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Jérôme Boateng:Phänomen auf Abwegen

FC Bayern Munchen v Olympiacos FC - UEFA Champions League

Für immer FC Bayern? Der Vertrag mit dem Nationalspieler Jérôme Boateng soll demnächst verlängert werden - dabei läuft er schon jetzt bis 2018.

(Foto: Hassenstein/Getty)

Gegen Hertha beginnt der gelernte Innenverteidiger im defensiven Mittelfeld und sagt später: "War nicht so schlimm."

Von Claudio Catuogno

Auf der Mitgliederversammlung des FC Bayern hatte Jérôme Boateng gefehlt. Wie übrigens die gesamte Mannschaft und auch der Trainer Pep Guardiola. Letzterer war wegen eines Todesfalls in der Familie nach Spanien gereist. Und die Mannschaft? Musste sich natürlich mit der gebotenen Professionalität auf das Bundesligaspiel gegen die Hertha vorbereiten.

Dass Boateng, 27, keine Rolle spielte am Freitagabend, nicht mal als Gesprächsthema, das war für manche eine Enttäuschung. Es war ja gemutmaßt worden, die Bayern könnten den bis 2018 laufenden Vertrag des Nationalspielers weiter verlängern - und dies den Mitgliedern stolz verkünden. Als Ersatz-Bonbon, wenn sich schon der Trainer Guardiola unerhört lange Zeit lässt mit seiner Entscheidung, ob er im Sommer bleibt oder geht. Nun musste die Versammlung ganz ohne Vertrags-Meldung auskommen, was den Fans allerdings auch egal war. Stichwort Freibier.

"Hat eigentlich Spaß gemacht. War nicht so schlimm."

Am Samstag war Boateng dann zwar anwesend - aber nicht auf jenem Posten, auf dem man ihn erwartete. Nicht als Abwehrchef. Nicht als Stratege, Passweg-Zusteller oder zur Not auch Grätscher in der Innenverteidigung. Guardiola, zurück in München, hatte sich nämlich erneut für ein 2-4-4-System entschieden; jedenfalls traten die Bayern in dieser Formation auf, wenn sie den Ball hatten. Also eigentlich immer. Die einsamen Innenverteidiger waren Medhi Benatia und Javier Martínez. Boateng gab einen defensiven Mittelfeldspieler, gemeinsam mit Xabi Alonso.

Boateng? Mittelfeldspieler? Dass der gebürtige Berliner in der Jugend Stürmer war und auch eine wechselhafte Karriere als rechter Flügelläufer hinter sich hat, könnte Guardiola zu der Rochade ermuntert haben. Mal abgesehen von der Tatsache, dass Boateng sowieso alles kann. Ein "absolutes Phänomen" nannte ihn hinterher Sport-Vorstand Matthias Sammer. Und was sagte Boateng? "Hat eigentlich Spaß gemacht. War nicht so schlimm."

Noch in der ersten Hälfte tauschte Boateng allerdings die Position mit Martínez, jenem Spanier, den die Bayern einst für 40 Millionen Euro als "besten defensiven Mittelfeldspieler der Welt" aus Bilbao geholt hatten. Was mal wieder einen Einblick in Guardiolas Rochade-Denken gab. Boateng kann zwar alles. Einen Grund, ihn ins Mittelfeld zu schicken und zugleich Martínez in die Abwehr - gibt es eigentlich nicht. Ist aber auch nicht so schlimm.

© SZ vom 30.11.2015

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