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Olympia 2020:Sie schießen mit Schneekanonen auf die Hitze

  • Mit allen möglichen Mitteln wappnen sich Japans Olympiaplaner gegen die hohen Temperaturen.
  • Der Versuch, mit Schneekanonen auf die Hitze zu schießen, ist aber eher gescheitert.

Ein Tribünengast hebt die Arme in den mausgrauen Septemberhimmel, als wolle er den Göttern danken für das Gute, das von oben kommt. Denn tatsächlich: Schnee fällt auf den Zuschauerrang neben der Kanustrecke im Hafen von Tokio, genauso wie es das Organisationskomitee (OK) der olympischen und paralympischen Sommerspiele 2020 in Japans Hauptstadt prophezeit hat.

Zwar fällt der Schnee nicht mit leisem Rieseln, sondern begleitet vom Dröhnen einer Kunstschneedüse, die dicke nasse Flocken in den Vormittagswind spuckt. Aber das macht nichts. Diese fünf Minuten, in denen die Spiele-Organisatoren ihre neueste Idee gegen die japanische Sommerhitze erproben, ist trotzdem ein besonderer Moment. Man darf erleben, wie die Hightech-Nation der unwirtlichen Natur trotzt. Anschließend steht Takashi Okamura, ein leitender OK-Manager, in einer Traube von Journalisten und analysiert die Schneelage. "Ich könnte mir vorstellen", sagt er, "dass der Schnee den Zuschauern gewisse Erfrischungseffekte bringt. Und dass er ihnen Spaß macht."

Die japanische Gründlichkeit ist eine Festung der Vorsorge. Niemand hier lässt die Dinge gerne einfach so auf sich zukommen, wenn es nicht sein muss, und beim Thema Sommerhitze muss es nicht sein. Die Schwüle kommt jedes Jahr über das Land, der Klimawandel verstärkt sie. Das Phänomen ist derart vorhersehbar, dass die Spieleplaner sich keinesfalls dem Vorwurf aussetzen wollen, sie hätten nicht alles versucht, ihm zuvorzukommen. Dass es am Ende nicht jede Idee zu olympischen Weihen bringen wird, ist wahrscheinlich das geringere Problem. Hauptsache, man redet drüber. Hauptsache, niemand unterschätzt Japans Bemühen um intelligente Lösungen im Sinne von Sportlerinnen und Sportlern, Zuschauerinnen und Zuschauern, Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern.

Schnee gegen die Hitze. Wo gibt es denn so was?

Ob Tokio nächstes Jahr wirklich die ersten beschneiten Sommerspiele der Menschheitsgeschichte erlebt, ist deshalb keineswegs ausgemacht. OK-Mann Okamura lobte die Olympiaprobe am Sea Forest Waterway derart zurückhaltend, dass er sie nach den japanischen Standards im Grunde für gescheitert erklärte. Aber Aufsehen erregte der Test. Schnee gegen die Hitze. Wo gibt es denn so was?

In Japan gibt es vieles, das es anderswo nicht gibt. Der neu erschaffene Sea Forest Waterway ist dafür ein anschauliches Beispiel. Die Kanu- und Ruderstrecke für die Spiele 2020 liegt nicht etwa im Grünen wie der Name verheißt, sondern in der Mitte eines sehr bewegten Alltagsverkehrs. Die Einflugschneise des Airports Haneda ist nah. Gegenüber donnern Lastwagen über die Tokyo Gate Bridge. Im Hintergrund passieren große Schiffe. "Das hatte ich so auch noch nicht", sagt der Berliner Nationalkanute Jacob Schopf, 20. Schopf ist zuletzt an der Seite des erfahrenen Max Hoff Weltmeister im Zweierkajak geworden, er ist eine Medaillenhoffnung für 2020. Mit einem Team des Deutschen Kanuverbandes ist er zu den Testwettkämpfen nach Tokio gekommen, um sich ein Bild zu machen von den Besonderheiten der Olympiastadt. Sein Eindruck ist insgesamt gut. Das frühere Hafenbecken wurde so verbaut, dass Meeresströmung und Wellen möglichst keinen Einfluss auf die Rennen haben. "Man merkt, dass da kluge Köpfe dran saßen." Über das Leben im Wasser könne man vielleicht noch mal reden. "Hier sind echt viele Fische." Sie springen aus den Fluten und könnten die Boote stören. Aber sonst? "Ich sehe hier kein olympisches Debakel kommen", sagt Schopf.

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