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Leichtathletik:Dubioser Geldfluss an Sportfunktionär Digel

Helmut Digel

Helmut Digel im Jahr 2014 (Archivbild).

(Foto: Paul Zinken/dpa)

Zwei Jahrzehnte gab sich Spitzenfunktionär Helmut Digel als Mahner, Querdenker, Vorkämpfer im Anti-Doping-Kampf. Jetzt bringen ihn Geldzuwendungen der alten Leichtathletik-Führung in Erklärungsnot.

Es war August 2015, die Leichtathletik-WM in Peking brach an, als die Zeit reif war für ein Fazit von Helmut Digel. Es waren Worte voller Bitternis.

Digel hatte zwanzig Jahre im Council des Weltverbands IAAF gewirkt, der Regierung der Leichtathletik. Nach dem Kongress in Peking würde er seinen Platz räumen. Und jetzt fiel Digel in den Sessel in der Suite eines Fünf-Sterne-Hotels, dunkles Leder, schummriges Licht, und redete über ein "borniertes" System, in dem "Veränderungen unendlich langsam gehen". Zugleich hatte sich der Korruptionsgeruch im Verband verstärkt; das Beben der ersten Berichte über Doping und Bestechung in Russlands Leichtathletik hob an, immer mehr Fährten führten in die IAAF. War ihm der Gestank nie aufgefallen? "Wo es um Schuld geht, wird man mitschuldig", sagte Digel. Aber konkret etwas gewusst, sagte er später, habe er nie. Er habe versucht, Reformen durchzudrücken, doch man habe ihn als Störenfried empfunden. Während sich Lamine Diack, der Präsident aus dem Senegal, auf der Bühne des olympischen Kernsports sonnte.

Er sei, sagte Digel der FAZ , zwei Jahrzehnte "Teil einer Heuchelei" gewesen.

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Digel, 72, ist einer der prominentesten deutschen Sportpolitiker, Querdenker, Intellektueller. Zwölf Jahre lang leitete der Soziologe das Tübinger Sportinstitut. Er gefiel sich als Ein-Mann-Opposition in der IAAF, kämpfte in Deutschland für ein Anti-Doping-Gesetz. Das war das Bild, das er gerne von sich malen ließ. Nun kommt ein anderer, schattigerer Entwurf zum Vorschein. Er skizziert einen Funktionär, der sich selbst in der intransparenten Welt bewegte, die er beklagte.

Diskretes Salär, über Jahre hinweg

Nach SZ-Informationen kassierte Digel jahrelang von der IAAF eine Art regelmäßiges Salär, diskret. Und offenbar ohne Rechtsgrundlage; das Verbandsreglement gibt keine her für Ehrenamtliche, auch die IAAF kann dies auf wiederholte Anfragen nicht erklären. Die Kanäle führen zu Lamine Diack und dessen Sohn Papa Massata, Geschäftskürzel: PMD. Drei Buchstaben, die als Brandmal in der Szene stehen - dafür, dass die Leichtathletik in den vergangenen Jahren fast kollabiert ist. Papa Diack vermittelte der IAAF 15 Jahre lang Sponsoren und soll kräftig Geld für sich abgeschöpft haben. Interpol jagt ihn seit knapp einem Jahr. Lamine Diack, der langjährige IAAF-Präsident, der in Peking 2015 abdankte und bald darauf verhaftet wurde, steht in Frankreich seit einem Jahr unter Hausarrest. Es geht um Korruption, Geldwäsche, Erpressung.

Und mittendrin taucht nun Digel auf, der Chefaufseher des IAAF-Marketings war und Empfänger diskreter Zahlungen. Zuwendungen, deren Fluss die IAAF bestätigt, während der deutsche Funktionär dazu trotz tagelanger Anfragen schweigt.

Spätestens 2010 lassen sich die Geldströme orten, spätestens da entschied die IAAF nach SZ-Informationen, Digel über die übliche Vergütung hinaus zu bezahlen. Wer in der IAAF eine Kommission leitet, dem stehen Tagesspesen zu, damals waren es rund 250 Dollar pro Tag. Da konnte man jährlich bis zu 50 000 Dollar aus dem Verband tragen. Aber das reichte offenbar nicht. Digel soll weitere zirka 3000 Dollar pro Monat bezogen haben, heißt es in IAAF-Kreisen. Gezahlt aus dem Verbandssitz in Monaco. Diack persönlich soll dieses Zubrot gewährt haben. Digel bestätigt oder dementiert nichts davon.

Wofür lässt der Präsident seinem Marketingexperten mindestens fünf Jahre lang Geld durch diskrete Kanäle zukommen? Zumal Digel just das Ressort betreute, in dem der Filius des Chefs besonders aktiv war? Es war eine Zeit, in der Vater und Sohn die Leichtathletik ausnahmen wie eine Weihnachtsgans. Sie sollen sogar Athleten mit positiven Dopingproben erpresst haben, so lautet einer von zahlreichen Vorwürfen der Strafermittler.