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Marseilles Trainer Didier Deschamps:Ein Mann wie aus einem Asterix-Comic

Erst AS Monaco, nun Olympique Marseille: Der knorrige Didier Deschamps tritt an in Klubs, auf die kaum jemand einen Cent wetten würde. Er hat ein begrenztes Budget und er hat ehrgeizige Ziele, die er zunächst auch erreicht. Marseille brachte er Effizienzfußball bei - doch ausgerechnet vor dem Duell gegen den FC Bayern steht er kurz vor dem Rauswurf.

Didier Deschamps ist kein Mann, der sich Illusionen macht. Augenwischerei ist ihm ebenso zuwider wie das Schönreden von Krisen. Wenn Deschamps gestresst ist oder genervt - und das ist er in letzter Zeit öfter als zunehmend angefeindeter Trainer von Olympique Marseille -, dann kann man ihm das von seinem Gesicht ablesen.

Es ist ein Gesicht wie aus einem Asterix-Comic, knautschig, knarzig, kauzig. Mit diesem Gesicht hätte der Baske Deschamps, der aus Bayonne im äußersten Südwesten Frankreichs stammt, Fischer werden können, Schnapsbrenner oder Schinkenfabrikant - Berufe, die in seiner Heimat angesehen und verbreitet sind. Die beliebteste Sportart dort ist Rugby, auch das Ruppige, Schnörkellose dieses Ballsports hätte zu Deschamps gepasst. Er probierte es kurz, fand dann jedoch Fußball besser.

Deschamps wurde Profi, er wurde Nationalspieler und als Kapitän Welt- und Europameister. Er wurde im Schatten des alles überragenden, genialen Zinédine Zidane immerhin einer der besten Mittelfeldspieler der Welt. "DD" galt nie als Verkörperung fußballerischer Eleganz, aber er bewies, dass man es mit Willensstärke und Fleiß ganz nach oben schaffen kann.

Während Zizou auf dem Platz ausflippte, lieferte sich Deschamps Boxkämpfe lieber hinter den Kulissen - überliefert ist bei Juventus Turin ein legendäres Match des Spielers mit seinem damaligen Trainer Marcello Lippi. Der Rugby-gestählte Deschamps gewann, angeblich.

Mit noch nicht 33 Jahren beendete er seine Profikarriere. Jetzt ist er 43 und sagt: "Trainer ist ein harter Job. Du kannst jederzeit entlassen werden." Seiner Entlassung ist Deschamps schon mehrfach zuvorgekommen, indem er selber ging: beim AS Monaco, bei Juventus Turin. Im Fürstentum trat er ab, weil er dauernd verlor. In Turin hatte er gewonnen und Juve nach der Zwangsrelegation 2006 sofort wieder in die erste Liga geführt. Der Rücktritt damals sei ein Fehler gewesen, sagt Deschamps heute - da ein neuer Abschied in der Luft liegt.

Es ist in Marseille wie damals mit Monaco, und es ist ein bisschen wie mit Juventus: Der knorrige Deschamps tritt an in Klubs, auf die kaum jemand einen Cent wetten würde. Er hat ein begrenztes Budget und er hat ehrgeizige Ziele, die er zunächst auch erreicht. 2004 war Monaco die große Überraschung der Champions League, warf Real Madrid und Chelsea aus dem Wettbewerb und unterlag erst im Finale dem FC Porto von José Mourinho. In dieser Saison trainiert Deschamps wieder eine Überraschung. Dass Olympique Marseille so weit kommen würde, hätte er vermutlich noch nicht einmal selbst geglaubt.

Nun aber steht OM im Viertelfinale der Champions League, weil die Mannschaft gespielt hat, wie Deschamps es in einem seiner Lieblingssätze beschreibt: "On a gagné à l'ancienne." Wir haben auf altbewährte Weise gewonnen. Auf Französisch hört sich das immer noch fast elegant an, auf dem Platz ist es zum Wegschauen. Mit "à l'ancienne" ist eine Art Juventus-Effizienzfußball der frühen 90er Jahre gemeint, französisch abgeschmeckt kommt das allerdings so schwerfällig daher wie fette Sahnesauce im Vergleich zu würziger Piemonteser Öltunke.

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