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Olympia:Die Weisheit des Horst Hrubesch

Der Trainer der deutschen Olympia-Fußballer hat seiner jungen Mannschaft etwas Simples, aber unschätzbar Wichtiges beigebracht. Deshalb haben sie sich im Maracanã für ihn zerrissen.

Kommentar von Sebastian Fischer

Vielleicht würde sich "Dorschangeln vom Boot und an den Küsten" jetzt wieder verkaufen. Die Menschen wollen ja nach den beeindruckenden Tagen von Brasilien wieder teilhaben an der Weisheit des Autors, zu der er in seinem 65 Jahre langen Leben oft mit einer Rute in der Hand gelangte, wenn er mit sich und der See alleine war. Allerdings ist "Dorschangeln vom Boot und an den Küsten" vergriffen und nur noch im Antiquariat erhältlich. Die Weisheit des Horst Hrubesch muss die Welt deshalb aus einem Werk lesen, das nicht auf Papier steht; ein Werk, das am Samstag in Rio über den Rasen lief. Die Weisheit von Horst Hrubesch steckte in der deutschen Auswahl, die im olympischen Fußballfinale gegen Brasilien einen harten Kampf verlor, aber Silber gewann.

Wobei, ist Weisheit das richtige Wort? Hrubesch hat diesem Team aus Bundesliga-Ersatzspielern, Talenten, den Bender-Zwillingen und dem tragischen Helden Nils Petersen, der den entscheidenden Elfmeter verschoss, ja keine verborgenen Halbräume auf dem Rasen gezeigt oder raffinierte Gegenpressing-Laufwege vermittelt, für die er in Taktik-Foren gefeiert würde.

Hrubesch hat den jungen Spielern etwas viel Simpleres, im sogenannten modernen Fußball Unterschätztes, aber unschätzbar Wichtiges beigebracht: Hrubesch hat den Gnabrys und Meyers und Brandts erklärt, was eine Mannschaft ist; er hat Charaktere zusammengebracht, aus denen ein Team werden konnte - und sie mit diesem Wissen und dem Vertrauen in ihre Stärke sich selbst überlassen. Der Wert dessen spricht aus der Begeisterung der Spieler, die sich im Maracanã für ihren Trainer zerrissen.

So gut wie jeder deutsche Nationalspieler hat von Hrubesch gelernt

Es gibt kaum noch Trainer wie Horst Hrubesch. Man kann sie nicht ausbilden, sie leben von Erfahrung und Charakter. Und deshalb hat der DFB am Samstag viel verloren, als Hrubesch nach dem Schlusspfiff schwitzend, aber glücklich durchs Maracanã lief und sich bei seinen Spielern bedankte. Der DFB hat in den vergangenen 16 Jahren, nach der EM 2000, das deutsche Fußballverständnis generalüberholt, Spielweise und Spielerausbildung umgekrempelt - erfolgreich. Doch in den vergangenen 16 Jahren gab es auch eine Konstante, und die hieß Hrubesch.

So gut wie jeder deutsche Nationalspieler hat von ihm gelernt, von der Generation um Spieler wie Kevin Kuranyi, Jahrgang 1982, bis zu Spielern wie Julian Brandt, Jahrgang 96. Sie lernten, Spaß und Gelassenheit nicht zu vergessen, den Wert von Teamgeist zu schätzen. Sie lernten ihren Mitspielern und sich selbst zu vertrauen. Hrubeschs Spieler durften immer Fehler machen, nur einen nicht: Fehler aus Angst zu vermeiden.

Horst Hrubesch ist ein Mann von großer Demut, er wehrt sich stets gegen die Behauptung, er habe Spieler entwickelt oder in den Profifußball geführt. Er sagt dann, dass es die Spieler selbst waren und sind, die das schaffen. Seine Erfolge als Trainer sprechen für sich, U-19-Europameister 2008, U-21-Europameister 2009, nun die Silbermedaille mit einer hektisch zusammengestellten Mannschaft, die nach wenigen Tagen seine Handschrift trug.

An Hrubesch wurde oft gezweifelt, und jetzt wird Hrubesch natürlich von jedem gelobt, wie es in Momenten des Abschieds nun mal ist, er kann das einschätzen. So richtig werden sie beim DFB erst wissen, was ihnen fehlt, wenn die nächste Generation junger Talente heranwächst, abhebt oder ängstlich spielt, wie es junge Fußballer halt manchmal machen. Und Horst Hrubesch derweil irgendwo sitzt und angelt und sein Fußballwissen für sich behält.

© SZ.de/fued
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