IOC Rote Linie der Athleten

Ein Viertel der Einnahmen, mehr Mitsprache: Die kühnen Forderungen der Athleten sind berechtigt, aber sehr schwer durchsetzbar.

Von Johannes Aumüller

Streik. Sogar dieses Wort ist jetzt schon Teil der Debatte. Der deutsche Athletensprecher Max Hartung hat es zwar nicht explizit benutzt. Aber das, was er zu Wochenbeginn in einem Interview mit der Nachrichtenagentur sid sagte, war auch so eindeutig genug. "Das leere Fernsehbild lässt sich schlecht verkaufen", war der eine klare Satz. "Und dass Sportler irgendwann rote Linien ziehen und sagen, unter den gegebenen Umständen können wir nicht antreten, finde ich legitim", war der andere.

Das war jedenfalls ein netter Prolog für das Treffen in Lausanne, zu dem die Spitze des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) die deutschen Athletenvertreter an diesem Mittwoch geladen hat. Und es ist ein Ausdruck des Konflikts, der sich in diesen Tagen weiter zuspitzt. Auf der einen Seite befinden sich die Funktionäre, auf der anderen eine Vielzahl an Sportlern, die sich mit den Zuständen in der olympischen Sportwelt nicht mehr abfinden wollen.

"Die Athleten stehen im Mittelpunkt", ist zwar ein Satz, der zu den Standardbemerkungen eines typischen Funktionärs gehört. Doch in der Realität sieht es so aus, dass in sehr vielen Fällen sehr viele andere Interessen im Mittelpunkt stehen. Aber keineswegs die Athleten und ihre Belange.

Das beginnt, wenn die Olympia-Verantwortlichen die Startzeiten von Wettbewerben ganz nach den Bedürfnissen der wichtigsten Fernsehmärkte ausrichten und die Athleten am Wettkampfort zu Unzeiten antreten müssen. Das setzt sich fort, wenn Athleten, die für einen sauberen Sport eintreten, feststellen müssen, wie nachsichtig sich die Spitzen des IOC und der Welt-Anti-Doping-Agentur gegenüber dem russischen Staatsdopingsystem und anderen Pharma-Betrügereien geben. Und das endet noch lange nicht, wenn sich zeigt, wie das IOC mit den gigantischen Milliardeneinnahmen umgeht, die es letztlich nur aufgrund der Teilnahme der Athleten erzielen kann - und wie wenig die meisten Athleten davon profitieren.

Seit Mai forderten deshalb Fechter Hartung und die deutsche Athletenkommission, dass künftig ein Viertel aller IOC-Einnahmen direkt bei den Athleten ankommen sollen. Das wären, gemessen an den Zahlen des letzten Olympia-Zyklus, zirka 1,2 Milliarden Euro; angesichts der schon getätigten Rekordabschlüsse der Ringe-Organisation würde diese Summe in den nächsten Jahren aber noch kräftig anwachsen. Das IOC verteidigt seine Praxis stets damit, dass mehr als 90 Prozent der Einnahmen zurück in den Sport fließen würden. Aber die Athleten verweisen nicht zu Unrecht darauf, wie wenig transparent der Sport bei solchen Verteilungsaktionen traditionell vorgehe.

Es sind viele berechtigte Ansprüche, die die Athleten aus der olympischen Welt haben. Und wenn sie wirklich im Mittelpunkt stehen sollen, müsste sich im Sport vieles ändern. Doch selbst leichte Verbesserungen zu erreichen, ist angesichts des Wesens der Funktionärskaste schwierig. Aber was spräche eigentlich dagegen, wenn es im Kampf um mehr Rechte auch mal einen Streik der Athleten gäbe?