Hockey bei Olympia:Die bitterste Niederlage seit 21 Jahren

Tokio 2020 - Hockey

Enttäuscht und erschöpft: Johannes Große (links) und Christopher Rühr nach der Niederlage gegen Indien.

(Foto: Swen Pförtner/dpa)

Die deutschen Hockey-Männer zeigen im kleinen Olympiafinale erneut ihre zwei Gesichter: Sie büßen einen sicher geglaubten 3:1-Vorsprung ein und verlieren Bronze an Indien - danach fallen deftige Worte.

Von Volker Kreisl, Tokio

Die Maschinen hatten das Wasser aus vollen Schläuchen auf den Platz geworfen, aber lange blieb der blaue Kunstrasen nicht nass. In der Halbzeit schon musste nachgegossen werden, als wäre hier eine teure Blumenzucht in Gefahr. In Bedrängnis waren aber vielmehr die deutsche Mannschaft und ihr Ziel, dieses Spiel zu gewinnen - auf dem Nordplatz des Oi-Hockey-Parks bei 34 Grad im Schatten.

Ob es auch an der Hitze lag, die womöglich manchem deutschen Hockeyspieler an diesem Donnerstag zugesetzt hatte, wird man wohl nicht herauskriegen. Jedenfalls hat später, bei der Aufarbeitung dieser bittersten Niederlage seit 21 Jahren, niemand die Sonne erwähnt.

Das Personal des deutschen Hockey ist gebeugt und erschöpft

Gebeugt und erschöpft tauchten drei der Älteren von ihnen und der Bundestrainer in der Mixed-Zone auf, um zu erklären, was keiner verstand: die 4:5-Niederlage gegen Indien im kleinen Finale und den Verlust der Bronzemedaille, die sie eigentlich schon in den Händen geglaubt hatten. "Eine unglaubliche Enttäuschung", sagte Kapitän Tobias Hauke, und Bundestrainer Kais al Saadi fand auch eine treffende Formulierung für eine gefühlte Katastrophe, die aber eben nur im Sport stattfand: "Für uns ist heute eine kleine Welt untergegangen."

Knapp zwei Wochen hatte diese eigentlich starke Mannschaft zwei Gesichter gezeigt, als könnten auch Teams eine gespaltene Persönlichkeit haben. Bei der Honamas, wie sie intern abgekürzt wird, wechselten sich überragende Spiele mit miserablen Szenen ab, die alles wieder zunichte machten. Kreativ und erfolgreich, dann wieder destruktiv - Dr. Jekyll und Mr. Hyde.

Alle glaubten, dass die guten Qualitäten am Ende schon die Überhand gewinnen würden. Doch die Hoffnung trog. Zwar waren in Tokio durchaus hohe Siege gegen starke Gegner dabei, wie das 5:1 gegen Großbritannien, und auch gegen Indien legten die Spieler von Kais al Saadi los, als könne sie nichts aufhalten. Aber die Neigung der Mannschaft bei diesen olympischen Spielen, sich immer wieder selbst um den Lohn zu bringen - warum sollte sie verflogen sein? Im Gegenteil, es wurde sogar richtig absurd.

Das 1:0 hatten die Inder gerade ausgeglichen, da drehten die Spieler um Kapitän Tobias Hauke nochmal auf und brachten zwei vorbildliche schnelle Angriffe vors Tor: Einen über links, einen über rechts und es stand 3:1. Normalerweise ist dies die entscheidende Zäsur im Spiel, auch wenn noch nicht mal Halbzeit ist. Denn unter gewöhnlichen Umständen hält die Mannschaft den Vorsprung, indem sie den Ball hält, den Gegner laufen lässt, ihn eben müde spielt, wie Hauke sagte. Vielleicht gibt es noch einen Konter, aber die eine Medaille, die sich alle wünschen, ist normalerweise gesichert.

Aber diesmal lief es nicht normal. In diesem kleinen Finale des wichtigsten Hockeyturniers seit fünf Jahren stand es neun Spielminuten später 5:3 für Indien. Und das hatte mit einem Umstand zu tun, den der langjährige Abwehrspieler Martin Häner am Ende klar benannte. Man habe gut und gefährlich nach vorne gespielt, aber in beiden Kreisen vor den Toren, also im Angriff wie in der Verteidigung, zeigte das Team Mängel. Und das war entscheidend, denn der Kreis ist im Hockey die Stelle, an der sich fast alles entscheidet.

Erst ein Schreck, dann der Schock

Mit zwei Treffern hatten die Deutschen also geführt, nach erstaunlich kurzer Zeit aber besann sich die indische Mannschaft unter der Regie ihres australischen Coaches Graham Reid auf ihre Stärken, zu denen auch die kurzen Ecken zählen. Sie brachten den Ball schnell wieder zurück in den Kreis der Deutschen und provozierten erfolgreich die nächste Ecke.

Die Verwandlungsquote dieser Strafecken ist mitentscheidend für ein Spiel, am Ende dieser Partie hatten die Inder zwei von sechs verwandelt, die Deutschen dagegen nur eine von 13. Der schnelle Anschlusstreffer war ein kleiner Schreck, das zweite Eckentor, eine gute Minute drauf, ein Schock. Das Müde-Spielen war abgeblasen.

Was Hardik Singh und Parmanpreet Singh so gut gelang, nämlich scharf und platziert geschossene Strafecken, entpuppte sich im Spiel der Deutschen als schmerzhafte Schwäche. Im Kreis erreichten ihre Abwehrversuche nicht den Ball, und umgekehrt, beim eigenen Vorteil, blieben die Deutschen hängen, sie zielten zu ungenau oder verzettelten sich bei dem Versuch, die herausstürmenden Gegner zu umspielen. Aber auch die gewöhnlichen Spielsituationen in diesem engen Halbkreis führten immer seltener zu echten Torchancen.

Immerhin, noch stand es 3:3, man konnte sagen, fangen wir eben von vorne an. Doch es war zu spüren, dass der Gegner nun auf einmal an Bronze glaubte, und die Deutschen eher zweifelten. Die indische Nationalmannschaft hat in der Geschichte dieses Sports acht Olympiasiege erzielt, allerdings den bislang letzten vor 41 Jahren. Seitdem gab es keinen Podestplatz mehr, die Chance auf Bronze hatte also einen besonderen Reiz, der die Spieler sichtbar anstachelte.

Vier Minuten nach der Pause stand es 5:3 für Indien, den Rest der Zeit verwalteten die Inder in etwa so, wie es Al Saadis Spieler sich zuvor vorgenommen hatten: Sie ließen den Gegner laufen, gewannen und tanzten vor Freude wie auch manch indischer Reporter auf der Medien-Tribüne.

Auch bei den Deutschen steht dieser Sport im Kontext der Olympiageschichte, sie haben seit 21 Jahren immer eine Medaille geholt, darunter auch zwei Siege, einen in London und einen in Peking. Aber am Ende wird immer auch nach vorne geblickt. Nach Tokio, sagte Al Saadi, würden die meisten älteren Spieler wie etwa Hauke zurücktreten, vielleicht noch etwas Hockey im Verein spielen und sich ansonsten am "Wissenstransfer" von Alt zu Jung beteiligen, auf den die Hockey-Akteure traditionell setzen.

Ein wichtiger Teil des taktischen Wissens, nämlich das Kapitel über Coolness und Präzision und die Frage, wie man einen eigentlich sicheren 3:1-Vorsprung sicher ins Ziel bringt, dürfte bei diesem Transfer nun viel Platz einnehmen.

© SZ/vit/jki
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