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Hasenhüttl beim FC Ingolstadt:Entwicklungshelfer mit Wohlfühl-Faktor

FC Ingolstadt 04 - RB Leipzig

Große Freude in Ingolstadt nach dem Aufstieg in die erste Liga: Trainer Ralph Hasenhüttl (links) umarmt Co-Trainer Michael Henke.

(Foto: dpa)
  • Als Ralph Hasenhüttl nach Ingolstadt kommt, steht der FC Ingolstadt ganz unten in der 2. Bundesliga.
  • Mit seinem ganzheitlichen Ansatz formt der Trainer aus einem Abstiegskandidaten nicht nur eine selbstbewusste Mannschaft, er entfacht auch Begeisterung im Umfeld.
  • Nach dem Aufstieg ist er als Trainer dort, wo er als Spieler nie war: in der Bundesliga.

Es ist ein gewöhnlicher Vormittag im Ingolstädter Sportpark, wenige Minuten vor Trainingsbeginn. Ralph Hasenhüttl ist auf dem Weg zum Rasenplatz. Er geht zu den wenigen Kiebitzen, nimmt sich Zeit, bleibt stehen und plaudert kurz mit ihnen. Der Trainer ist bekannt dafür, dass er auf die Fans ebenso zugeht wie auf den Geschäftsführer oder den Platzwart.

Die nahbare Art machte den 47-Jährigen in Ingolstadt sympathisch, lange bevor er den Fußballclub erstmals in die Bundesliga führte. Sein offener Umgang mit den Menschen schafft Vertrauen. Und Vertrauen wiederum ist ein erster Schritt auf dem Weg zu einem Wohlfühl-Klima, das für Hasenhüttl ein wichtiger Faktor ist: "Wenn ich mich wohlfühle, fühlt sich auch meine Mannschaft wohl. Und wenn sie das tut, wird sie Leistung bringen können."

Das Hasenhüttl-System beschert Ingolstadt bald Heimspiele gegen den FC Bayern, Dortmund und Schalke. Mit dem 2:1 gegen RB Leipzig steht der Klub aus Oberbayern als erster Aufsteiger und Zweitliga-Meister fest. Damit steht die Mannschaft genau am anderen Ende der Tabelle als zu dem Zeitpunkt, als der Trainer begann. Tabellenletzter war Ingolstadt damals, und das ist nicht einmal zwei Jahre her.

Anfang Oktober 2013 fand Hasenhüttl einen verunsicherten Verein vor. Er impfte den Spielern bald seine Mentalität ein: "Es gibt keinen Ersatz für Siege." Die Ingolstädter spielten fortan zwar nicht schön, aber erfolgreicher, und beendeten die Spielzeit 2013/2014 auf Rang zehn. Jetzt der Aufstieg. Hasenhüttl ist nun dort, wo er als Spieler nie war: in der Bundesliga. "Ich bin unheimlich stolz und will einfach nur Danke sagen", sagt er.

"Ich habe mich in diese Mannschaft verliebt"

Kapitän Marvin Matip bezeichnet den Trainer als "Gallionsfigur des Klubs". Andere Spieler berichten begeistert davon, wie er am Anfang der Mannschaft die Angst vor Fehlern nahm und ihr viele Freiheiten gab. Es war der Beginn eines besonderen Verhältnisses. "Wir haben recht schnell zueinander gefunden, der Verein konnte mit dem Trainer und umgekehrt. Ich habe eine enge Beziehung zu meinen Spielern aufgebaut, mich in diese Mannschaft verliebt", sagt Hasenhüttl. Gemeinsam mit seinen Akteuren und Co-Trainer Michael Henke hat der gebürtige Grazer einen laufintensiven, früh pressenden und mutigen Spielstil entwickelt. "Die Arbeit gegen den Ball steht immer im Mittelpunkt unseres Handelns", sagt der Trainer.

Der Stürmer Hasenhüttl hätte beim Trainer Hasenhüttl nicht gespielt, sagt er. Weil er läuferisch nicht gut genug gewesen sei. Mit Austria Wien und Casino Salzburg wurde er trotzdem viermal österreichischer Meister und dreimal österreichischer Pokalsieger, in acht Länderspielen für Österreich erzielte er drei Tore. Über die Stationen Mechelen und Lierse kam er im Sommer 1998 nach Deutschland. 93 Zweitligaspiele hat er für den 1. FC Köln und Greuther Fürth absolviert, 57 Regionalligaspiele für den FC Bayern München II. Mit Köln ist er im Jahr 2000 sogar mal in die Bundesliga aufgestiegen, gespielt hat er dort aber nie. Noch im gleichen Sommer wechselte er nach Fürth.

Kein Comeback der "Hasi-Rolle"

Seine Tore bejubelte er oft mit der sogenannten "Hasi-Rolle", ein Radschlag, der unorthodox anmutete und häufig misslang. "Es war ein Versuch, auf die wenigen Tore, die ich geschossen habe, aufmerksam zu machen", sagt Hasenhüttl und schmunzelt. In Österreich heißt es, die "Hasi-Rolle" sei nur perfekt gewesen, wenn der Stürmer auf dem Allerwertesten gelandet sei. Ein turnerisches Comeback schließt Hasenhüttl aus.

Als Co-Trainer unter Lorant

Nach seinem Karriereende arbeitete er als Jugendtrainer bei der SpVgg Unterhaching. Von März 2007 an saß er beim Profiteam der Hachinger auf der Bank - erst als Co-Trainer von Werner Lorant, und nach dessen Entlassung im Oktober dann als Chefcoach. Unter ihm landete die Spielvereinigung in der Regionalliga auf Platz sechs, und in der damals neu gegründeten dritten Liga auf Platz vier. Als das Team im Februar 2010 nur im Mittelfeld der Tabelle spielte, musste Hasenhüttl gehen.

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Ein knappes Jahr später unterschrieb er beim VfR Aalen, einem damals abstiegsbedrohten Drittligisten. Hasenhüttl formte aus dem Abstiegskandidaten eine Mannschaft mit großem Willen, führte sie 2012 in die zweite Liga und begeisterte die Menschen auf der Ostalb mit seiner leutseligen Art. Auf einmal war es in der 67.000-Einwohner-Stadt angesagt, zu den Heimspielen des VfR zu gehen. Die erste Spielzeit in der zweiten Liga beendete der Aufsteiger auf Rang neun. Trotzdem bat Hasenhüttl im Juni 2013 um eine Vertragsauflösung, die unsichere finanzielle Lage in Aalen und der drohende Lizenzentzug hatten ihn zermürbt.

Hasenhüttl genießt das mediale Abseits

Nun sagt Hasenhüttl, seine Stationen in Haching und Aalen seien Glücksfälle gewesen. Weil seine Fehler nicht in der Öffentlichkeit seziert wurden. Weil er die Spieler und sich selbst in Ruhe entwickeln konnte. Und weil er gemerkt habe, dass es für sportlichen Erfolg mehr braucht als nur fachliche Kompetenz - ein Umfeld, das eine Mannschaft anspornt und ihr Rückhalt gibt. Deshalb verfolgt der Trainer einen ganzheitlichen Ansatz. "Es ist nicht allein entscheidend, wie wir Fußball spielen. Ein Team muss auch abseits des Platzes vernünftig mit Menschen umgehen", sagt er, "nur dann wird es auch Unterstützung erfahren."

Nach Unterhaching und Aalen passt die Station Ingolstadt in die Reihe der Fußballprovinzen, in denen fast jeder jeden kennt. Dass der Absturz des TSV 1860 München das breite Publikum wohl stärker fesselt als die Entwicklung in Ingolstadt, macht ihm nichts aus. Vielmehr genießt es Hasenhüttl, im medialen Abseits zu stehen. Für die Beliebtheit eines Klubs sei das geringe öffentliche Interesse vielleicht nicht so gut, sagt er. "Aber für die sportliche Entwicklung ist es perfekt."

Nachhaltiges Wachstum als Strategie

Erst als abzusehen war, dass Ingolstadt in die Bundesliga aufsteigen würde, nahm die Aufregung um den Klub und seine Person zu. Hasenhüttl, ausgestattet mit einem Vertrag bis 2016, begegnete dem Ganzen gelassen. Sportdirektor Thomas Linke kündigte an, der Verein werde keine verrückten Sachen machen. Also keine neuen Stars für viel Geld holen. Der FC Ingolstadt, der 2004 durch eine Fusion der Fußballabteilungen des MTV Ingolstadt und des ESV Ingolstadt entstand, hat seine Strategie auf nachhaltiges Wachstum ausgerichtet. Und das soll sich auch in der ersten Liga nicht ändern.

Hasenhüttl, der Ingolstädter Entwicklungshelfer, trägt die Strategie mit. Er mag es, eher unbekannte, charakterstarke Teamplayer zu fördern. Unter ihm haben nicht nur Pascal Groß, Benjamin Hübner oder Danilo Soares einen Leistungssprung gemacht, auch Routiniers wie Roger, Stefan Lex und Marvin Matip. Sie dürfen sich jetzt in der Bundesliga beweisen. "Ich bin der Meinung: Wenn eine Mannschaft einen Aufstieg schafft, dann hat sie es auch verdient, dort zu spielen", sagt Hasenhüttl. Er sei gespannt, wie weit er mit diesen Charakteren komme.

Für Ralph Hasenhüttl selbst ist die Bundesliga ebenfalls eine neue Herausforderung, ein neues Abenteuer. Auf und neben dem Platz.

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