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NHL:"Ich habe keine zwei Sekunden überlegt"

Pyeongchang 2018 - Eishockey

Erlebt in Los Angeles nicht nur die Wärme Kalilforniens: der frühere Eishockey-Bundestrainer Marco Sturm.

(Foto: Peter Kneffel/dpa)

Der frühere Eishockey-Bundestrainer Marco Sturm arbeitet seit einem Monat als Assistenztrainer der Los Angeles Kings. Er spricht über die Aufgabe und wieso ihn sein Klub an den FC Bayern erinnert.

Interview von Jürgen Schmieder, Los Angeles

Es ist kalt in dieser Trainingshalle im Süden von Los Angeles, sehr kalt. Das fällt auch deshalb auf, weil draußen die Sonne scheint und selbst im Dezember ein T-Shirt und kurze Hosen adäquate Kleidungsstücke sind, man in dieser Halle jedoch unbedingt Jacke und Mütze tragen sollte. Marco Sturm, 40, kennt diesen grotesken Kontrast, an einem derart sonnigen Ort einen Eishockeyverein zu beheimaten. Er hat als Spieler der nordamerikanischen Profiliga NHL unter anderem für die San José Sharks, die Los Angeles Kings und die Florida Panthers gespielt.

Als Trainer und General-Manager des Deutschen Eishockey-Bundes hat Sturm im Februar bei den Olympischen Winterspielen in Pyeongchang sensationell die Silbermedaille mit dem Nationalteam gewonnen. Er ist natürlich nicht wegen des Wetters seit Anfang November zurück in Kalifornien, sondern deshalb, weil ihm die Kings den Posten des Assistenztrainers angeboten haben. An diesem Morgen übt er mit seinen Spielern ein paar Spielzüge, danach erscheint er bestens gelaunt in der Kabine.

SZ: Herr Sturm, es war ziemlich viel los bei Ihnen in 2018: erst Silber bei Olympia, dann die attraktive Offerte aus Los Angeles.

Marco Sturm: Ein unglaubliches Jahr. Natürlich war Silber bei Olympia der Höhepunkt, ein einzigartiges Erlebnis. Wir haben aber auch in der Jugendarbeit und in anderen Bereichen viele wichtige Veränderungen vorangetrieben, die dem Eishockey in Deutschland auf Dauer helfen werden. Wir haben wirklich was erreicht.

Was war Ihre erste Reaktion, als Sie vom Interesse der Kings erfahren haben?

Ganz ehrlich: Ich habe keine zwei Sekunden überlegt! Es war immer mein Traum, nicht nur als Spieler, auch als Trainer, in der NHL zu arbeiten. Das ist nun mal die beste Liga der Welt, das Ziel eines jeden, der mit Eishockey zu tun hat. Ich hatte aber einen Vertrag, deshalb musste ich erst um die Freigabe bitten, die mir der Deutsche Eishockey-Bund erteilt hat.

Der Abschied fiel Ihnen dennoch schwer?

Natürlich, es waren emotionale Wochen, wir hatten ja gemeinsam was aufgebaut. Letztlich aber hatte wohl jeder Verständnis.

Ihr Chef ist jetzt Willie Desjardins, ein Kanadier, gegen den Sie im Olympia-Halbfinale mit 4:3 gewonnen hatten. Das hat den Jobwechsel sicher beschleunigt.

Da müssen wir nicht lange spekulieren: Das war der entscheidende Moment. Von da an wussten die Leute in Nordamerika, dass ich jetzt Trainer bin. Ich werde jetzt noch bei Auswärtsspielen der Kings auf das Olympia-Turnier angesprochen. Ich muss mich bei meinen Jungs noch mal bedanken: Ich habe diese Chance hier in der NHL bekommen, weil sie bei Olympia so gut gespielt haben.

Wie schwer war es, während der laufenden Saison zu einem Team zu stoßen, dessen Saisonauftakt derart schlecht war? Sie und Willie Desjardins übernahmen nach den ersten 13 Spielen, nach denen die Kings die schlechteste Bilanz aller 31 NHL-Teams aufzuweisen hatten.

Natürlich wäre ich gerne bei der Saisonvorbereitung dabei gewesen, denn es ist als Trainer niemals einfach, zu einem Team zu kommen, das Probleme hat. Die Spieler sind an Erfolge gewöhnt mit diesem Verein, die wissen gar nicht, wie das ist, wenn man verliert und am Tabellenende steht. Es ist deshalb auch für mich nicht einfach, mich hier einzugewöhnen. Wir sind sehr viel unterwegs, ich lebe noch im im Hotel. Ich hoffe, dass ich jetzt bald eine Bleibe finde, und dass die Familie kurz vor Weihnachten kommen kann.

Fast alle Kings-Spieler leben in zwei Dörfern südlich von Los Angeles im Umkreis von knapp fünf Kilometern, in Hermosa Beach und Manhattan Beach. Bei den Meisterschaften der Kings 2012 und 2014 wurde diese Nähe als ein zentraler Grund für den Erfolg gefeiert, nun heißt es: Die verstehen sich zu gut, die spielen zu lange zusammen, die sind zu satt.

Ach, das ist bei den Los Angeles Kings nicht anders als beim FC Bayern: Läuft es nicht, werden Gründe gesucht. Es ist schon richtig: Viele Spieler sind ein paar Jahre im Verein, sie haben immense Erfolge gefeiert und deshalb gut dotierte Verträge unterschrieben. Das wird nun hinterfragt, aber das ist nur ein Grund von vielen, warum es nicht läuft wie gewünscht.

Sie gelten als Spielerversteher. Können Sie da so schnell einwirken?

Ich habe solche Situationen als Profi erlebt und weiß genau, wie sich das für die Jungs nun anfühlt. Das Entscheidende ist, wichtiger noch als die kurzfristigen Ergebnisse: Man muss in so einer Situation, so schwierig es ist, weiter an sich arbeiten, sich weiter entwickeln, die positiven Elemente erkennen und darauf aufbauen. Man muss weiter auch langfristig denken: Was ist in einem Monat? Was passiert in einem Jahr?

Sie selbst haben mehr als 1000 Partien in der NHL absolviert. Wie groß ist der Unterschied zwischen dem Job als Nationaltrainer, und dem, in dieser Liga zu arbeiten?

Es ist kniffliger. Es gibt nicht so viele Trainer in dieser Liga, die Plätze sind begrenzt und begehrt (alle 31 NHL-Cheftrainer sind Kanadier oder Amerikaner, Anm.d.Red). Man bekommt nicht so viele Chancen, gerade als Europäer. Es ist enorm schwierig, einen Fuß in diese Tür zu bekommen. Wenn man eine Chance bekommt, muss man sie annehmen und sich beweisen.

In den Auszeiten der Kings sind Sie schon der mit der Taktiktafel in der Hand.

Das gehört zu meinen Aufgaben, wenn es um die Defensive oder das Spiel in Überzahl geht. Das ist also ganz normal.

Sie wollen aber schon irgendwann Cheftrainer in der NHL werden?

Um Gottes Willen, daran verschwende ich derzeit keinen Gedanken. In meiner jungen Trainerkarriere ist schon so viel passiert - das hätte sich niemals planen lassen, also plane ich nun auch nicht allzu viel. Das Abenteuer kann schnell vorbei sein! Ich habe nun diese Chance bei den Los Angeles Kings bekommen, ich genieße jede Sekunde und lerne jeden Tag dazu - und dann schauen wir mal, was passiert.

Willie Desjardins wird bei den Kings weiterhin nur als Interimstrainer geführt.

Das interessiert mich überhaupt nicht. Ich bin 40 Jahre alt, komme aus Europa. Da kann ich nicht erwarten, dass ich von heute auf morgen eine Mannschaft übernehmen darf. Ich bin den Kings unglaublich dankbar für diese Chance, alles andere ist im Moment nebensächlich.

Zum deutschen Eishockey: Wie kann der Weg, der von Ihrem Team eingeschlagen wurde, ohne Sie weitergeführt werden?

Das Wichtigste ist, dass der richtige Trainer verpflichtet wird, weil er die wichtigen Dinge, die wir im Jugendbereich angestoßen haben, auch fortsetzen muss. Der Trainer muss nicht unbedingt zum Verband, er muss vielmehr zu den Spielern passen. Er muss kein Deutscher sein, sollte aber deutsch sprechen - ich habe bemerkt, dass das bei den Jungs gut angekommen ist. Ich glaube, es würde keinen Sinn machen, jetzt einen Nobody hinzustellen. Es wäre schon enttäuschend, wenn der Weg nicht weitergeführt würde.

Sind Sie in die Suche nach dem Nachfolger involviert?

Überhaupt nicht.

© SZ vom 16.12.2018
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