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Olympia in Pyeongchang:Sport ist völlig wurscht

Nord- und Südkorea schicken ein gemeinsames Frauen-Eishockey-Team zu den Winterspielen. Das offenbart: Der Sport verkommt zur Nebensache, wenn sich politisch ein bisschen Frieden simulieren lässt.

Drei Wochen nur noch bis zur Eröffnungsfeier der Winterspiele in Pyeongchang - turbulente Zeiten für das Internationale Olympische Komitee. Im Zentrum der Kritik steht der laxe Umgang des IOC mit der russischen Staatsdoping-Affäre. Da ist der Kuschelkurs zwischen Nord- und Südkorea gerade unbezahlbar. Denn Hand aufs Herz, liebe Globalgesellschaft: Welche Bedeutung besitzt die Dopingfrage verglichen mit der Aussicht, mal rasch den Weltfrieden auskarteln zu können?

Wie begierig sich das IOC auf das Thema wirft, das von seiner eigenen Krise ablenkt, zeigt der Umstand, dass es dabei jedes Maß verliert. Es torpediert sogar seine oberste Maxime, die doch eigentlich lautet: Sport und Politik dürfen niemals vermischt werden! Diesen Grundsatz tragen die Funktionäre seit Dekaden als Monstranz vor sich her. Oder, konkreter: als Panzerrüstung, um sich vor An- und Zugriffen staatlicher Behörden zu schützen. Diese Sorgen sind berechtigt, das zeigt die weltweit wachsende Zahl an Ermittlungen und Prozessen gegen Spitzenfunktionäre, im IOC wie im Fußballreich der Fifa.

"Don't mix sports and politics", außer es ist gerade opportun

Don't mix sports and politics ist auch die Phrase, mit der die Weltsportfunktionäre stets zur Stelle sind, wo immer Regierungen einem korrupten Nationalverband das Handwerk legen. Dann sperren sie den Verband. Was auf den ersten Blick wie eine harte Bestrafung zwielichtiger Kollegen wirkt, dient in Wahrheit deren Freipressung. In der Regel knicken Regierungen dann ein, lassen die Sünder vom Haken - weil sie nicht als diejenigen dastehen wollen, die den Athleten des Landes den Zugang zu Großevents vermasseln.

Die "Don't mix"-Nummer ist also ein Klassiker aus der Funktionärs-Trickkiste, von der olympischen Realpolitik so weit entfernt wie die Erde vom Mond. Das verrät nicht nur die Fürsorge im Hinblick auf Putins Sporthelden, die nun halt als "Unabhängige Athleten aus Russland" dabei sind, Staatsdoping hin oder her. Und nun zeigt sich der Bruch mit dem "Don't mix"-Gebot auch in den Sonderdeals mit Nordkorea. Nicht nur, dass Athleten des Regimes bei den Spielen starten dürfen, die mit Tausenden Kamerad(inn)en in aller Welt eines gemeinsam haben: Sie sind sportlich nicht qualifiziert. Es wird erstmals auch ein gemeinsames Team geben: Südkoreas Eishockey-Spielerinnen müssen ein bisschen zusammenrücken, es stößt die Delegation des Nordens hinzu. Man wird gemeinsam aufs Eis geführt.

Ein nettes Symbol, gewiss. Aber mal losgelöst von Sinn oder Unsinn des seit 2008 kontinuierlich gepflegten Symbol-Geknatters um die zwei Koreas: Ist es nicht der Sport, wo Athleten sich über Jahre auf die Spiele fokussieren, wo es um Millimeter und Hundertstel geht, um Mentalcoaching, um Taktik, Feinabstimmung etc.? Auch im Frauen-Eishockey? Nun werden, Tage vor Beginn des Turniers, Teamsportler vermischt, die einander nicht mal kennen, wie beim Freizeitkick einer Biertischtruppe. Das offenbart: Sport ist völlig wurscht, Hauptsache, es lässt sich politisch ein bisschen Frieden simulieren.

All das mag gut finden, wer glaubt, dass sich die Welt auch nach den Spielen in den Armen liegt. Nur braucht kein Funktionär in Zukunft noch die Trennung von Sport und Politik zu propagieren. Etwas Politischeres als den Sport gibt es nicht, er wird stets ein Spielball sein. Während die Funktionärskaste überlegt, wie man das Kabinettstück dem Nobelpreis-Komitee unterjubeln könnte, ist zu erwarten, dass Donald Trump in den USA und der Raketenmann Kim Jong-un im Norden nach der Schlussfeier einfach weiter erörtern werden, wer den größten Atomknopf hat. Zumal als gesichert gilt, dass Kim sich den Deal mit dem Süden vergolden lässt; wegen der scharfen Wirtschaftssanktionen infolge seines Atomprogramms kann er Geld gebrauchen. Ranhalten müssen sich die Zündler aber, falls sie Wladimir Putins olympischen Rekord knacken wollen: Der ist noch im Olympiawinter von Sotschi 2014 in der Ukraine einmarschiert. Ungefähr zehn Minuten nach der Schlussfeier.

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