Hockey bei Olympia:Entschuldigung nach dem Siebenmeter

Hockey - Olympics: Day 2

Pia Maertens (links) und Franzisca Hauke feiern den Auftaktsieg gegen England.

(Foto: Alexander Hassenstein/Getty Images)

Die deutschen Hockey-Frauen gewinnen nach nervösem Beginn ihr erstes Spiel gegen Großbritannien - und haben dabei auch ein wenig Glück.

Von Jürgen Schmieder

Da standen sie auf dem blauen Spielfeld in Tokio, die Hockey-Frauen aus Deutschland und Großbritannien, sie warteten. Und warteten. Und warteten. Und warteten noch ein bisschen. Ja, es dauerte wirklich so lange, wie sich das nun liest. Man kann vortrefflich über diesen Videobeweis debattieren, ob er eine Disziplin gerechter macht oder den Rhythmus zerstört; was in diesem Moment jedoch unzweifelhaft zu erkennen war: Fünf Minuten sind eine unerträglich lange Wartezeit in einer Sportart, deren Viertel gerade mal 15 Minuten dauern - vor allem, wenn die Entscheidung danach lautet, dass es gar keine Entscheidung gibt.

Die Britinnen, Olympiasieger 2016 und erst einmal haushoch überlegen, bekamen im ersten Spielabschnitt eine Strafecke zugesprochen, weil der Ball an den Oberschenkel einer deutschen Spielerin gesprungen sein sollte. Protest der Deutschen, und nun begann die Warterei. Auf den TV-Bildern war in jeder Einstellung ein neues Detail zu erkennen; letztlich sah es so aus, als sei der Ball nur an die Hand gesprungen, was regeltechnisch eigentlich unproblematisch ist. Doch die Videoreferees fällten ein anderes Urteil: Sie kamen zu keiner Entscheidung, also blieb das Spontanurteil der Schiedsrichterin auf dem Feld bestehen. Also: Strafecke Großbritannien, und noch eine, und schon stand es 0:1.

Die deutschen Frauen wurden nach ohnehin nervösem Beginn in ihrem Olympia-Auftaktspiel nun noch fahriger, und es wäre nicht überraschend gewesen, hätte Großbritannien nachgelegt. Chancen dazu hatten sie genügend, die deutsche Torfrau Julia Sonntag präsentierte sich in toller Form, sie hielt acht von neun Schüssen aufs Tor und entschärfte brenzlige Momente. Statistiken erzählen nicht immer die ganze Geschichte eines Spiels, in diesem Fall aber schon: Nur sechs Mal schossen die Deutschen insgesamt in Richtung Tor, die Britinnen 17 Mal. Strafecken-Bilanz: 1:11. Dass es am Ende dennoch zu einem 2:1-Auftaktsieg reichte, lag auch an einem anderem Element im Sport, über das nie debattiert werden darf: im Zweifel lieber die Glücklichere sein als die Bessere.

Es gab im zweiten Viertel einen (erneut lange diskutierten) Siebenmeter für Deutschland, und Viktoria Huse schickte die britische Torfrau Madeleine Hinch mit einem schönen Manöver in die falsche Ecke. Allerdings rutschte ihr der Ball dann komplett vom Schläger, er hätte fast überall im Stadion landen können, doch kullerte er tatsächlich unhaltbar ins Tor. Der Blick von Huse danach war eine Mischung aus Erleichterung und Entschuldigung.

Was passiert dann, wenn die Deutschen erst richtig gut spielen?

Die deutschen Frauen gehören zu den Favoritinnen bei diesem Turnier, es wird ihnen diesmal sogar zugetraut, die Niederlande herauszufordern. Diese erste Partie gegen Großbritannien sollte ein Test dafür sein, ob das mit dem Zusammenspiel wirklich so vortrefflich klappt, wie es vor der Abreise nach Japan geheißen hatte. Die Antwort, wie so häufig nach einer Auftaktpartie gegen unbequeme Gegnerinnen: ja und nein. Die Deutschen leisteten sich zahlreiche Abspielfehler, der Siegtreffer allerdings war ein Konter, der in Lehrvideos gezeigt werden könnte: schnelles Umschalten, präzise Pässe, dann umspielte Pia Mertens auf der rechten Seite ihre Gegnerin und passte nach innen - Charlotte Stapenhorst verwandelte sicher.

Man könnte nun auf die Überlegenheit der Britinnen verweisen oder auf die vielen Fehler der Deutschen. Man könnte aber auch sagen, dass einen so ein Sieg in so einer schwierigen Partie durch ein Turnier tragen kann; so wie, nur ein Beispiel, Angelique Kerber beim US-Open-Sieg 2016 in der ersten Runde einen Matchball abwehren musste. Genau das schien Trainer Xavier Reckinger seinen Spielerinnen beim Abklatschen danach mitzuteilen: Wenn wir nicht so toll spielen und Großbritannien dennoch schlagen - was passiert dann, wenn wir erst gut spielen? "Ich bin richtig froh, dass wir uns für die harte Arbeit belohnen konnten", sagte Kapitänin Nike Lorenz danach: "Dementsprechend ist es geil, dass wir aus den doch wenigen Chancen den Sieg geholt haben."

Im Hockey-Turnier werden zunächst Gruppenspiele ausgetragen, die jeweils besten vier von sechs Teams erreichen das Viertelfinale. Am Montag spielen die deutschen Frauen gegen Indien, zum Abschluss der Gruppenphase kommt es zum Duell mit den Niederlanden. Das wird der nächste Gradmesser; danach beginnt die K.o.-Phase und damit, wie es oft so schön heißt, das Turnier erst so richtig. Dann muss ein Team in Topform sein und nicht beim Auftakt.

© SZ/ebc
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