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Hürdenläufer Karsten Warholm:Leiden bis zum letzten Meter

Knapp vorbei: Karsten Warholm fehlten beim ISTAF in Berlin nur drei Zehntelsekunden zum 400-Meter-Hürden-Weltrekord.

(Foto: AP)

400-Meter-Hürden-Sprinter Karsten Warholm ist in diesem Jahr sein eigenes Maß: Er bastelt kontinuierlich am ältesten Lauf-Weltrekord der Leichtathletik - und scheut nicht vor Dopingfragen zurück.

Von Saskia Aleythe, Berlin

Als gar nichts mehr ging, setzte Karsten Warholm Steinchen auf Steinchen. Man muss es schon eine Leidenschaft nennen, was der Norweger im März im Corona-Lockdown in seiner Wohnung veranstaltete: Er baute die Tower Bridge in London mit Plastikklötzen nach, das Old Trafford und einen Bugatti noch dazu, und man kann schon sagen: So akribisch bastelt der 24-jährige Norweger auch schon die vergangenen Monate daran, den ältesten Lauf-Weltrekord der Leichtathletik zu brechen. Nur gibt es dazu keine Anleitung.

In welchen Sphären sich Warholm gerade bewegt, konnte man beim Berliner Istaf am Sonntagabend gut beobachten. Nein, er ist keinen Weltrekord gelaufen, der gehört weiter dem Amerikaner Kevin Young, der 1992 in Barcelona 46,78 Sekunden lief; doch mit seinen 47,08 Sekunden im Olympiastadion schrieb Warholm ein anderes Kapitel weiter: Er brach den 40 Jahre alten Meetingrekord von Edwin Moses, der zwischen 1977 und 1987 eine beeindruckende Serie von 122 Siegen hingelegt hatte. "Es hat sich wie eines meiner besten Rennen angefühlt", sagte Warholm, und das stimmte wohl: Es war die drittschnellste Zeit des zweimaligen Weltmeisters, seine schlechteste Zeit in diesem Sommer war immer noch weit vor denen der Konkurrenz.

Wie sehr sein Weltrekord ins Wackeln geraten ist, hat Kevin Young natürlich auch mitbekommen: "Wenn ich einer seiner heutigen Rivalen wäre, würde ich ihn hassen", sagte der 53-Jährige kürzlich scherzhaft der L'Équipe mit Blick auf Warholm. Wie souverän der Norweger seine Rennen momentan gewinnt, ist ja schon beeindruckend: Um den Windschutz der Tribünen zu nutzen, rannte er zuletzt auf den äußeren Bahnen, obwohl die besten Läufer für gewöhnlich die mittleren wählen, wegen der günstigeren Fliehkräfte und um sich an der Konkurrenz zu orientieren. "Er ist bereit, bis auf die letzten Meter zu leiden, mehr als die anderen", meint Young.

So ein Jahr ohne große Höhepunkte kann schwierig sein für manche Athleten, die sich in Motivationsfragen von Veranstaltung zu Veranstaltung hangeln. Rai Benjamin, der hinter Warholm bei der vergangenen WM Silber gewann, meinte gegenüber dem norwegischen Sender NRK zu Beginn der Saison, er glaube nicht, dass in diesem Jahr der Weltrekord fallen könne: "Das erfordert große Rennen mit vielen Zuschauern, um das kleine Extra herauszuholen." Doch für Warholm scheint das nicht wichtig zu sein. Er hat ja nicht nur mit Plastik-Bausteinen gespielt in den vergangenen Monaten, sondern die Corona-Auszeit für viel Krafttraining genutzt. "Du kannst länger und härter trainieren. Dieses Jahr kann tatsächlich ein Geschenk sein", sagte er vor kurzem beim Meeting in Ostrava, "du machst dir keine Gedanken um Medaillen, sondern kannst dich auf Zeiten konzentrieren."

"Das haben wir Leichtathleten uns schon selbst eingehandelt"

Kein Konkurrent hat in diesem Jahr die 49 Sekunden unterboten, Warholm läuft derzeit in seiner eigenen Welt. "Wer die Geschichte unseres Sports kennt, kann doch gar nicht anders, als meine Leistung für sehr auffällig zu halten, mir zu misstrauen" sagte er letztens dem Tagesanzeiger; das Thema Doping ist in einem Jahr mit wochenlang eingeschränktem Testsystem präsenter denn je. Dass man bei guten Leistungen automatisch an Betrug denke, fände er traurig, "aber das haben wir Leichtathleten uns schon selbst eingehandelt". Etwa 20 Mal im Jahr werde er getestet, als Weltmeister wisse er, dass man ohne Doping der Beste sein kann."

Schon im vergangenen August war Warholm unter 47 Sekunden geblieben, in Stockholm unterbot er vor drei Wochen seinen Europarekord und schrammte um neun Hundertstelsekunden am Weltrekord vorbei. Dass er die letzte Hürde umtrat, kostete Zeit. "Wenn die Jungs ihre Geschwindigkeit unter Kontrolle bringen, werden sie die 46-Sekunden-Barriere durchbrechen", glaubt Noch-Weltrekordhalter Young und meint damit vor allem das Anfangstempo seiner Nachfolger: Wer so schnell loslaufe wie Warholm und Benjamin, dem auch schon 46,98 Sekunden gelungen sind, der kriegt am Ende womöglich zu schnell zu schwere Beine.

Dass er mit seinem Trainer an der richtigen Strategie tüftelt, ist klar, Warholm bezeichnet sich und Leif Olav Alnes als "Dreamteam", der TV-Sender NRK hat beiden gerade eine fünfteilige Dokumentation gewidmet. Alnes nennen sie auch "Doktor Sprint", der 63-Jährige hat in Biomechanik promoviert und unter anderem Geir Moen 1994 zu EM-Medaillen geführt. Vor allem aber haben sich Alnes und Warholm menschlich gefunden, sie verbindet ein Hang zur Albernheit, 40 Jahre Altersunterschied hin oder her. "Im Geiste sind wir gleich alt. Ob das jetzt fünf oder 50 ist, sollen andere entscheiden", sagt Warholm.

Noch bis 2015 war er als Zehnkämpfer unterwegs. Die Schwächen: Werfen; die Stärken: Laufen und Springen. Doch der Trainer überzeugte ihn, sich zu spezialisieren. Die Abwechslung vermisst Warholm heute nicht mehr: "Die 400 Meter Hürden sind technisch so anspruchsvoll, dass mir niemals langweilig wird." Es hat also seinen Grund, warum der Weltrekord seit 28 Jahren ungebrochen ist.

Noch zwei Wettbewerbe will Warholm in dieser Saison bestreiten: am Donnerstag in der Diamond League in Rom und bei den Landesmeisterschaften. Als er im vergangenen Jahr zum zweiten Mal Weltmeister wurde, schauten fast 1,5 Millionen Norweger im Fernsehen zu, bei 5,4 Millionen Einwohnern. Eine Tankstelle in seiner Heimatstadt Ulsteinvik senkte euphorisch die Preise. Was bei einem Weltrekord passiert, ist nicht überliefert. Die Auto-Schlangen waren damals jedenfalls schon sehr lang.

© SZ vom 15.09.2020/ska
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