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Kommerz im Fußball:Euer Geld nehmen wir gerne

1899 Hoffenheim - Werder Bremen

Plötzlich sehr viel Geld wert: Davie Selke von Werder Bremen.

(Foto: dpa)

Er steht für den Kampf Herz gegen Kommerz: Davie Selke wechselt freiwillig zum betuchten Zweitligisten Leipzig. Sein Fall könnte zur Gebrauchsanweisung für die ganze Liga werden.

Kommentar von Christof Kneer

Als der 19-jährige Davie Selke im Herbst seinen Vertrag beim Erstligisten Werder Bremen bis 2018 verlängerte, nannte er das "eine Herzensangelegenheit". Als nun vorige Woche bekannt wurde, dass der inzwischen 20-jährige Selke beim Zweitligisten RB Leipzig einen Vertrag bis 2020 unterzeichnen wird, da schwieg der junge Mann. Was hätte er auch sagen sollen? Noch eine Herzensangelegenheit hätte ihm keiner abgenommen. Und das Wort "Kommerzens-Angelegenheit" ist noch nicht erfunden.

Davie Selke ist ein Spieler, von dem niemand sagen kann, ob er wirklich mal so prominent wird, wie es die aktuelle Aufregung um ihn vermuten lässt. Selke ist ein klassischer Mittelstürmer, das macht ihn zurzeit zwar halbwegs historisch in einem Land, das seine traditionellen Sturmhünen zuletzt bis auf Götze-Größe geschrumpft hat. Ob Selke aber die letzte Rettung für eine aussterbende Art darstellt, können nicht mal die Produktentwickler bei RasenBall (gesprochen: RedBull) Leipzig wissen. Selke erinnert mitunter an den jungen Kuranyi; man weiß nie genau, ob sein Spiel jetzt faszinierend unorthodox ist oder eher etwas ungehobelt.

Unabhängig von seinen Qualitäten hat es der junge Mann aber gerade zu einer zentralen Figur im deutschen Fußball gebracht: Er gibt einer theoretischen Debatte einen konkreten Körper. Die Figur Selke steht jetzt für den Kampf Herz vs. Kommerz. Offizielle Lesart des Transfers: Der Herr Jungstar wechselt freiwillig in die zweite Liga, allerdings nicht zu einem Verein, sondern zu einem Konzern, der keine Etats kennt, nur Herausforderungen.

Es gibt aber auch eine inoffizielle Lesart dieses Transfers, und die könnte sogar zu einer Art Gebrauchsanweisung für die ganze Liga werden. Die Bremer haben ja keinerlei Klassenkampflieder angestimmt, sie haben den Verlust mit bemerkenswerter Nüchternheit zur Kenntnis genommen. "Attraktive Rahmenbedingungen" pries der Sportchef Eichin, gerade so, als habe er selbst einen Spieler verpflichtet. Und der Spieler Junuzovic merkte nach dem 0:0 im Heimspiel gegen Mainz trocken an, die Reaktionen der Fans seien "doch im Rahmen geblieben".

Man habe "die Sache nicht gleich im Keim erstickt", hat Eichin über jene Tage berichtet, in denen RB erstmals mit einem unmoralischen Angebot in Bremen vorstellig wurde. Die Bremer haben das verführerische Potenzial erkannt, das in dem Deal steckt, der ihnen acht Millionen zzgl. Erfolgsgebühren einbringt für ein Talent, das sie mal für 50 000 Euro geholt haben. Es ist eine Art kreative Notwehr - okay, ihr Werksklubs, wenn ihr schon so unverschämt viel Kohle habt: Wir nehmen sie gerne. Mit eurer Kohle tilgen wir ein paar Schulden, wir halten ein paar andere wichtige Spieler, und wenn was übrig bleibt, holen wir selber noch einen.

Das wäre doch mal ein innovatives Modell: die Werksklubs als Co-Sponsoren der anderen Klubs. Für Klubs wie Werder wird es also künftig darum gehen, Verträge mit den Talenten - wie im Fall Selke - so rechtzeitig zu verlängern, dass es für die Brause-, VW- und SAP-Klubs richtig teuer wird. Dazu die Tagesnachricht aus Augsburg: Der umworbene Trainer Weinzierl verlängert seinen Vertrag bis 2019.

© SZ vom 07.04.2015/ebc
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