bedeckt München

Jahn Regensburg:Sieg des Underdogs von weiter oben

13.09.2020, Fussball, GER, DFB Pokal, 2020/2021, 1. Runde, 1. FC Kaiserslautern - SSV Jahn Regensburg Jubel beim SSV Ja

Achtung, Alexander Meyer, hier kommt der Regensburger Feiertrupp: Markus Palionis, Benedikt Gimber, Albion Vrenezi, Sebastian Nachreiner, Oliver Hein, Federico Palacios, André Becker und Erik Wekesser (von links) stürmen nach dem Sieg im Elfmeterschießen zu ihrem Torwart und Pokalhelden.

(Foto: Sascha Janne/imago)

Dass der Zweitligist den Drittligisten Kaiserslautern im Elfmeterschießen bezwingen konnte, ist alles andere als selbstverständlich.

Von Johannes Kirchmeier

Zwei Männer, inmitten jeweils eines Kreises auf dem Rasen, das blieb aus der Vogelperspektive übrig von der so lange so spannenden Erstrundenpartie des SSV Jahn Regensburg am Sonntagabend beim 1. FC Kaiserslautern im DFB-Pokal. Fast drei Stunden lang mühten sich die insgesamt 31 eingesetzten Spieler der beiden Teams ab, vergaben Chancen, vereitelten aber mindestens ebenso viele. Ehe sie dann doch einen Sieger finden sollten, die Regeln wollen es ja so - in der knappsten aller Entscheidungen im Fußball. Die Entscheidungsfindung nach dem 1:1 (0:1) nach 120 Minuten war ein Fall für zwei: 14 Meter standen sie sich beim Elfmeterschießen gegenüber, der FCK-Kapitän Carlo Sickinger in Rot und der Jahn-Torwart Alexander Meyer in Grün.

Schiedsrichter Sven Waschitzki pfiff, Sickinger lief an, schoss in die rechte Ecke - aber unplatziert. Torwart Meyer parierte wie zuvor gegen Adam Hlousek. Er sprang auf, rannte los zu seinen Kollegen vom Zweitligisten, die ihn freudig umschwärmten. Am Ende sprintete auch noch der sonst so ruhige Trainer Mersad Selimbegovic gekonnt am Rest vorbei und in den Kreis hinein und umarmte seinen Pokalhelden; die unterlegenen Lauterer aus der dritten Liga rahmten Sickinger einige Meter entfernt zum Trost ein, so entstand dieses Bild der beiden Rasenkreise.

In der Vorbereitung fehlten dem Jahn zwischenzeitlich zwölf Spieler wegen Verletzungen

"Ich bin froh, dass wir endlich auch im Pokal mal eine Runde weiter sind", sagte Selimbegovic. Es war ja ein Erfolg des Außenseiters. So kurios das klingen mag, ob des Ligaunterschieds. Denn der Jahn tut sich im Pokal schwerer als andere Teams: Erst zweimal überstand er in diesem Jahrtausend vor dem Elfmeterschießen am Sonntag die erste Runde. Vor zwei Jahren war direkt danach gegen Heidenheim Schluss, 2004 ging es bis ins Achtelfinale, der bislang größte Pokalerfolg. Gegner Kaiserslautern, zweimaliger Pokalsieger, erreichte das Achtelfinale zuletzt im Vorjahr.

Nicht nur deshalb war Selimbegovic so erfreut über den Pflichtspielauftakt. Denn ein wenig stellte er sich zuvor auch die Frage, was er so erwarten könne von seiner Mannschaft. In der Vorbereitung fehlten zwischenzeitlich zwölf Spieler wegen Verletzungen, so arg traf es die Regensburger nie vor einer Zweitliga-Saison in den vergangenen vier Jahren. In Kaiserslautern musste daher der Angreifer Erik Wekesser als Linksverteidiger ran und der erst vor Kurzem vom HSV verpflichtete defensive Mittelfeldspieler Christoph Moritz gab sein Debüt im defensiven Mittelfeld, da auch der Sechser Max Besuschkow wegen einer Sperre aus der Vorsaison fehlte.

Trotzdem legte der Jahn furios los. "Wir haben selten so eine Halbzeit mit so viel Tempo und Dominanz gespielt", fand Selimbegovic. Sein Team ging schon in der vierten Minute durch den von einer Leihe bei den Würzburger Kickers zurückgekehrten Albion Vrenezi in Führung und hätte weitere Treffer schießen können. Vor allem der wendige Angreifer Kaan Caliskaner, 20, der von der zweiten Mannschaft des 1. FC Köln kam, erspielte sich einige Gelegenheiten. Doch weil Regensburg nicht traf, machte das eben Kaiserslautern: Kevin Kraus glich nach einer Ecke aus (64. Minute) - die Oberpfälzer waren fortan deutlich schwächer, ein wenig ging ihnen die Puste aus. Erschwerend kam hinzu, dass der eingewechselte Nicolas Wähling in der Verlängerung die gelb-rote Karte sah. "Wichtig ist, dass wir uns dagegen gestemmt haben", sagte der neue Kapitän Benedikt Gimber, der im Elfmeterschießen dann sehenswert ins Kreuzeck traf. Sein Vorgänger Marco Grüttner wechselte ja im Sommer in seine schwäbische Heimat.

Der Gastgeber drängte auf den Erfolg, traf durch Kraus auch zum vermeintlichen 2:1 (93.), ehe das Tor durch einen zweifelhaften Abseitspfiff zurückgenommen wurde. Mit Glück und Kampfgeist rettete sich der Jahn so ins Elfmeterschießen, in dem von den fünf Schützen nur der Innenverteidiger Jan Elvedi nicht traf und Meyer zwei Schüsse hielt. "Gott sei Dank hatten wir bei den Elfmetern mehr Glück heute", durfte Selimbegovic sagen und durchschnaufen.

Das Weiterkommen ist ja auch aus finanzieller Sicht nicht ganz unwichtig für den Jahn, dessen für Zweitliga-Verhältnisse äußerst geringer Umsatz von 25 Millionen Euro in dieser Saison wohl um ein Drittel zusammenschrumpft. Da tun die geschätzt 300 000 Euro für die zweite Runde (genaue Prämie noch nicht bekannt) natürlich gut vor dem Ligastart gegen den 1. FC Nürnberg (Freitag, 18.30 Uhr). Da sollte das Regensburger Team den Einbruch nach einer Stunde Spielzeit dann aber vermeiden.

© SZ vom 15.09.2020

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite