Jo-Wilfried Tsonga bei French Open:Mischung aus Offensive und Defensive

Tsonga justierte sein Spiel und erkannte: "Um zu gewinnen, bin ich nicht gezwungen, die ganze Zeit Asse mit 220 km/h zu servieren, mächtige Vorhände zu schlagen und ans Netz vorzurücken. Ich habe Szenen vom Finale 1983 angeguckt, in denen Noah ans Netz stürmte. Aber heute hätte er gar nicht mehr die Zeit, da anzukommen. Djokovic bleibt, wenn man ihm 220-km/h-Aufschläge rein wuchtet, trotzdem an der Grundlinie stehen und hämmert dir den Ball mit dem gleichen Tempo zurück. Das macht pim-pim!"

Rasheed schätzte es, dass Tsonga "mit der wachsenden Größe der Aufgabe immer gelassener wird". Deshalb arbeiteten die beiden mehr an der Taktik. Früher liebte Tsonga Gewinnschläge über alles. Heute sagt der 28-Jährige: "Das mag ich noch immer, aber ich habe gelernt, auch anderes zu lieben. Ich kann jetzt auch die Grundlinienspieler herausfordern", glaubt er, auch dank der verbesserten Rückhand, "ich kann die Bälle fünf-, sechs-, zehnmal zurückspielen, ohne panisch zu werden."

Dafür musste er sich physisch fortentwickeln. Denn er war zwar stets schnell auf den ersten Metern, aber auf Dauer wogen seine über 90 Kilo zu viel für den 1,88 Meter großen Mann. "Ich hatte im Dezember und Januar mal probiert, mich glutenfrei zu ernähren. Danach habe ich damit aufgehört, um besser vergleichen und sicher sein zu können, dass es mir gut tut. Und tatsächlich war es so. Nach den Australian Open hatte ich fünf Kilo verloren, war aber immer noch so kraftvoll wie vorher. Meine Muskeln waren dafür viel lebhafter. Wenn du ein Champion sein willst, musst du wie ein Nadal oder Djokovic in der Lage sein, vier oder fünf Stunden von hinten zu spielen. Da wird die richtige Ernährung Pflicht. Zumal das ja nicht bedeutet, dass ich nichts mehr essen darf, was Spaß macht."

Was die Ausdauer angeht, hat der 44-jährige Roger Rasheed ihm im Training "so harte Aufgaben gestellt, dass ich überall Schmerzen hatte. Und er lässt sie mich wiederholen und wiederholen, bis mein Körper nicht mehr kann. Doch selbst dann höre ich nicht auf. Denn es zahlt sich aus. Statt wie früher bei langen Ballwechseln auseinanderzubrechen, nehme ich diese jetzt wie ein Spiel im Spiel an. Ich sage mir, dass ich stärker als der Schmerz sein muss. Und dass ich dieses Spiel gewinne, wenn der andere zuerst zusammenklappt. Ich sage mir: Du wirst den Ball nicht verschlagen, du wirst ihn nicht verschlagen."

Die neue Mischung aus Offensive und Defensive, Explosivität und kühlem Kopf wird im Halbfinale nötig sein, denn sein Gegner, der Sandwühler David Ferrer, 31, ist in Bestform. Sollte es Tsonga nach zwei Ruhetagen gelingen, den nicht immer nervenstarken Spanier zu bezwingen, wird Noah sehen, dass er sich doppelt vertan hat: Um die French Open zu gewinnen, müsste Tsonga drei Gegner der Top 5 bezwingen. Denn im Finale wartet entweder Djokovic oder Nadal.

© SZ vom 07.06.2013/ebc
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