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Segeln:Eine Woche Training reicht für Olympia

Adrian Hoesch

Der nächste "Eddie the Eagle"? Segler Adrian Hoesch will auf kuriose Weise an den Olympischen Spielen in Tokio teilnehmen.

(Foto: oh)
  • Der Segler Adrian Hoesch qualifiziert sich quasi konkurrenzlos für die Olympischen Spiele in Tokio.
  • Weil er die amerikanische Staatsbürgerschaft besitzt, kann er für Amerikanisch-Samoa starten.
  • Gegen seinen Weg nach Tokio regt sich auch Protest.

Die Vorbilder von Adrian Hoesch sind Außenseiter, deren Geschichten die Herzen der Zuschauer gewärmt haben. Eric Moussambani, der bei Olympia 2000 in Sydney für Äquatorialguinea im Schwimmen antrat, ohne richtig schwimmen zu können. Oder das jamaikanische Bob-Team im Eiskanal von Calgary 1988, deren Geschichte in "Cool Runnings" verfilmt wurde. Und natürlich der Brite Michael Edwards, der sich bei denselben Spielen als "Eddie the Eagle" mit panzerglasdicken Brillengläsern von der Skisprungschanze stürzte. Zu Olympia, irgendwie, das war der Plan. Also hat Hoesch mit seinem Kumpel Tyler Paige all jene Sportler aufgelistet, die sich gegen alle Wahrscheinlichkeiten für Olympia qualifiziert hatten, um ein Schlupfloch zu suchen - und sie wurden fündig.

Weil Adrian Hoesch in den USA geboren ist, besitzt er wie sein Partner Paige die amerikanische Staatsbürgerschaft - beide können deshalb für die Pazifikinsel Amerikanisch-Samoa starten und damit um einen Olympia-Startplatz von Ozeanien segeln. Die Konkurrenz in ihrer Bootsklasse, der 470er-Jolle, ist dort überschaubar, besser gesagt: nicht vorhanden. Die beiden Segler hatten damit den Weg des geringsten Widerstands entdeckt zu ihrem Traum von Olympia. Die Voraussetzung, mindestens drei Jahre nicht für Deutschland in olympischen Bootsklassen gestartet zu sein, erfüllt der 26 Jahre alte Hoesch, der schon vor sechs Jahren mit dem Leistungssport aufgehört hat. So konnte er einen sportlichen Nationenwechsel beantragen, der in Amerikanisch-Samoa anstandslos abgenickt wurde.

Der Erfolg von Hoesch und Paige gefällt nicht jedem

Eine Woche trainierten Paige und Hoesch, der für den Bayerischen Yacht-Club am Starnberger See segelte, dann reisten sie vor zwei Wochen nach Melbourne zu einer Qualifikationsregatta. Alles war so einfach, dass ihnen Zweifel kamen: "Wir haben uns gefragt, warum vorher noch keiner darauf gekommen ist", sagt Hoesch am Telefon. Die Norm ist geschafft, aber noch steht die Bestätigung aus durch den Weltverband. Im Grunde eine Formsache - doch es gibt Anträge gegen die Olympia-Teilnahme der beiden. Es wird nun geprüft, ob alles mit rechten Dingen zugegangen ist.

Denn über diesen Coup sind nicht alle glücklich. Hoesch hat wohl auch seinem Klubkameraden Philipp Autenrieth eine Chance genommen, der unter deutscher Flagge um einen Platz für Olympia kämpft. Wäre Hoesch nicht plötzlich in Melbourne aufgetaucht, wäre der Startplatz für Ozeanien wohl verfallen - und dann an Simon Diesch und Philipp Autenrieth gegangen, die bei der WM mit Rang 16 die Qualifikation für Tokio nur um einen Platz verpasst hatten. Zum Kurs von Hoesch sagt Autenrieth: "Ich gehe den normalen Weg eines Sportlers, nicht den Weg eines Touristen."

Eine "Unmenge an Geld und Herzblut" habe er reingesteckt, sagt Autenrieth, 29, während Hoesch und Paige "nicht einmal eine einzige ordentliche Regatta gesegelt sind". Die beiden Deutschen haben miteinander telefoniert, sie kennen sich ja. Hoesch segelte 2013 mit Autenrieths Bruder Julian im 470er zu Bronze für Deutschland bei der Junioren-EM. Einig wurden sich die beiden nicht. Denn der Fall berührt auch den Kern des olympischen Gedankens.

"Dabei sein ist alles", das gilt eben nicht für alle. Feste Startplätze für verschiedene Kontinente sollen im Grunde dafür sorgen, dass auch Außenseiter von den kleinen Inseln und Atollen ihre Chance bekommen. Die nutzen nun wohl Hoesch und Paige für ein Abenteuer in Tokio. "Die Frage ist doch, ob das den Werten des Leistungssports entspricht", sagt Autenrieth. "Wir haben damit gerechnet, dass es Protest geben wird", gibt Hoesch zu, "aber wir haben nichts Verbotenes getan."

© SZ vom 06.02.2020/jjs

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