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Mauricio Pochettino:Sein Image bleibt intakt - nicht nur auf der Insel

Im Aprl 2018 war José Mourinho noch Trainer Manchester United - und traf auf Tottenham Hotspur mit Mauricio Pochettino.

(Foto: AFP)
  • Bei Tottenham Hotspur löst José Mourinho den langjährigen Teammanger Mauricio Pochettino ab.
  • Der Argentinier hat etwas erschaffen, was bleiben wird und dürfte mit weit größerer Gewissheit in die Zukunft blicken als Tottenham.
  • Sein Name wird prompt mit dem FC Bayern in Verbindung gebracht. Als wahrscheinlich gilt aber, dass es ihn zurück nach Spanien zieht.

Wenn Uhrzeiten Rückschlüsse auf Dringlichkeiten zulassen, die Vertragspartner verspüren, dann konnte am Mittwoch kein Zweifel daran bestehen, dass José Mourinho es wirklich nicht mehr aushielt. Weder daheim auf dem Sofa vorm Fernseher, noch in Studios des britischen Fernsehens, dem er bisher gegen gutes Entgelt Expertisen lieferte.

Am frühen Morgen des Mittwochs, noch vor Morgengrauen, hatte Mourinho, 56, seine Unterschrift unter einen auf gut dreieinhalb Jahre angelegten Arbeitsvertrag bei Tottenham Hotspur gesetzt. Und das hieß: Nicht einmal ein halber Tag war vergangen, seit Spurs-Boss Daniel Levy den Argentinier Mauricio Pochettino als Tottenham-Coach auf die Straße gesetzt hatte - nach fünfeinhalb derart brillanten Jahren, dass ihm sofort nachgeweint wurde. Der einstige Spurs-Stürmer und heutige TV-Experte Gary Lineker wünschte der Klubführung "viel Glück dabei, einen Besseren zu finden - das wird nicht gelingen!" Der Guardian pflichtete ihm bei: "Vergesst den langsamen, fahlen Tod der letzten zehn Monate", schrieb das Blatt in Anspielung auf die sportliche Krise der Londoner - dennoch: Pochettino dürfe "mit größerer Gewissheit in die Zukunft blicken" als Tottenham, prophezeite das Blatt.

Die Trainer-Stationen von Jose Mourinho

Sporting Lissabon (Co-Trainer) 1992 - 1993

FC Porto (Co-Trainer) 1994 - 1996

FC Barcelona 1996 - 2000 (Co-Trainer von Bobby Robson und Louis van Gaal, zeitweise auch Trainer des FC Bacrelona II)

Benfica Lissabon 9/2000 - 12/2000

Uniao Leiria 4/2001 - 1/2002

FC Porto 1/2002 - 6/2004

FC Chelsea 6/2004 - 9/2007

Inter Mailand 6/2008 - 6/2010

Real Madrid 6/2010 - 6/2013

FC Chelsea 6/2013 - 12/2015

Manchester United 6/2016 - 12/2018

Tottenham Hotspur ab 11/2019

Pochettino hat tatsächlich bei den Spurs etwas erschaffen, was bleiben wird - in einer Zeit, in der Tottenham vergleichsweise wenig Geld in Spieler investierte, um das neue, faszinierende Stadion zu finanzieren. Von den 20 Premier-League-Teams haben zuletzt 16 mehr Geld in Beine investiert als Tottenham. Dennoch: Pochettino stand bei 202 Ligaspielen an der Seitenlinie - so oft wie kein Spurs-Trainer vor ihm. Er führte das Team fünf Mal unter die Top Fünf der Liga, 2017 sogar bis auf den zweiten Platz. Für die Spurs, die in ihrer mehr als 130-jährigen Geschichte nur zwei Mal Meister wurden, war es das beste Klub-Ergebnis seit dem Doublegewinn 1960/61.

In der Vorsaison legten die Spurs mit Pochettino auch noch eine famose Champions-League-Kampagne hin. In unvergesslich dramatischen Spielen setzte sich Pochettinos Elf gegen Manchester City und Ajax Amsterdam durch, im Viertel- und Halbfinale. Im Endspiel von Madrid waren die Spurs dann dem FC Liverpool von Jürgen Klopp klar unterlegen. Danach sinnierte Pochettino laut darüber, ob er nicht besser seinen Rücktritt erklären sollte, legte, wie man nun weiß, die Verkäufe von Spielern wie Alderweireld, Rose, Vertonghen und des dänischen Top-Mittelfeldspielers Eriksen nahe. Alle blieben.

Nun gelten sie in englischen Zeitungen als Hauptgrund für die Spurs-Malaise, die aber auch daher rührt, dass Sommereinkäufe wie Ndombelé (Lyon/60 Millionen Euro), Sessegnon (Fulham/27 Millionen) und Lo Celso (Betis Sevilla/Leihe) erst spät zum Team stießen. Es folgte ein sportliches Drama: In der Champions League setzte es eine peinliche 2:7-Heimpleite gegen den FC Bayern von Niko Kovac; in der Premier League liegt Tottenham mit 14 Punkten aus zwölf Spielen und 20 Punkten Rückstand auf Tabellenführer Liverpool nur auf Platz 14; im Liga-Cup verloren die Spurs gegen einen Viertligisten, das letzte Pflichtspiel war das fünfte in Serie ohne Sieg. Doch so unumgänglich der Abschied wurde: Pochettinos Image blieb intakt, auf der Insel und in Kontinentaleuropa.

In der Branche gilt als wahrscheinlich, dass es Pochettino in seine frühere Wahlheimat Spanien zieht

Bestes Indiz dafür: Nur Minuten nach seinem Aus wurde sein Name mit den Bayern in Verbindung gebracht wurde, wo Hansi Flick sich nur einstweilen als Cheftrainer fühlen darf. Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge hat Pochettino einmal als Bayern-kompatibel eingeschätzt, weil er "ähnlich wie wir auf Ballbesitz und auf Offensivgeist spielt und sich nicht defensiv groß um den Gegner kümmert". Ob das allerdings die fehlenden Deutschkenntnisse aufzuwiegen würde, auf die deutsche Klubbosse Wert legen? Gewiss ist nur: Scheu vor diesem Defizit hätte Pochettino nicht. Seine erste Trainerstelle im nicht-spanischsprachigen Ausland (2013, Southampton) trat er ohne Englischkenntnisse an - mittlerweile hat er mehr als passable.

In der Branche gilt aber als wahrscheinlich, dass es Pochettino nicht nach Deutschland, sondern in seine frühere Wahlheimat Spanien zieht. Das wäre angesichts des bisherigen Saisonverlaufs dort, in dem alle Branchengrößen schwächelten, nachvollziehbar: Am Ende könnte ein Wettbieten der Topklubs um Pochettino stehen. Real Madrid hat schon mal seine Fühler ausgestreckt, nur zum FC Barcelona würde Pochettino wohl nicht gehen - er war Spieler und Trainer des Lokalrivalen Espanyol. Und so wie sein Nachfolger Mourinho ist er eben nicht: Der Portugiese sagte 2015, er werde aus Rücksicht auf seinen früheren, mit Tottenham verfeindeten Klub Chelsea nie die Spurs trainieren. Jetzt tut er es.

Ein anderer Unterschied: Im Gegensatz zu Pochettino hat Mourinho Deutsch gelernt, jedenfalls nach eigenen Angaben. Auch sein Name war ohne nähere Quellenangaben im Zusammenhang mit den Bayern genannt worden. Nun wird er im Dezember tatsächlich nach München reisen, in der Champions League, mit den Spurs - und unter Beweis stellen wollen, dass sein Fußball-Ansatz nicht so aus der Mode gekommen ist, wie ihm nachgesagt wird.

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