Jan Ullrich Therapie beginnt mit Offenheit

Das deutsche Sportpublikum hat seinen gestürzten Helden vieles nachgesehen. Doch beim jetzt wieder auffälligen Jan Ullrich ist das anders, weil er nicht zu seinen Schwächen steht.

Kommentar von Johannes Schnitzler

Das deutsche Sportpublikum liebt Heldengeschichten, von rothaarigen Wimbledonsiegern aus Leimen, von Fußballkaisern aus dem Münchner Arbeitermilieu, von rasenden Formel-1-Champions aus Kerpen. Noch atemloser verfolgt dieses Publikum nur die Geschichten vom Fall seiner Helden. Es spekuliert über den Vielleicht-oder-vielleicht-auch-nicht-Bankrott eines ehemals 17-Jährigen aus Leimen; es diskutiert, wie dem lässigsten aller Liberos jegliche Eleganz abhanden kommt, wenn es um ein paar verschwundene WM-Millionen geht; es schüttelt fassungslos den Kopf, wenn ein Rekordweltmeister, der auf der Rennstrecke jeden Crash überstand, von einem banalen Skiunfall aus dem öffentlichen Leben gerissen wird.

Einzelfälle, sicher, jeder für sich zu betrachten, in der Sache nicht miteinander vergleichbar. Wie auch der Fall eines Tour-de-France-Siegers aus Rostock.

Jan Ullrich kletterte 1997 nach Alpe d'Huez zum nationalen Mythos empor. Später wurde er der Einnahme verbotener Substanzen überführt, baute unter Drogeneinfluss einen Autounfall und wurde nun, berauscht und randalierend, auf dem Grundstück seines Nachbarn, des Schauspielers Til Schweiger, auf Mallorca festgenommen.

Tragische Helden gehören zum Sport, seit Dioxippos, im Jahr 336 v. Chr. Olympiasieger im Faustkampf, sich aus Scham über einen Betrugsvorwurf selbst tötete. Da ist zum Beispiel der Fall des nordirischen Fußballers und Lebemanns George Best, der sein Vermögen, wie er selbst sagte, mit Frauen, Suff und Autos durchgebracht und den Rest "einfach verprasst" hat. Das Bemerkenswerte: Die Öffentlichkeit verzieh Best, wenn er mal wieder betrunken durch Fernsehstudios torkelte, wenn er Autounfälle baute, ja sogar, dass er nach einer Lebertransplantation einfach weitersoff. Zu seiner Beerdigung an einem regnerischen Novembertag 2005 kamen 100 000 Menschen. Wohl auch, weil Best immer einer war, der sich zu seinen Schwächen bekannte.

Mit Jan Ullrich dagegen hat die Öffentlichkeit längst die Geduld verloren. Unter anderem deshalb: Weil Ullrich es stets verpasst hat, zu seinen Schwächen zu stehen. Der überführte Doper behauptet bis heute, Konkurrenten nie betrogen zu haben (waren ja eh alle voll damals). Nun gesteht er zwar Drogenkonsum ein und will seinen Kindern zuliebe eine Therapie machen. Aber süchtig? Süchtig sei er nicht.

Ja, jeder Fall ist ein Einzelfall, aber dieser hier ist im aktuellen Kontext ein besonderes Beispiel: Die Eisbären Berlin haben vor einigen Tagen mitgeteilt, dass ihr Nationalverteidiger Constantin Braun sich "aufgrund seiner Alkoholabhängigkeit" in medizinische Behandlung begeben hat. 2013 war der Eishockeyprofi an einer Depression erkrankt, 2017 erlitt er einen Rückfall. Auf Wunsch des Spielers gingen die Eisbären damit jeweils an die Öffentlichkeit. Und die Öffentlichkeit: respektierte Brauns Offenheit. Diese Offenheit macht Braun weder zu einem besseren Menschen noch macht sie sein Schicksal leichter. Sie garantiert auch nicht Heilung. Aber sie gibt ihm die Chance dazu.

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