Leichtathletik:Sorge um die Reinheit des Rennens

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Nach drei Kilometern hatten sie den Vorort Ashland erreicht, Switzer, ihr Trainer Briggs und Tom Miller, Switzers Freund, ein Hammerwerfer. Der Bus mit Journalisten und Fotografen fuhr vorbei, unterwegs zur Führungsgruppe, als ein Journalist Switzers lange, schwarze Haare erspähte, die im Regen hin- und herwippten. "Hey Jock", rief er Richtung Renndirektor, "da läuft eine Tussi mit!"

Der Bus hielt abrupt an. Will Cloney, Mantel, Filzhut, packte Switzer am Arm, sie riss sich los. Dann probierte es John "Jock" Semple, 63, kerniges Gemüt samt kernigem schottischem Akzent, der dem Marathon als Co-Renndirektor vorstand. "Verschwinde zum Teufel noch mal aus meinem Rennen und gib mir deine Nummer!", schrie Semple, er hätte Switzer wohl in Ruhe gelassen, hätte sie es nicht gewagt, sich eine Startnummer zu besorgen. Das befleckte die Reinheit seines Rennens. Semple hatte sich fast bis zu Switzer durchgeboxt, als ihn Switzers Freund mit einem fachmännisch getimten Rempler Richtung Straßengraben warf.

Semple kroch zurück in den Bus, dort war es totenstill. Switzer war kurz gestolpert, hatte aber wieder auf die Beine gefunden. Sie war aufgewühlt, aber sie lief weiter. "Ich habe damals gelernt, dass beim Laufen irgendwann jede Wut verpufft", sagt sie, und bei Kilometer 32, am Heartbreak Hill, "habe ich dem alten, mürrischen Funktionär vergeben". Sie fragte sich, warum so wenige Frauen in dieses Rennen gefunden hatten, und sie begriff, dass viele verängstigt waren. "Als ich im Ziel war, nach 4:20 Stunden, hatte ich einen neuen Lebensplan, der wie ausgerollt vor mir lag", sagt Switzer: "Werde ein besserer Athlet. Und schaffe Möglichkeiten für Frauen, das gleiche zu erreichen."

1970 erste Marathon-Meisterschaft für Frauen

Die Organisatoren disqualifizierten Switzer und ihren Freund, aber da waren die Fotos von ihrem Rempler längst im Umlauf, die Risse in den Damm gezogen, der die Gleichberechtigung zurückhielt. 1970 veranstalteten sie in Amerika die ersten Marathon-Meisterschaft für Frauen. 1972 öffnete Jock Semple seinen Lauf für Frauen, Switzer wurde Dritte; sie versöhnten sich bald. Am 23. Juni 1972 unterschrieb Präsident Richard Nixon den Verfassungs-Zusatz "Title IX", der Frauen gerechtere Behandlung in Bildung und Sport zusicherte.

"Frauen durften lange nicht arbeiten, keine Universitäten besuchen, wir wurden nicht zu Ärzten oder Juristen ausgebildet, und wer es doch wagte, wurde trotzdem Hausfrau", erinnert sich Switzer. "Das war so frustrierend, weil einem ständig gesagt wurde, dass man nicht gut genug ist." 1984 liefen die Frauen erstmals einen olympischen Marathon. Der Damm war gebrochen, und erst vor wenigen Tagen entschied der Leichtathletik-Weltverband, die 50 Kilometer Gehen auch für Frauen zu öffnen, die letzte Bastion der Männer.

Wenn man Switzer heute anruft, spürt man, wie viel Leidenschaft in jedem ihrer Worte liegt. Sie ist Journalistin, in diesem Jahr moderiert sie zum 40. Mal das Rennen fürs Fernsehen, aber eigentlich ist sie von Beruf Kathrine Switzer, die das Rennen, den Sport und ein bisschen auch die Gesellschaft veränderte. Sie hat bezeugt, wie Frauen über das Laufen zu sich fanden, "Frauen im Sport", sagt sie, "ist eine der größten, kulturellen Revolutionen des vergangenen Jahrtausends. Es waren vor allem Sportlerinnen, die zeigten, dass Frauen gut waren, stark und schnell."

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