Fußball-WM "Die Fans haben gezeigt, worum es im Sport eigentlich geht"

Fans sammeln nach dem Spiel den Müll auf der Tribüne ein.

(Foto: Carlos Garcia Rawlins/Reuters)

Bei der WM räumen Anhänger aus Japan und Senegal den Müll im Stadion auf und werden dafür gefeiert. Im Interview spricht der Forscher Boria Majumdar darüber, was das mit dem Image einer Nation macht.

Interview von Tim Brack

Boria Majumdar ist ein indischer Autor und Sportjournalist. Er hat an der Universität von Oxford in Geschichte promoviert und widmet sich in dem Journal Soccer & Society dem Fußball und seinen Auswirkungen auf die Gesellschaft. Im Interview spricht er darüber, wie Fans und Mannschaften in Russland das Bild einer Nation verändern können.

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SZ: Die Bilder von japanischen und senegalesischen Fans, die das WM-Stadion nach dem Spiel aufräumten, haben viele Menschen beeindruckt. Wie beeinflussen solche Fans das Image einer Nation?

Boria Majumdar: Es hinterlässt großen Eindruck. Ich habe mich mit indischen Fans unterhalten und die haben gesagt: "Können wir das auch machen?" Die japanischen und senegalesischen Fans sind zu Vorbildern geworden und haben gezeigt, worum es im Sport eigentlich geht: Ethik, Fairplay, einen moralischen Kodex. Plötzlich sind sie Aushängeschilder dafür, wie sich Fans verhalten sollen. Die Aufmerksamkeit für Japan und Senegal ist um ein Vielfaches gestiegen.

Ist zu erwarten, dass die Japaner und Senegalesen in Zukunft als besonders sauber gelten?

Es wäre eine Verallgemeinerung, von ein paar Fans im Stadion auf den Rest der Bevölkerung zu schließen. Wir sollten feiern, was diese Zuschauer gemacht haben. Aber diese Eigenschaft zu nehmen und einer ganzen Nation überzustülpen, ist ein bisschen weit hergeholt. Wir neigen allerdings dazu, das zu tun, weil die Symbolik so stark ist. In den sozialen Medien konsumieren wir Neuigkeiten im Sekundentakt und bilden uns auch innerhalb von Sekunden eine Meinung. Das ist zwar oberflächlich, hat aber einen großen Einfluss. Das Konsumverhalten der Menschen hat sich verändert, das macht diese Symbolik so stark.

Können solche Bilder langfristig verändern, wie wir ein Land wahrnehmen?

Das können sie, aber im Moment sind es nur einzelne Vorfälle. Wenn beispielsweise bei den Olympischen Spielen 2020 in Tokio - wenn 29 000 Journalisten und Vertreter aus 206 Ländern dort sind und die Welt sich auf Tokio konzentriert - die Japaner sich als Ganzes so verhalten, dann kann das das Image einer Nation natürlich langfristig verändern.

Die Fans sind die eine Seite. Welchen Einfluss haben die Nationalmannschaften?

Wir neigen dazu, Folgerungen aus dem Sport abzuleiten. Toni Kroos, der in der 95. Minute das Siegtor gegen Schweden schießt, sagt dann etwas über die Niemals-aufgeben-Haltung der Deutschen aus. Diese Einstellung, die das Land verbindet. Aber was wäre gewesen, wenn Kroos nicht getroffen hätte? Hätte das bedeutet, dass die Deutschen eine andere Haltung haben?

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Welche Rolle spielt die Weltmeisterschaft dabei, wie Nationen gesehen werden?

Wenn man sieht, wie viele Länder Fußball spielen, ist die Zahl wahrscheinlich größer als die Mitgliederanzahl der UN. Nehmen Sie Island, Panama oder Senegal. Island, ein Land mit vielleicht 350 000 Einwohnern, schafft es zur Weltmeisterschaft. Das Land wird dadurch ganz anders wahrgenommen. In Iran gehen Frauen ins Stadion, unterstützen ihre Mannschaft. Was bedeutet das für die Gleichberechtigung? Sport hat diese unglaubliche Macht, Massen auf der ganzen Welt zu verbinden. Sichtweisen werden gebildet, dekodiert und konsumiert. Deswegen ist die Fußball-Weltmeisterschaft so groß.

Die Vorgänge im Iran zeigen, dass Fußball auch Auswirkungen auf die Politik haben kann.

Zu sagen, dass Sport und Politik nicht zusammen passen, ist die größte Lüge, die es gibt. Wie fangen die Spiele an? Ein Haufen Kinder entfaltet die Flagge eines Landes und dann wird die Nationalhymne gesungen. Das ist das politisch potenteste Symbol für Nationalismus, das man haben kann. Sport hat die Fähigkeit, Nationalismus in einer Form vorzubringen, die nicht gefährlich ist.

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