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Lindsey Vonn mit Kreuzbandriss:"Sie wird den Berg schon herunterkommen"

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Extreme Sportart, gerade für die Kniegelenke: Abfahrtsläuferin Lindsey Vonn.

(Foto: AFP)

Skiläuferin Lindsey Vonn hat sich zum zweiten Mal das Kreuzband im rechten Knie gerissen - und will dennoch bei den Olympischen Spielen in Sotschi starten. Sportwelt und Medizin betrachten das riskante Experiment aufmerksam, Knieexperten wie Ulrich Boenisch sind skeptisch.

Lindsey Vonn hat einen waghalsigen Plan gefasst. Sie wagt, was noch nie eine Skifahrerin vor ihr getan hat, nicht auf diesem Niveau. Vonn will in wenigen Wochen in Sotschi Olympiasiegerin werden, jedoch ohne Kreuzband im rechten Knie. Das ist nämlich gerissen.

Die 29-Jährige hat längst eingeräumt, dass es sich um eine gefährliche Unternehmung handelt. Ohne Kreuzband könnte etwa ihr Knorpel in Mitleidenschaft gezogen, das Knie noch schlimmer geschädigt werden, als es ohnehin ist. "Es ist ein hohes Risiko, aber ich nehme es auf mich", sagte Vonn am Wochenende in Val d'Isère. Mediziner zweifeln daran, dass dieser Plan funktionieren kann.

Etwa Ulrich Boenisch, führender Kniespezialist an der Hessingpark Clinic in Augsburg. Sein Name fiel kürzlich häufiger, weil er das Knie von Sami Khedira operiert hat, dem deutschen Nationalspieler in Diensten von Real Madrid. Khedira hatte sich ebenfalls das Kreuzband gerissen, er entschied sich für eine Operation, arbeitet nun auf sein Comeback hin. Bis zur WM in Brasilien sind es noch sechs Monate. Khedira könnte gerade so wieder fit werden.

Über Lindsey Vonn sagt Boenisch: "Ich würde ihr zur Operation raten, aber wenn sie bei Olympia starten will, hat sie keine andere Chance, als es in diesem Zustand ohne Kreuzband zu versuchen." Bei der knappen Zeit würde eine OP automatisch das Olympia-Aus für die Amerikanerin bedeuten. Vonn hat sich dagegen entschieden.

Aber kann das funktionieren, Skirennen auf Weltklasseniveau fahren, ohne Kreuzband? Boenisch sagt: "Für einen Spitzensportler mit dieser enormen Belastung ist das eigentlich nicht machbar."

Manche Breitensportler können prima ohne Kreuzband leben. Nicht alle, aber zehn bis 15 Prozent sind in der Lage, ohne Kreuzband zu funktionieren, erzählt Boenisch. Sie müssen Kompromisse eingehen, sich womöglich eine Sportart suchen, bei der weniger abrupte Richtungswechsel nötig sind. Schwierig sind so genannte Stop&Go-Sportarten, zu denen Fußball, Handball oder Basketball gehören, bei denen es ständig hin und her geht. Skifahren hat ein anderes Belastungsprofil, ist aber ebenso problematisch.

Gleichgewichtssinn hilft beim Leben ohne Kreuzband

Anders als bei den übrigen 85 bis 90 Prozent kann sich der Gleichgewichtssinn dieser Menschen besser auf ein Leben ohne Kreuzband einstellen. Wichtig ist, welche Signale das kaputte Knie an das Gehirn sendet, eine Frage des elementaren Körpergefühls. Wichtig ist auch die gute muskuläre Stabilisierung. "Wir reden jedoch vom Breitensport", sagt Boenisch, "nicht vom Spitzensport." Und Vonn will sogar Olympiasiegerin werden.

Die Amerikanerin versucht es trotzdem. Sie ist aus Val d'Isère in die USA gereist, will nun die Muskeln ihres rechten Knies trainieren - genau genommen die Beugemuskeln, die an der Knie-Rückseite verlaufen und das vordere Kreuzband unterstützen. Auch wird sie vermutlich eine Schiene tragen und so versuchen, die Stabilität im Knie weiter zu verbessern. So gut es eben geht.

Ersetzen können diese Maßnahmen ein gesundes, funktionierendes Kreuzband jedoch nicht. "Sie wird den Berg schon herunterkommen", sagt Boenisch über den angekündigten Olympiastart. Was einen Spitzenplatz angeht, ist er jedoch skeptisch. "Ich würde es ihr wünschen", sagt Boenisch: "Aber die volle Leistungsfähigkeit, die sie zweifelsohne für Spitzenplätze benötigt, wird sie kaum erreichen."

© SZ.de/ebc/hum
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