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Homosexuelle Fußballer:Mut zur Toleranz

Muss die Gesellschaft wissen, welcher Fußballer schwul ist und welcher nicht? Nein, muss sie nicht. Die Fußballer, die sich nicht outen wollen, wissen meist genau, warum sie es nicht tun. Es ist auch ein Zeichen von Toleranz, diesen Verzicht zu respektieren.

Warum muss eine Gesellschaft wissen, welcher Fußballer schwul ist und welcher nicht? Welches Grundrecht hat sie, dies zu erfahren? Keines. Natürlich ist es wünschenswert, wenn Fußballer sich erklären würden, weil dies die Debatte entkrampfen könnte.

Zwei Männer küssen sich auf einer Schwulen-Demo in Rio de Janeiro

Versteckte Liebe: Viele Fußballer möchten sich nicht outen. Das ist zu respektieren.

(Foto: REUTERS)

Und wenn in die Stadien ein Klima einziehen würde, in dem es bestenfalls völlig uninteressant wäre, in welcher Privatbeziehung ein Profi lebt. So weit aber, sagt Philipp Lahm, sei es nicht, er hält die Gesellschaft nicht für fit genug, "schwule Fußballer als etwas Selbstverständliches zu akzeptieren". Viel lieber hört die Gesellschaft, sie sei in ihrer Toleranz schon reifer.

Zu registrieren ist die Meinung eines Profis, der mittendrin steht im Massenphänomen Fußball. Und der zu erahnen glaubt, was ein aktiver Fußballer seelisch aushalten kann - und was ihn überfordern könnte.

Auch der einstige US-Basketballer John Amaechi, der Lahm für seine Wortwahl kritisiert, nahm sich Bedenkzeit, bevor er die Kraft fand, sich zu erklären: 2003 beendete er bei Utah Jazz seine Laufbahn, 2007 hat er sich als homosexuell geoutet. Also erst, als er nicht mehr Sportler in hitziger Halle war, sondern ein Sport-Politiker in der Debatte.

Wenn Amaechi jetzt Lahm kritisiert, attackiert er den Falschen. Denn Lahm hat nicht nur durch ein Interview mit einem Schwulen-Magazin bewiesen, dass ihm soziale Themen nicht egal sind. Aber Lahm ist auch der DFB-Kapitän, also Deutschlands erster Fußballer, und in dieser Rolle hätte er mutmachendere Worte finden können für jene, die die Frage plagt, ob sie sich nicht doch outen sollen. Für jene, die von den Problemen in der Kabine erzählen wollen.

Oder vom Schauspiel in der Öffentlichkeit, in der mancher sich entscheidet, lieber eine Schein-Beziehung zu inszenieren, anstatt sich Hand in Hand mit dem wirklichen Partner zu zeigen. Oder von der Energie, die es kostet, die Wucht des Internets zu ertragen, wo sich Denunzianten tummeln, die anonym über das Private anderer spekulieren.

Macht es wie Wowereit ("Ich bin schwul und das ist gut so"), wird Fußballern gerne empfohlen. Dabei wird vergessen, dass sich längst nicht alle Politiker outen, und dass bei einem Politiker die Transparenz zum Jobprofil gehört, anders als beim Fußballer. Falsch aber wäre es, die Fußballer zu unterschätzen. Die, die sich nicht (oder heute noch nicht) outen wollen, wissen meist genau, warum sie es nicht tun. Dies zu respektieren, ist auch ein Zeichen von Toleranz.

© SZ vom 19.01.2012/jüsc
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