Leichtathletik:Weltklasse? Grundschulklasse!

Deutsche Leichtathletik-Meisterschaften; Braunschweig, 06.06.2021 Katharina Trost (LG Stadtwerke Muenchen) feuert die 80

Mal wieder im Hintergrund: Katharina Trost, hier bei den deutschen Meisterschaften in Braunschweig.

(Foto: Flatemersch/imago images/Beautiful Sports)

Katharina Trost hat eine verblüffende Saison hinter sich. Als Lehrerin schaffte es die 26-Jährige ins 800-Meter-Halbfinale bei Olympia. Zuletzt beim Istaf in Berlin wurde sie beste Deutsche - auch wenn das zunächst niemand mitbekam.

Von Andreas Liebmann

Am Morgen danach hob Katharina Trost die Hand, sie schwor Treue zum Grundgesetz und zur Verfassung des Freistaats Bayern. In diesem Fall wurde weder eine Hymne gespielt noch eine Fahne gehisst, trotzdem war der Anlass bedeutsam genug, um ganz in diesem Moment zu sein - und nicht etwa in Gedanken beim Vorabend in Berlin, mit all den Pannen, über die die Leichtathletin im Nachhinein locker hinweglacht. "Kann passieren", sagt sie. Aber ganz so stellt man sich den letzten Höhepunkt einer Olympiasaison natürlich trotzdem nicht vor.

Aus Sicht der Münchnerin war er durchaus denkwürdig, dieser Abend in Berlin, das lässt sie sich auch nicht nehmen. Schon immer habe sie mal beim Istaf laufen wollen, dem Internationalen Stadionfest; zur 100. Ausgabe hatte es geklappt, über 1500 Meter. Sie wurde Vierte, sie steigerte ihre persönliche Bestzeit vor großer Kulisse um mehr als vier Sekunden. Überrascht und begeistert sei sie gewesen, als sie vor der letzten Runde feststellte, wie gut sie sich fühlte, also begann sie zu überholen, arbeitete sich von der vorletzten Position nach vorne und überholte kurz vor dem Ziel sogar Konstanze Klosterhalfen, die deutsche Überläuferin über die Langstrecken; die bei Olympia trotz langer Verletzungspausen über 10 000 Meter überzeugt hatte und in Berlin nach Rang fünf erklärte, die 1500 Meter blieben ihre Lieblingsdistanz.

Kurz nach dem ersten Staatsexamen lief Trost ein WM-Halbfinale in Doha

Natürlich waren alle Augen auf Klosterhalfen gerichtet, die in den USA trainiert, auf ihre Rückkehr nach Deutschland nach 771 Tagen. So sehr, dass die Kommentatoren des Livestreams glatt übersahen, dass eine andere Deutsche schneller im Ziel war. Es ging dann einiges drunter und drüber, Stadionsprecher und Anzeigetafel gaben plötzlich die Kölnerin Vera Coutellier als Vierte aus, während die TV-Kommentatoren festhielten, Trost und Christina Hering, die 800-Meter-Spezialistinnen von der LG Stadtwerke München, hätten nie richtig ins Rennen gefunden. Weil sich später auch der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) mit Würdigungen zurückgehalten habe, knurrte Andreas Knauer als Mittelstrecke-Bundestrainer: "Sie zeigt eine Weltklasseleistung - und kein Aas bekommt es mit." Trost werde zu oft vergessen, findet er.

Christina Hering, die über die ungewohnte Distanz Zwölfte wurde, reiste gleich weiter nach Bellinzona, "zu einem meiner Lieblings-Meetings", wie sie erklärte, ehe ihr Urlaub begann. Die Saison sei sehr lang gewesen, sagte sie, "seit Januar Trubel, immer Olympia im Kopf". Klosterhalfen schloss die Saison am Freitag in Trier ab. Katharina Trost - und das ist das Verblüffende an ihren Leistungen - kehrte noch in der Nacht nach München zurück: weil sie statt Urlaub Elternabende und Lehrerkonferenzen vor sich hatte. Nach zwei Jahren Stipendium in den USA hatte die junge Frau aus dem Berchtesgadener Land Grundschullehramt studiert. Kurz nach dem ersten Staatsexamen 2019 lief sie in Doha ein WM-Halbfinale. Im vergangenen Schuljahr unterrichtete sie nur an zwei Tagen, um sich nebenher um die Olympia-Qualifikation zu kümmern, die sie Ende Juni in Chorzow schaffte, auf den letzten Drücker, mit neuer 800-Meter-Bestzeit von 1:58,68 Minuten. In Oslo folgte ihr Diamond-League-Debüt. Für Tokio bastelten ihr die Schüler Kleeblätter.

Am frühen Montagmorgen nach dem Istaf wurde Katharina Trost im Schulamt Fürstenfeldbruck als Referendarin vereidigt. Sie unterrichtet in Puchheim an der Grundschule am Gernerplatz. Sie habe das große Glück, dort auf viel Verständnis für ihren Leistungssport zu stoßen, sagt sie, aber einfach wird das nun natürlich nicht mit einer Vollzeit-Ausbildung und zehn Trainingseinheiten pro Woche. Sie will sich trotzdem weiter messen mit der internationalen Elite, auch wenn sie zwischen Profis, Sportsoldatinnen und Studentinnen eine ungewöhnliche Rolle einnimmt. Nächsten Montag gibt sie Englisch.

In Deutschland fehlt es an Top-Rennen, glaubt Bundestrainer Knauer, um sich an internationale Härte zu gewöhnen

Das alles muss man bedenken, ehe man eine "Eigentlich-gut-aber"-Bilanz der zurückliegenden Saison zieht, die genauso auch auf Christina Hering zutrifft. Hering, wie Trost 26, hat in Bellinzona noch einmal eine Zeit unter zwei Minuten geschafft, "die dritte in diesem Jahr", lobte Knauer, "das gab es noch nie." Trost schloss nun mit diesen 4:05,17 Minuten über 1500 Meter ab, einer Zeit, mit der sie "in neue Dimensionen" vorstieß, wie die LG Stadtwerke in einer Pressemitteilung betonte, und die ihr einen Platz in der ewigen deutschen Bestenliste bescherte. Nur die Sache mit Tokio, die trübte das Bild. Hering schied dort im Vorlauf aus, Trost erreichte zwar das Halbfinale, brach dort aber gegen Ende ein, "als hätte jemand den Stecker gezogen". Hering hat beschlossen, "einfach Pech" mit ihrem langsamen Vorlauf gehabt zu haben. Trost weiß keine Erklärung. An ihrer Form habe es nicht gelegen.

Bundestrainer Knauer ist durchaus selbstkritisch. Es habe in der Vergangenheit schon auch mal Fehler in der Vorbereitung gegeben, bei der Taktik, diesmal aber nicht. Trotzdem sei da dieser Rucksack gewesen. Viele deutsche Läuferinnen hätten sich etwas versteckt in Tokio, findet Knauer und glaubt, dass das auch an einem Mangel an Gelegenheiten liege, sich international zu messen, auch bei Top-Rennen in Deutschland. "Irgendwann stehen sie dann bei einem Großereignis und erschrecken, weil es plötzlich härter zur Sache geht", sagt er. So werde es schwierig, "aus dem nationalen Dornröschenschlaf heraus etwas zu entwickeln".

Katharina Trost will sich weiterhin auf die 800-Meter-Distanz konzentrieren, jedenfalls nach Unterrichtsschluss. Ihre Bestzeit dort sei doch "international höher anzusiedeln" als die neue über 1500 Meter. Mit dieser hat sie nichtsdestotrotz die internationale Norm für die Heim-EM 2022 in München in der Tasche, was sie "supercool" findet. München wäre die erste Chance, mal etwas Großes vor Familie und Freunden zu zeigen. Die sie im Zweifel auch nicht verwechseln würden.

© SZ/sewi
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