Para Leichtathletik-EM Vier Mal Gold ist nicht genug

Der Sprung zum Glück: Markus Rehm springt in Berlin mit Weltrekord zum EM-Titel.

(Foto: Axel Kohring/imago)
  • Bei der Para Leichtathletik-EM in Berlin springt Markus Rehm wieder einmal Weltrekord und holt somit Gold.
  • Doch der vierte Titel in Serie reicht ihm nicht: Er will zusammen mit Athleten ohne Handicap springen, genau wie einst Oscar Pistorius.
Von Fabian Dilger, Berlin

Markus Rehm hat mehr als nur seine Pflicht getan, so kann man es wohl ausdrücken. Der 30-Jährige von Bayer 04 Leverkusen hat die Weitsprung-Goldmedaille bei der Para Leichtathletik-EM gewonnen, er hat dem Publikum im Stadion einen deutschen Erfolg am Samstagnachmittag beschert und gleich noch einen Weltrekord aufgestellt. Im Berliner Jahn-Sportpark hat er seine eigene Bestmarke in seiner Wettkampfklasse mit 8,48 Metern minimal nach oben geschraubt, im Juli sprang er 8,47 Meter in Japan. "Hätte nicht besser laufen können", sagte Rehm nach dem Wettkampf und das stimmt auf mehreren Ebenen.

Denn mit dem Weltrekord hat Rehm mal wieder Werbung für sein größtes Anliegen gemacht. Es ist wie ein Mantra, das der 30-Jährige immer wieder verkündet: Rehm, der als Jugendlicher bei einem Wakeboard-Unfall ein Bein verloren hat und mit einer Prothese läuft und springt, will nicht nur bei Wettkämpfen für Para-Athleten antreten.

Leichtathletik-EM Bonsai, der Profi
Para-Leichtathletik-EM

Bonsai, der Profi

Paralympics-Sieger Niko Kappel ist seit Jahresbeginn hauptberuflich Kugelstoßer. Seine Silbermedaille verdeutlicht, wie schwierig so eine Karriere ist.   Von Sebastian Fischer

Die Paralympics, wo Rehm bereits drei Goldmedaillen gewonnen hat, sind für ihn nicht das Ende. Rehm dominiert den Weitsprung der Para-Athleten nach Belieben, richtige Gegner hat er dort nicht. Bei der EM im Berliner Jahnstadion gewann er mit fast einem halben Meter Vorsprung auf den Zweiten, seinem Vereinskollegen Felix Streng (Bayer 04 Leverkusen). Streng sprang persönliche Bestleistung. Ein bisschen hatte Rehm auf den Wind spekuliert, das Brett richtig getroffen, dann fiel der Weltrekord in seinem sechsten und letzten Versuch. "Das ist natürlich ein Traum hier vor der Heimkulisse", sagte er.

Aber der vierte EM-Titel in Serie bei den Para-Athleten reicht ihm nicht mehr. Er will bei EM, WM, Olympia zusammen mit Athleten ohne Handicap springen, er mit einer Prothese und die anderen Athleten ohne Beeinträchtigungen. Rehm hat sein Anliegen nach dem Wettkampf nochmal deutlich vorgetragen. Er hoffe, dass irgendwann nicht mehr in "Wir" und "Die" unterschieden werde, sondern dass alle Athleten, ob mit oder ohne Handicap, gemeinsam bei Wettkämpfen vertreten seien. Zum Vergleich: Bei der Leichtathletik-EM der Sportler ohne Behinderung, zwei Wochen vorher im Berliner Olympiastadion, sprang der Weitsprung-Sieger 8,25 Meter. Er habe die Marke vor dem Wettkampf schon im Blick gehabt, sagte Rehm.

Pistorius hat schon erreicht, was Rehm anstrebt

Ein Para-Athlet hat das, was Rehm fordert, schon geschafft, Der Südafrikaner Oscar Pistorius startete 2012 bei Olympia in London mit der 400-Meter-Staffel. Bei Rehm ist das Ganze komplizierter. 2014 trat er sogar schon einmal bei den deutschen Meisterschaften an, sprang weiter als alle Athleten ohne Handicap und holte den Meistertitel. Doch danach begann ein Hin und Her um die Frage: Hat Rehm mit seiner Prothese sogar einen Vorteil beim Weitsprung? Eine Untersuchung ergab kein klares Ergebnis, da Rehm zwar beim Absprung mehr Schwung habe, aber beim Anlauf weniger Geschwindigkeit. Die Forderung Rehms hat ihm ihm bei den paralympischen Athleten und Funktionären nicht nur Applaus eingebracht. Heinrich Popow, der bekannte Sprinter und Weitspringer, der bei der EM seine Karriere beendete, hat sich stets gegen eine solche Verschränkung ausgesprochen

Zurzeit hängt alles in der Schwebe. Rehm kritisiert, dass kein Verband den Mut habe, das Thema wirklich anzupacken. Er habe das Gefühl, die Verbände wollten das Thema aussitzen, sagt er. Ein Kompromiss, den Rehm anbietet, um möglichen "Ängsten" anderer Weitspringer aus dem Weg zu gehen: Er würde seine Wettkämpfe außerhalb der Wertung springen. "Es geht um das Zeichen, gemeinsam Sport zu machen." Seine Medaillen wolle er sowieso bei den Para-Athleten gewinnen.

Leichtathletik Mit Prothese im Vorteil?

Behindertensport

Mit Prothese im Vorteil?

Bei der Nichtbehinderten-WM würde er um Medaillen mitkämpfen, doch Weitspringer Markus Rehm darf weiter nur bei der Para-WM starten. In beiden Welten sehen ihn manche als Störenfried.   Von Sebastian Fischer