Jahn Regensburg Wie schwarz-weiße Gummipuppen

Stolperfalle Leipzig: Der Treffer von Regensburgs Julian Derstroff reichte nicht zum Weiterkommen.

(Foto: Jan Woitas/dpa)

Überforderter Favorit: Regensburg scheitert an Chemie Leipzig.

Von Johannes Kirchmeier

Der Bundestrainer schwört seit Jahren auf aufblasbare Gummipuppen im Training. Schon bei der WM-Vorbereitung in Südtirol 2014 zählten die XXL-Puppen zu den Trainingsgästen von Joachim Löw. Sie sollten Gegenspieler symbolisieren, wirkten manchmal aber auch als Komplizen für neckische Späße der deutschen Spieler. Und sie taten beides so gut, dass Löws Spieler zur Einheit wurden und später den WM-Titel feierten.

Dieser Erfolg brachte nun auch Dietmar Demuth auf eine Idee. Demuth ist Trainer des Fünftligisten BSG Chemie Leipzig, früher coachte er mal die deutschen Traditionsklubs FC St. Pauli (er war als Trainer 2002 Weltpokalsiegerbesieger), Eintracht Braunschweig oder Ashanti Gold SC in Ghana. Mit Leipzig traf er am Sonntag in der ersten Runde des DFB-Pokals auf den Zweitligisten SSV Jahn Regensburg. In der Vorbereitung setzte er erstmals in der Vereinshistorie auf die schwarz-weißen Gummipuppen im Training.

Die Wechsel von Regensburgs Trainer Achim Beierlorzer zahlten sich nur anfangs aus

Sie führten ihre Aufgabe so gut aus, dass die BSG Chemie ihren größten Vereinserfolg überhaupt feierte - und Regensburg blamierte, das nach dem 1:2 (1:o) aus seiner Sicht zum achten Mal bei den vergangenen neun Pokalteilnahmen in der ersten Runde scheiterte. "Es ist brutal für uns", sagte Jahn-Trainer Achim Beierlorzer. "Und wenn man sich in der Kabine unsere Mannschaft anschaut, sieht das jeder so." Ganz anders Leipzig: Um 17.23 Uhr, keine Minute nach dem Abpfiff, bevölkerten Hunderte Fans den Alfred-Kunze-Sportpark. Viele liefen auf den Platz, so wie beim Sieg im Sachsenpokal im Mai, als sich Chemie qualifizierte. Es ist ein Verein von Fans für Fans, entstanden aus einem Fanprojekt 2008, als der Verein ganz unten anfing. Von Beginn an machte es Leipzig den Regensburgern, die ja selbst auf Aufsteigerjahre zurückblicken, äußerst schwer. Das fing schon beim Empfang an: "Regensburg wird sich umgucken. Kabine, Anfahrtsweg - hier ist es schön eng, die Stimmung ist einmalig", sagte Demuth zuvor. Und nun ja, den Rasen im Sportpark pflegten die Leipziger in den vergangenen Wochen eher auch stiefmütterlich. Die Anhänger hüllten ihre Tribüne das ganze Spiel über in den Rauch der Pyrotechnik und bauten auf eine opulente Choreografie: "Wir lagen träumend im Gras", schrieben sie in Grün und Weiß, den Vereinsfarben.

Dabei schienen das anfangs noch Albträume zu sein. Beierlorzer hatte durchgewechselt, was sich auszahlte. Der in die Startelf gerückte Julian Derstroff traf nach einer Flanke von Albion Vrenezi aus kurzer Distanz (20.). Demuths Jungs mussten feststellen: Puppen sind keine Menschen. Zu lässig ließen sie Derstroff davonziehen.

Doch die Regensburger, die als Team lieber reagieren als zu agieren, kamen mit ihrer ungewohnten Rolle als Favoriten nicht zurecht. Immer wieder konnten die Leipziger in der Folge mit langen Bällen kontern. Als wegweisend stellte sich dann auch heraus, dass der in Sensationen ja erfahrene Demuth auf zwei Spitzen umstellte. Die eine, Kai Druschky, schickte mit einem Diagonalpass die andere, Philipp Wendt, der erst Jahn-Rechtsverteidiger Benedikt Saller regelwidrig, aber ungeahndet zu Fall brachte und dann zum Ausgleich traf (69.).

Regensburg hatte danach einige Gelegenheiten auf den Siegtreffer, bei der besten scheiterte Andreas Geipl mit einem Weitschuss am Pfosten (83.). Doch weil der Jahn nicht traf, wurde der grün-weiße Fantraum wahr. Aus 25 Metern entschied Druschky das Spiel per Traumtor: Er nahm den Ball aus der Luft und hämmerte ihn zum 2:1 ins linke Eck (90+1.). Und für einen Moment ließ er seine Gegner wie schwarz-weiße Puppen aussehen.