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Pressestimmen zur Blatter-Wiederwahl:"Wie ein schlechter Witz"

  • Der Mehrheit der Kommentatoren zufolge war die Zeit reif für einen Rücktritt Blatters - oder doch noch nicht, meinen andere.
  • Uefa-Chef Platini wird eine Mitschuld an der Misere vorgeworfen.
  • Die Sponsoren müssten auf Reformen bestehen, heißt es; Geld sei das einzig funktionierende Druckmittel.

Deutschland

Stuttgarter Zeitung: "Es klingt wie ein schlechter Witz. Der lauthals propagierte Neuanfang startet mit dem, der politisch für den Skandal verantwortlich ist. Dieser Freitag in Zürich steht für ein Versagen der Funktionäre auf ganzer Linie. Es gab die Chance, der Welt zu zeigen, dass es anders geht. Mit aller Verve hätte auf einen Rückzug Blatters und auf eine Verschiebung der Wahl gedrungen werden müssen. Allen voran der europäische Fußballverband Uefa. Er hat sich zwar an die Spitze der Kritiker gesetzt, ist aber schon daran gescheitert, die eigenen Verbände komplett hinter sich zu versammeln."

Westdeutsche Allgemeine Zeitung: "Blatter-Gegner haben zwar mit einem Boykott gedroht, doch dieses Instrument wird stumpf bleiben. Boykott hieße nämlich: Der große Fußball liefe plötzlich nicht mehr im Fernsehen. Das wäre die Konsequenz, denn waschen ohne nassmachen geht nicht. Also keine Länderspiele mehr? Keine Fan-Feiern mehr wie zum Beispiel am heutigen Abend beim Pokalfinale zwischen Borussia Dortmund und dem VfL Wolfsburg überall in Kneipen und Wohnzimmern? Spiele, auf die sich Millionen freuen? Natürlich wird es so weit nicht kommen."

Nürnberger Zeitung: "Auch wenn ein Platzverweis nie ernsthaft zur Debatte stand - zu einer Gelben Karte hat es immerhin gereicht. Nach den juristischen Tumulten im Vorfeld des FIFA-Kongresses in Zürich hat die Opposition ihr Profil zumindest ein wenig geschärft. Für den eigentlich unumgänglichen radikalen Schnitt fand sich zwar keine Mehrheit, doch das Beben von Zürich sollte die Fußballwelt endlich wachgerüttelt haben. Zur treibenden Kraft auf dem Weg zu echten Reformen müssen sich jetzt vor allem die Sponsoren aufschwingen. Ihre Androhung, den Geldhahn zuzudrehen, ist wohl die einzige Sprache, die Blatter wirklich versteht."

Mittelbayerische Zeitung: "Noch ist Zeit, dem Wahnsinn Einhalt zu gebieten - und hier stehen viele in der Verantwortung. Denn die Fifa hat bewiesen, dass sie nicht in der Lage ist, sich selbst zu reformieren. [...] Und erst dann kann passieren, was schon lange überfällig ist: Blatter muss zurücktreten. Dass er es überhastet vor der Wahl nicht gemacht hat, war richtig. Ohne das Feld für seinen Nachfolger zu bereiten, wäre die Fifa noch tiefer im Chaos versunken. Doch er muss gehen. "Der Fußball ist größer als jeder Präsident", hat Uefa-Chef Platini gesagt. Recht hat er."

Schweiz

Neue Zürcher Zeitung: "Sein rechtzeitiger Rückzug hätte zwar keines der angesprochenen Probleme gelöst, ein neuer Mann an der Spitze wäre aber immerhin mit dem Bonus des Unverbrauchten angetreten. Nur gibt es heute keinen neuen Hoffnungsträger. Und da muss sich primär der europäische Kontinentalverband Uefa an der Nase nehmen, oder konkreter: dessen Chef Michel Platini. [...] Wäre Platini tatsächlich daran gelegen gewesen, den Weltverband nach eigenem Gusto zu reformieren, hätte er selber als starker Gegenspieler in den Wahlkampf steigen und eine Niederlage riskieren müssen. Doch er präsentierte sich als Zauderer, sorgsam auf das eigene Image schielend. Blatter sagte in seiner Wahlrede, dass die Fifa einen starken Leader brauche. Bei Blatter darf man da ein Fragezeichen setzen - erst recht bei Platini."

Tages-Anzeiger: "Noch ist er persönlich nicht im Visier der Untersuchungsbehörde. Aber er wird hellhörig geworden sein, als die traditionell der Justiz nahestehende New York Times kurz nach der Verhaftung der sieben Funktionäre im Morgengrauen vom Mittwoch schrieb, das Verhalten des Fifa-Präsidenten selber sei "not yet" ("noch nicht", Anm.) Gegenstand der Ermittlungen. Und als die US-Justizministerin noch am selben Tag sagte, ihr Amt würde nicht ruhen, bis der ganze Sumpf trockengelegt sei. Was das bedeutet, wissen jene Schweizer Banker, die seit Jahren in Strafverfahren in den USA verwickelt sind."

Spanien

El País: "Die drängendste Frage ist, ob Joseph Blatter dazu im Stande ist, die politischen und wirtschaftlichen Gräben zu schließen, die die von ihm geduldete Korruption aufgerissen hat. Die Antwort ist Nein. Weil seine Wiederwahl nicht dazu beiträgt, die Zweifel an der Duldung der unrechtmäßigen Geschäftemacherei zu zerstreuen. Und weil Großbritannien und Deutschland Blatter nicht akzeptieren können, nachdem dieser Unterstützung von Putin bekam."

Marca: "Nichts wird anders. Das Geschäft geht weiter."

AS: "Blatter bezwingt Ali im zweiten Durchgang. Er wird seinen Titel nun gegen das FBI verteidigen."

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