IOC Das Fußvolk marschiert

Der Olympia-Chef als Diplomat: IOC-Präsident Thomas Bach auf der Tribüne neben der nordkoreanischen Eiskunstläuferin Ryom Tae Ok.

(Foto: Julie Jacobson/AP)

Selten hatte das Internationale Olympische Komitee ein so schlechtes Image. Dennoch hat Thomas Bach die Macht weiter auf sich zuschneiden können.

Von Johannes Aumüller

Die nächste Entscheidung der Session stand an, und dem Präsidenten war es ein Anliegen, die Meinung aus dem Saal zu hören. Vielleicht könne man wählen, sagte Thomas Bach zu den Mitgliedern des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), es gebe zwei Möglichkeiten. Variante eins: erst den nächsten Vortrag hören und dann die Mittagspause einlegen. Oder Variante zwei: jetzt die Mittagspause einlegen und dann den Vortrag hören.

Da sage noch jemand, unter Thomas Bach gehe es nicht basisdemokratisch zu.

Allerdings sieht der Führungsstil des Deutschen etwas anders aus, wenn es um Themen geht, die wichtiger sind als der Zeitpunkt der Sessions-Speisung. Immer deutlicher tritt zutage, wie er das IOC und die ganze olympische Welt auf sich und seine Wünsche zuschneidet. Wie schwer es IOC-interne Kritiker haben, und wie erpicht Bach darauf ist, auch andere Organisationen der Sportwelt zu beeinflussen.

Manche Funktionäre schaffen es erst gar nicht ins IOC, wenn sie sich gegen Bach positionieren

Seit viereinhalb Jahren ist Bach, 64, IOC-Präsident, rund die Hälfte der Legislaturperiode ist vorüber. Für die olympische Bewegung waren es keine guten Jahre. Zwar sind die Erlöse aus TV- und Sponsorenrechten hoch wie nie, zugleich aber ist das Image - besonders in den Kernmärkten Europa und USA - desaströs wie nie. Das liegt stark am Umgang mit Russlands Dopingskandal rund um die Winterspiele 2014, in dem das IOC auffällig nachsichtig gegenüber dem Verursacher auftritt.

Aber es kommt noch einiges hinzu. Bei Referenden über Olympia-Bewerbungen westlicher Städte setzte es auch schon vor der galoppierenden Doping-Debatte viele Ablehnungen. Zu hohe Kosten (mehr als acht Milliarden Euro) und die ungeklärte Nachnutzung diverser Sportstätten werden auch die Südkoreaner über ihre Winterspiele hinaus beschäftigen. Überdies kümmern sich Staatsanwälte in aller Welt um mutmaßlich korrupte Olympia-Vergaben oder die Machenschaften diverser IOC-Mitglieder von A bis Z, von Pat Hickey (Irland) bis zu Ahmad al-Sabah (Kuwait). Aber die Ringe-Familie reagiert stets verzögert. Oder gar nicht.

Für all das trägt Bach zumindest politisch die Verantwortung. Aber innerhalb der Sportfamilie, in der Bach seit Jahren seine Seilschaften pflegt, schadet ihm das nicht. Im Gegenteil.

In den Tagen von Pyeongchang zeigt sich das besonders am Umgang mit den Kritikern seiner Russland-Politik: mit dem Briten Adam Pengilly und dem Kanadier Richard Pound. Pengilly ist schon seit einer Woche nicht mehr bei den Spielen, das IOC hat ihn in einer einmaligen Aktion nach Hause geschickt. Der Grund: Er soll mit einem Sicherheitsmann körperlich aneinandergeraten sein. Der Fall ist dubios, und Videoaufnahmen, auf die das IOC verweist, sind nicht veröffentlicht. Pengilly bestreitet, den Mann berührt zu haben, entschuldigte sich jedoch für sein Verhalten. In jedem Fall war es verblüffend, wie schnell das IOC in diesem Fall reagierte, während es sich bei den gravierenden strafrechtlichen Forderungen gegen Bach-Vertraute wie Hickey oder al-Sabah stets viel Zeit lässt bis zu einer vagen Reaktion.

Noch stärker als bei Pengilly fällt das bei Pound, 75, ins Auge. Der Kanadier ist nicht irgendwer im Ringe-Kosmos, er ist das dienstälteste Mitglied, der Doyen. Für seine Kritik auf der Session gab es Angriffe von Bach-Getreuen, die so heftig ausfielen, dass Pound sich empört zeigte über eine "außergewöhnliche Attacke". Und als er sich in den Tagen danach in einem Interview mit salopp-heftiger Wortwahl ("die alten Fürze vom IOC") gegen eine Aufhebung der Russland-Suspendierung aussprach, konterten gleich mehrere IOC-Mitglieder mit verblüffend ähnlichen Briefen.

Sie brandmarkten Pounds Verhalten als beleidigend und unehrenhaft; auch Mitglieder des Exekutivkomitees waren darunter. Bach selbst kann sich also zurücklehnen: Sein Fußvolk marschiert.

Da ist es kein Wunder, dass sich bei manch einfachem IOC-Mitglied der Eindruck verfestigt, offen Kritik zu äußern, würde zunehmend schwieriger. Andere Sportfunktionäre wiederum schaffen es erst gar nicht ins IOC, wenn sie sich gegen Bach positionieren - wie der Brite Sebastian Coe, der einstige Olympiasieger über die Mittelstrecke und heutige Chef des Leichtathletik-Weltverbandes (IAAF). Bach und Coe waren früher mal eng, in olympischen Kreisen kursiert die Anekdote, wie sie sich gegenseitig Goethe und Shakespeare nannten. Aber seitdem Coes IAAF in der Russland-Affäre deutlich rigider vorgeht als Bachs IOC, ist das gute Verhältnis dahin - und das IOC leistet sich Erstaunliches: Der Chef der Weltleichtathletik, also der olympischen Kernsportart schlechthin, sitzt nicht im IOC.

Auch die Strukturen innerhalb des IOC werden immer stärker auf den Präsidenten ausgerichtet. Für die Kür künftiger Olympia-Gastgeber zum Beispiel dachte sich das IOC ein überarbeitetes Verfahren aus. Es will "proaktiver" sein und schon im Voraus verstärkt steuern, sobald sich jemand bewirbt, anstatt einen Wettbewerb zuzulassen. Nun ist vieles zu begrüßen, was das bisherige Verfahren mit seinen merkwürdigen und teils von Strafbehörden verfolgten Vorgängen verändert. Doch der neue Ansatz hat zur Folge, dass die Macht des Präsidenten bei der Auswahl zunehmen wird. Zudem schuf Bach ein neues Gremium namens "Olympic Summit", in dem er sportpolitische Würdenträger seiner Wahl versammelt - das Gremium gewann flott an Einfluss. So manches einfache IOC-Mitglied beklagt sich zudem, dass der Einfluss der Session gegenüber dem 14-köpfigen Exekutivkomitee, in dem viele Bach-Getreue sitzen, immer weiter schwinde.

Doch Bach will offenkundig nicht nur die Kontrolle nach innen, sondern auch bei anderen Organisationen des Sports. Auch das zeigte sich in Pyeongchang. Als der Weltsportgerichtshof Cas manche russische Athleten freisprach, die vom IOC wegen Verstrickungen ins Betrugssystem von Sotschi lebenslang gesperrt worden waren, äußerte Bach heftige Kritik - und forderte gar eine Reform des Sportgerichtshofs. Das war bemerkenswert genug, als IOC-Chef so über eine formal unabhängige Instanz herzufallen. Von langjährigen Schiedsrichtern des Cas gab es daran Kritik. Erstaunlich war, dass Cas-Präsident John Coates (Australien) gar nicht groß gegen den Frontalangriff protestierte, sondern umgehend eine wohlwollende Prüfung zusagte. Bach und Coates, IOC-Mitglied seit 2001, gelten als enge Vertraute. Mit Reformen des ohnehin schon Sportverbände-nah konstruierten Cas im Sinne Bachs ist also zu rechnen.

Vieles erinnerte an eine Auseinandersetzung, die es vor anderthalb Jahren mit einer anderen formal unabhängigen Organisation des Sports gab, der Welt-Anti-Doping-Agentur. Damals ging die Wada hart gegen Russland vor, es kam zu einem Konflikt zwischen Bach und Wada-Chef Craig Reedie, der ebenfalls IOC-Mitglied ist. Bach bremste ihn jedenfalls rasch ein. Die Wada ist trotz gewisser Veränderungen nicht so unabhängig und finanziell nicht so ausgestattet, wie sie es aus Sicht von Anti-Doping-Experten sein müsste.

Auch in anderen Organisationen lässt sich Bachs Einfluss durchdeklinieren: Der Vereinigung aller nationalen olympischen Komitees (Anoc) zum Beispiel sitzt Ahmad al-Sabah vor, der alte Freund und Wegbereiter. Und als vor einigen Jahren Marius Vizer als Chef von Sportaccord, der Vereinigung aller Fachverbände, mit dem Plan einer Super-WM von 91 Sportarten und mithin einer Art Gegen-Olympia aufmuckte, war er den schönen Posten schon bald los. Inzwischen führt Patrick Baumann die Vereinigung der Verbände, der Schweizer sitzt natürlich auch im IOC.

Fazit: In der ersten Hälfte seiner Präsidentschaft hat Thomas Bach, der Fecht-Olympiasieger von 1976 aus Tauberbischofsheim, die Weichen gestellt. Und jetzt ist alles darauf ausgerichtet, dass er noch konsequenter durchregieren kann.