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"Operation Aderlass":Anklage gegen Erfurter Sportarzt und Helfer

  • Die Münchner Schwerpunkt-Staatsanwaltschaft hat nach der im Februar erfolgten Dopingrazzia Anklage erhoben gegen Sportarzt Mark Schmidt und vier weitere Beschuldigte.
  • Die Vorwürfe lauten unter anderem auf "gewerbsmäßige und teilweise bandenmäßige Anwendung verbotener Dopingmethoden bzw. der Beihilfe hierzu".
  • Gegen Schmidt wird zudem Anklage wegen des Verdachtes der gefährlichen Körperverletzung erhoben.
  • Die Ankläger haben viel Material zusammengetragen.

Es war ein Paukenschlag im Februar, bei der Ski-Nordisch-WM in Seefeld: Erstmals vollzogen deutsche und österreichische Strafbehörden länderübergreifend eine Dopingrazzia. Und das mit spektakulärem Erfolg: Um die Welt ging das Bild des verdutzten Langläufers Max Hauke, den die Bundespolizisten in flagranti ertappt hatten - mit der Infusionsnadel im Arm. Die "Operation Aderlass" beförderte ein Blutdoping-Netzwerk um den Erfurter Sportmediziner Mark Schmidt zutage, über Dutzende fachmännisch eingefrorene Blutbeutel und andere Beweismittel konnten 23 dopende Sportler enttarnt werden. Vergangenen Freitag war es dann so weit: Die Münchner Schwerpunkt-Staatsanwaltschaft hat Anklage gegen den thüringischen Sportarzt und dessen vier Helfer erhoben. Das gab sie nun bekannt.

Die Vorwürfe lauten unter anderem auf "gewerbsmäßige und teilweise bandenmäßige Anwendung verbotener Dopingmethoden bzw. der Beihilfe hierzu", heißt es in einer Mitteilung. Gegen Sportarzt Schmidt wird überdies Anklage wegen des Verdachts auf gefährliche Körperverletzung erhoben. Ein paar Tage zuvor hatte das Oberlandesgericht die Untersuchungshaft gegen den in Stadelheim einsitzenden Mediziner und einen seiner Helfer um drei Monate verlängert. Schmidt, so heißt es, habe bereits im Mai aufgehört, mit den Ermittlern zu sprechen.

Eine 145-seitige Anklageschrift

Doch auch so haben die Ankläger genug Material zusammengetragen. Es füllt 54 Bände, und nun eine 145-seitige Anklageschrift. Benannt sind mehr als 30 Zeugen; zahlreiche betroffene Athleten sowie diverse Gutachter, zudem stützt sich die Anklage auf viele Dokumente. Die Ermittlungen, die auf insgesamt 50 Personen zielen - Sportler, Ärzte, Betreuer -, brachten ans Licht, dass 23 Sportler aus acht Ländern Europas, insbesondere aus dem Rad- und Wintersport, Blutdoping mit fachkundiger Hilfe des Erfurter Docs betrieben hatten. Strafbar ist das für Sportler hierzulande freilich erst seit Inkrafttreten des Antidopinggesetzes im Dezember 2015. Andere Länder hatten dies schon früher eingeführt. In Deutschland aber hatte der Deutsche Olympische Sportbund, besonders unter seinem früheren Präsidenten, dem heutigen IOC-Boss Thomas Bach, Widerstand gegen so ein hartes Gesetz geleistet.

Die Ankläger arbeiten nun heraus, dass im sportiven Leistungsbetrug auch faustische Pionierarbeit geleistet werde. So soll der thüringische Arzt im September 2017 "einer Sportlerin in deren Wohnung ein neuartiges Präparat, Erythrozyten in Form von trockenen Plättchen, verabreicht haben". Dabei habe er zu dem Zeitpunkt über keinerlei belastbare Informationen über Inhalt, Zusammensetzung oder die Wirkungsweise des Präparates verfügt - "insbesondere im Hinblick auf etwaige Nebenwirkungen". Gleichwohl habe er der Athletin weisgemacht, "dass das Präparat steril und bereits an mehreren Personen getestet worden sei und es zu keiner Gefährdung kommen könne". Eine halbe Stunde nach der Einnahme des Wirkstoffes habe die Athletin tatsächlich massive Nebenwirkungen festgestellt, die aber keine bleibenden Schäden zur Folge hatten.

Die Ermittlungen in Gang gebracht hatten Aussagen des Skilangläufers Johannes Dürr in einer ARD-Sendung Mitte Januar. Der Österreicher sieht in der Heimat selbst einem weiteren Verfahren entgegen. In Tirol wurden zwei Sünder bereits verurteilt, zu reichlich glimpflichen Bewährungsstrafen - darunter auch Max Hauke. Über die Eröffnung des deutschen Hauptverfahrens muss nun das Landgericht München II entscheiden.

© SZ vom 20.12.2019/chge
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