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Langlauf:"Ich bin ich" - Der andere Axel

Der Doppeltweltmeister Axel Teichmann über seinen mittelmäßigen Start in die Saison, den dunklen Norden und heiße Luft.

Thomas Hahn

Die Saison wird heller, das zumindest ist sicher, denn die Reise der Langläufer geht weiter von Kuusamo/Nordfinnland in den mittleren Süden, wo der Himmel offener ist und die Tage länger dauern. La Clusaz ist das Ziel, die französischen Alpen, der nächste Weltcup, und das ist schon mal ein Fortschritt für Axel Teichmann, den Thüringer Doppelweltmeister des WSV Bad Lobenstein, auch wenn er keineswegs den Eindruck erwecken will, als habe er ein verschärftes Problem mit dem düsteren Winter am Polarkreis. "Was heißt, haut aufs Gemüt?" raunzt er. "Man gewöhnt sich schon dran, aber wenn man nach dem Mittagsschlaf aufsteht und es ist schon wieder dunkel, denkt man schon: Ist jetzt Morgen oder ist jetzt Kaffee?" Er will damit sagen, dass er nach vier Wochen des Trainierens und Wettlaufens im hohen Norden tatsächlich genug hat von den kurzen skandinavischen Tagen - und trotzdem seine aufrechte Haltung bewahren vor den Blicken der anderen.

(Foto: Foto: Reuters)

Axel Teichmann, 29, ist wieder unterwegs in den Jagdgründen seines Langläuferlebens, die er zugleich lieben und hassen muss. Denn die Wettkämpfe verbinden seine Leidenschaft, das Langlaufen, mit der Öffentlichkeit, auf die er persönlich verzichten könnte, und diese Tatsache zwingt ihm immer wieder einen Ausdruck ins Gesicht, den seine Beobachter als üble Laune auslegen. Was wirklich dahintersteckt, ist schwer zu sagen, klar ist derzeit nur, dass er mittelmäßig in die WM-Saison gestartet ist und auf Fragen gerne mit rhetorischen Gegenfragen antwortet. "Was heißt zufrieden?" sagt Teichmann nach Platz zwölf beim Weltcup in Kuusamo über 15 Kilometer klassisch, in jener Disziplin, in der er 2003 Weltmeister wurde. "Die Renneinteilung war sicherlich gut. Aber ich habe mich von Anfang an nicht so richtig wohl gefühlt. Ich hatte einen relativ glatten Ski und musste ein bisschen viel grätschen. Naja. Ich mein'. Kommt halt Platz zwölf raus." Also nicht zufrieden?

Heiße Luft nach Sylvester

Teichmann und die Ansprüche - ein kompliziertes Thema. Als bekennender Naturmensch kann Glück für ihn schon bedeuten, wenn er bei einsamen Läufen im Wald den Fahrtwind in der Jacke spürt. Als Wettkämpfer hingegen wirkte er selbst bei seinen WM-Triumphen 2003 im Val di Fiemme und 2007 im Skiathlon von Sapporo streng. Und bei Misserfolgen kann er richtig ungnädig mit sich selbst sein. Die vergangene Saison bezeichnet er als "schlecht". Trotz seiner beiden Weltcup-Siege? "Ja gut", sagt Teichmann, "aber nach Sylvester kam nicht mehr viel, außer heiße Luft." Dieses eiserne Leistungsdenken rührt wohl auch von der Erziehung seines Oberhofer Heimtrainers Cuno Schreyl, der seine Leute im Dienste der deutschen Winterunterhaltung ganz vorne sehen will und in Kuusamo zu den Rängen neun, elf und zwölf seiner Läufer Jens Filbrich, Tobias Angerer und Axel Teichmann sagte: "Wir wissen natürlich, dass die Öffentlichkeit andere Platzierungen erwartet."

Augenmaß ist ein Grund für den zurückhaltenden Saisonbeginn. "Ich wollte nicht unbedingt mit den Topresultaten einsteigen wie in den letzten Jahre", sagt Teichmann, "dass es nicht wieder heißt: Frühform und alles verlorengegangen im Laufe des Winter." Zum Tour-de-Ski-Start am 27./28. Dezember in Oberhof will er "erstmalig die beste Leistung abliefern". Der Saisonhöhepunkt, die WM in Liberec, liegt erst im Februar. "Was heißt grübeln?" sagt Teichmann. Neben ihm berichtet gerade Tobias Angerer, der Weltcup-Gesamtsieger 2006 und 2007, sein 30. Rang zum Weltcup-Start in Gällivare habe ihn ins Grübeln gebracht. Teichmann blickt streng in die finnische Kälte. "Grübeln muss ich gar nicht. Ich gehe davon aus, dass die Form bis Weihnachten kommt. Ich denke, dann werden wir einen anderen Axel sehen."

Verzicht auf Olympia-Test

Er bezeichnet sich selbst als mündigen Athleten. Dass Schreyl das Training dieses Jahr allgemeiner anlegte und neue Orte für die Lehrgänge wählte, geschah auch auf sein Betreiben. Längst hat er entschieden, nach der Tour de Ski die vorolympischen Wettkämpfe von Vancouver auszulassen, um sich zu schonen. Will er nicht wissen, was ihm blüht 2010 bei den Spielen? "Was heißt, was mir blüht?" sagt er. "Das Rad neu erfinden können sie auch nicht. Da gibt's ein paar Berge, ein paar Abfahrten. Alles andere ergibt sich dann." Und natürlich hat er zum Thema Antidoping klare Ansichten, zu denen er aber offenbar am Langläufer-Stammtisch gelangt ist. Er ist für lebenslange Sperren. Und dass der Antidoping-Experte Bengt Saltin erklärt hat, fünf Weltcup-Läufer seien anhand ihrer Blutprofile als Doper entlarvt, weshalb Weltskiverband Fis in einem Präzedenzfall daraus Strafen ableiten wolle, findet er kritikwürdig. "Entweder soll er Ross und Reiter nennen oder - auf gut deutsch - die Klappe halten", ruft Teichmann. "Das lässt wieder Raum für Spekulationen. Das belastet das Verhältnis zwischen Medien und Sportlern. Schwupps haben wir wieder dieses leidige Thema."

Was heißt leidiges Thema? Doping ist eine Realität des Leistungssports, die regelmäßig besprochen gehört, auch wenn die Lobby sich gestört fühlt. Aber Teichmann ist wohl zu tief verwurzelt in der Langlaufszene. Er hat seine sportlichen Ansprüche und seinen Thüringer Trotz. Er will kantig sein und sich trotzdem nicht richtig einlassen auf die ernsten Diskussionen. Er ist ein ziemlich gewöhnlicher Weltmeister in dieser Beziehung, obwohl er das gar nicht sein möchte. "Ich bin ich", sagt Axel Teichmann, "ich möchte mich nicht verbiegen." Aber dazu gehört mehr als ein paar rhetorische Gegenfragen.

© SZ vom 02.12.2008/agfa
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