieg zwischen RFEF-Präsident Luis Rubiales und LFP-Chef Javier Tebas aus. Rubiales kündigte an, dass der Verband die Hoheit über die Anstoßzeiten an sich reißen werde, sobald die aktuelle Vereinbarung mit der Liga ausgelaufen ist. "Wenn die LFP die irrwitzigen Anstoßzeiten beibehält, werden wir uns 2019/20 die entsprechende Kompetenz zurückholen", schrieb Rubiales. Die aktuelle Lage sei "eine Schande"; dass Menschen kollabierten, sei "nicht hinnehmbar", sein Verband RFEF habe es "satt". LFP-Chef Tebas wiederum warf Rubiales "Demagogie" vor. Seine Mitteilung setzte er beim Motorrad-Grand-Prix von Aragonien ab - "bei 32 Grad und mit 114 000 Zuschauern, die in der Sonne klaglos die Rennen genießen."

Im Radiosender Cope legten beide nach. Die Liga lege seit 1990 die Anstoßzeiten fest, und "bei der WM in Russland wurden Partien bei 37 Grad gespielt", zeterte Tebas. Er unterstellte, Rubiales wolle sich die Hoheit über Anpfiffzeiten abkaufen lassen. Rubiales wetterte, die Gesundheit der Profis müsse über allem stehen, auch über dem Geld aus dem Auslandsgeschäft.

Damit zielte Rubiales auf den Kern des Problems. Die Anstoßzeiten wurden von der Liga auch deshalb modifiziert, weil man sich durch Spiele zur (spanischen) Mittagszeit wegen der Zeitverschiebung bessere Einschaltquoten in Asien versprach - und damit höhere Einnahmen durch TV-Verträge. Im Juni kündigte die LFP an, in den fünf kommenden Jahren mit dem Verkauf der Übertragungsrechte für das Ausland knapp 4,5 Milliarden Euro zu erlösen.

Das sei eine Steigerung von 30 Prozent gegenüber den drei vergangenen Jahren. Diese Einnahmen seien sehr wichtig, räumte Rubiales ein, der im Mai zum Verbandspräsidenten gewählt worden war, "aber es gibt einfach Grenzen, die nicht überschritten werden sollten".

Rubiales' Wahl geschah gegen den offenen Widerstand von Liga-Boss Tebas, dem Rubiales in Abneigung verbunden ist. Ehe sich Rubiales um den Posten als RFEF-Chef bewarb, war er, der ehemalige Fußballprofi, bereits Vorsitzender der Spielergewerkschaft AFE und damit natürlicher Gegenspieler von Tebas gewesen. Der Ligaverband ist nicht nur Organisator der spanischen Liga, sondern auch der Arbeitgeberverband. Nun wacht Rubiales zwar nicht mehr über die Interessen der Arbeitnehmer. Wohl aber über die Interessen des unterklassigen Fußballs, der genauso wie der deutsche Amateur- und Frauenfußball darunter leidet, dass die Erstligisten von Freitag- bis Montagabend das Zuschauerinteresse monopolisieren - und damit für sinkende Einnahmen sorgen. Am Wochenende wurden die zehn Spiele zu neun verschiedenen Uhrzeiten angepfiffen. Zu Saisonbeginn klagte der deutsche Nationalspieler Toni Kroos, dass ein Spiel seines Teams Real Madrid um 22.15 Uhr begann.

Ein weiterer Streitpunkt sind Ligaspiele in den USA

Ein weiterer Streitpunkt ist die Idee von Tebas, Ligaspiele in den USA auszutragen, um neue Märkte zu erobern. Dem steht die Gewerkschaft feindlich gegenüber - unter Verweis auf den Tarifvertrag. So gut Fußballprofis in Spanien verdienen, so sie sind eben auch Arbeitnehmer mit Rechten, zum Beispiel auf freie Tage oder eine Maximaldauer von Trainingslagern vor Pflichtspielen, die bei einem US-Trip wohl unterlaufen würden. Im Raum steht daher eine Streikdrohung der Profis. Der Verband RFEF wiederum ist erbost, dass die LFP, also Tebas, es nicht für nötig hielt, ihn in die Pläne einzuweihen. Der Verband hat angedeutet, Tebas' Vorhaben, im Januar das Spiel FC Girona gegen FC Barcelona in Miami auszutragen, nicht zu genehmigen. "Das soll er sich mal aus dem Kopf schlagen", sagte Rubiales am Sonntag.

Am gleichen Tag hatte Rubiales einen ungeahnten Alliierten gefunden: Real-Madrid-Präsident Florentino Pérez kündigte an, dass sein Verein keine Auslandsspiele bestreiten werde. Aus Gründen, die wohl am ehesten damit zu tun haben, dass neben Real Madrid keine Sonne scheinen soll: Das US-Geschäft würde er für Real gerne möglichst exklusiv ausschlachten.

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