Hoffenheim vor dem Spitzenspiel:Ich lenke, also bin ich

Lesezeit: 4 min

In Hoffenheim hat Trainer Rangnick nach langer Suche sein Milieu gefunden. Sogar das Establishment beklatscht ihn.

Moritz Kielbassa

Anglophil war Ralf Rangnick schon als Kind. Er las gerne Detektivgeschichten von Sherlock Holmes, und sein liebstes Schulfach war Englisch. Als junger, maßvoll talentierter Fußballer spielte er auch mal in England (FC Southwick), heute orientiert sich der Trainer Rangnick an der Methodik vom FC Arsenal aus London. So hatte er am Mittwoch auch keine Mühe, einem Reporter der britischen BBC das Märchen Hoffenheim zu erläutern.

Hoffenheim vor dem Spitzenspiel: Ralf Rangnick hat sein richtiges Milieu gefunden.

Ralf Rangnick hat sein richtiges Milieu gefunden.

(Foto: Foto: AP)

Vor dem Bundesliga-Gipfel bei Bayern München wurde das badische Dorf von internationalen Medien belagert wie noch nie. Rangnick sprach auf dem Podium von "big headlines", großen Schlagzeilen, und gestiegenen Zuschauerzahlen ("increased dramatically"). Aber halt, wiegelte er ab, an die Hymne der Champions League, an Manchester oder Chelsea, denke in Hoffenheim noch niemand: "It's a long way to go."

Einen langen Weg, steil den Hang hinauf, hat Rangnick mit Hoffenheim bereits hinter sich. Als er seinen Weg im Tal begann, im Sommer 2006, hieß der Auswärtsgegner schon einmal FC Bayern. Es war die Regionalliga-Reserve der Münchner, und auf den fast leeren Rängen blies ein Fan mit Trompete unentwegt dieselbe Melodie. Rangnick dachte: "Wenn ich mir das auch nächstes Jahr anhören muss, drehe ich durch."

Zwei Schritte zurück fürs richtige Milieu

Nur zwei Spielzeiten später malt seine Elf auf den Grünflächen der Bundesliga genau jene Gemälde, die dem jungen Rangnick als Ideale bereits vorschwebten, als er 1984 Trainer beim Bezirksligisten Backnang wurde, später beim TSV Lippoldsweiler und beim SC Korb. Sein Weg hat ein Vierteljahrhundert gedauert: Von der Pike auf, über Jahre mit dem Stigma Professor, bis zum Trainerprimus im Land.

Rangnick musste zwei Schritte zurück gehen, um in Hoffenheim sein Milieu zu finden. Im Kraichgauer Innovationsparadies hat er grüne Welle, "bei uns laufen keine Neunmalklugen herum, die ihm den Fußball erklären", sagt Mäzen Dietmar Hopp, der Hoffenheim fürstlich, aber ohne Einmischung ins Sportliche bezuschusst.

Ausbildung zum Allesmacher

Jürgen Manzke, Rangnicks erster Präsident in Backnang, erinnert sich, der Trainer habe schon damals, wie es oft üblich ist bei Amateurklubs, "an allen Fronten mitgeredet": beim Stadionheft, der Sponsorensuche, beim Nachfüllen des Medizinkoffers. Rangnick besitzt neben dem Trainer-Gen daher die Ausbildung zum Allesmacher. Seine Rolle in Hoffenheim, wo er nach englischem Vorbild Teamchef ist, mit Trainer- und Transferentscheidungs-Hoheit, kann nur verstehen, wer seine Vita kennt.

Nach Rangnicks Aufstieg in die Bundesliga, als Raumdeckungs-Pionier über Reutlingen und Ulm zum VfB Stuttgart, folgte ein zäher Überzeugungskampf: gegen Widerstände des Establishments, gegen egozentrische Spieler und altbackene Vorgesetzte, die lieber Stallgeruch als Viererketten vertrauten. In Stuttgart biss sich Rangnick an Patriarch Mayer-Vorfelder und an den Allüren Krassimir Balakows die Zähne aus. In Schalke nannte ihn Manager Rudi Assauer beim ersten Pressetermin "Rolf", auf dem Platz nervten Divas wie Ailton und Lincoln.

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