Niki Lauda im Interview:"Wir zerstören den Mythos Formel 1"

Lesezeit: 5 min

Formula 1 -  Australia Grand Prix

Mischt weiter mit: Niki Lauda (rechts) im Gespräch mit Lewis Hamilton.

(Foto: Brandon Malone/Reuters)

Vor 41 Jahren war Niki Lauda nach einem Unfall dem Tod näher als dem Leben. Nun sorgt sich der Mercedes-Chef um die Formel 1 - wegen zu viel Sicherheit.

Interview von René Hauri

Niki Lauda, 68, debütierte 1971 für das March-Team in der Formel 1. Drei Jahre später kam er zu Ferrari und gewann 1975 den ersten WM-Titel. 1976 verunfallte der Österreicher am Nürburgring schwer. Nur 42 Tage später startete er in Monza wieder und gewann 1977 den zweiten, 1984 mit McLaren den dritten Titel. 1985 beendete er die Karriere. Seit 2012 ist er Vorsitzender des Mercedes-Aufsichtsrats. Auch wenn sein Unfall einer der dramatischsten in der Geschichte der Rennserie war, ist er ein Gegner des Sicherheitsbügels Halo, der 2018 eingeführt werden soll.

Herr Lauda, am Dienstag jährt sich Ihr Unfall am Nürburgring zum 41.  Mal ...

... ach, das wusste ich gar nicht.

Sie begehen diesen Tag also nicht speziell?

Nein. Der geht vollkommen emotionslos an mir vorbei.

Ist der Unfall noch Teil Ihres Lebens?

Natürlich. Jedes Mal, wenn ich aufstehe und in den Spiegel schaue, sehe ich, dass ein Ohr fehlt.

Belastet Sie das?

Wenn ich das nicht schon damals bewältigt hätte, hätte ich nie mehr Rennen fahren können. Ich bin aber da durch und fuhr wieder. So war das erledigt für meinen Kopf. Ich lebe heute genauso gut wie ­vorher - auch ohne Ohr.

Sie erlitten starke Verbrennungen, fielen ins Koma, waren dem Tod näher als dem Leben.

Die Belastungen für Körper und Kopf wurden so groß, dass ich irgendwann das Gefühl hatte, ich würde in ein tiefes Loch fliegen. Es war aber ein angenehmer Flug. Ich dachte: Oha, jetzt stirbst du also. Da habe ich angefangen, aktiv den Ärzten zuzuhören, um von diesem - wenn auch angenehmen - Gefühl wegzukommen. Den Arzt von damals habe ich letztes Jahr in ­Hockenheim getroffen. Er sagte, meine Stärke war, dass ich nicht in Ohnmacht fiel. Denn wenn da oben (tippt sich an die Stirn) ausgeschaltet ist, dann ist man nur noch von Maschinen abhängig.

Wie hat Sie dieses Erlebnis geprägt?

Ich war danach noch gefestigter. Einmal so richtig abzusaufen und dann wieder hochzukommen, ­diese Erfahrung bleibt. Ich bin geistig und als Typ stärker heraus­gekommen, als ich es vorher war.

Haben Sie gewisse Entscheidungen in Ihrem Leben anders getroffen, als Sie es ohne diesen Unfall getan hätten?

Die einzige Konsequenz, die ich aus dieser Erfahrung mit dem Tod zog, war, dass ich kein unnötiges Risiko mehr eingehe. Ich rutsche nicht in der Dusche aus.

Waren Sie sich als Rennfahrer des Risikos immer bewusst?

Ja, deswegen war mein erster Gedanke nach dem Unfall auch, dass ich eigentlich ganz gut drauf bin, weil ich ja überlebt habe. Ich wusste, wie gefährlich es ist, zu meiner Zeit ist ja jedes Jahr mindestens einer tödlich verunglückt.

Das klingt fast, als wäre es Teil der Faszination gewesen.

Mir wäre lieber gewesen, ohne Risiko fahren zu können. Die Faszination war, dieses Auto zu beherrschen und zu gewinnen, die Gefahr galt es einfach zu akzeptieren.

War es für die Fans ein Reiz, dass die Gefahr spür- und sehbar war?

Die Formel 1 war interessant, weil da ein paar Typen gefahren sind, die anders waren als normale Menschen, die dieses Risiko bewusst eingingen. Heute ist das deutlich ­anders - Gott sei Dank. Ich bin einfach ein absoluter Gegner dieses depperten Halos.

Des Sicherheitsbügels, der ab 2018 vor dem Cockpit befestigt wird, um den Kopf des Fahrers zusätzlich zu schützen. Das müsste Ihnen mit Ihrer Geschichte doch gefallen.

Tut es nicht. Denn das Restrisiko ist jetzt schon null. Null! Und jetzt soll auch noch dieses Ding kommen. Die Menschen, die bewusst ein Risiko eingehen, braucht es dann erst recht nicht mehr in der Formel 1. Ist diese dann noch die Serie, in der die besten Typen mit den schnellsten Autos fahren? Für mich ist der Halo ein Rückschritt. Jeder Fahrer muss wissen, dass es eine Gefahr gibt. Wie zu meiner Zeit. Und dann muss er entscheiden: Zähle ich zu den Menschen, die das auf sich nehmen, oder nicht?

Das klingt harsch. Teilen Sie auch die Ansicht durch die Änderungen gehe etwas vom Mythos Formel 1 verloren?

Der wird reduziert. Die Frage ist, ob es im allgemeinen Interesse ist, dass wir alle in einen Sicherheitswahn verfallen, weil wir Angst ­haben vor Klagen. Irgendwann zerstören wir den Mythos Formel 1.

Sind Entwicklungen im Sicherheitsbereich nicht in jedem Fall wünschenswert?

Die Entwicklung ist gut, gar keine Frage. Nur gibt es eine Grenze.

Was wäre, wenn sich ein Fahrer am Kopf verletzen würde und das mit dem Halo hätte verhindert werden können?

Wenn ein Rennfahrer die Super­lizenz für die Formel 1 bekommt, muss da draufstehen - wie es auf ­jedem Ticket steht: Sie sind auf eigenes Risiko hier. Damit würde eine mögliche Klagenflut abgewendet.

Kann das Sicherheitsdenken zum Problem für die Fahrer ­werden, weil das Fahren an sich unspektakulärer aussieht?

Die charakterlichen Anforderungen, die früher an den Typ Rennfahrer gestellt wurden, sind nicht mehr notwendig. Die Strecken sind sicher, die Autos auch, es passiert nichts. Die Fahrerpersönlichkeiten sind heute ganz andere.

Fehlen richtige Typen?

Es sind andere Typen, solche, die in die jetzige Zeit passen. Jeder ist auf Facebook und Twitter und all den Dingen. Für mich geht das weg von den eigentlichen Menschen. Jeder kreiert etwas um seine Person herum.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema