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Handball-WM:Reichmann schickt unfreundliche Grüße

Handball Halle Westf 06 05 2017 Länderspiel EM Qualifikation Deutschland GER Slowenien SLO C

Nicht auf einer Wellenlänge: Weil er von Nationaltrainer Christian Prokop (links) nicht für die Weltmeisterschaft nominiert wurde, zog es Tobias Reichmann vor, den Kontinent zu verlassen.

(Foto: imago/Camera 4)
  • Kurz vor dem Start der Handball-WM wurde Tobias Reichmann aus dem deutschen Kader gestrichen.
  • Jetzt verabschiedet er sich zum Kurzurlaub nach Orlando - und verhindert damit vermutlich, dass Bundestrainer Prokop ihn nachnominieren kann.
  • Die Personalie beschäftigt die Mannschaft durchaus.

Immerhin: Es ist nicht Melbourne geworden. Ein bisschen Tennis gucken bei den Australian Open, das hätte Tobias Reichmann auch einfallen können, schließlich hat der 30-Jährige nun unerwartet Zeit. Diese Januarwochen waren schon fürs Handballspielen geblockt, aber die Nationalmannschaft braucht den Nationalspieler Reichmann vorerst doch nicht, entschied Bundestrainer Christian Prokop zuletzt. Und Reichmann ist offensichtlich keiner, der dieses "vorerst" allzu ernst nimmt und gerne daheim hockt, um auf einen Anruf vom Bundestrainer zu warten, der ihn jederzeit nachnominieren könnte.

Während sich seine Kollegen am Mittwochabend in Berlin auf das erste Gruppenspiel gegen ein vereinigtes Team aus Korea einstimmten, schickte Reichmann Botschaften vom Rollfeld, über Instagram: "Ich bin dann mal weg. Wieso, weiß ich gar nicht genau...Ahhh, doch...Spontanurlaub." Ergänzt durch den Hashtag "sorrynotsorry". Reichmann flog nach Orlando, Rückreisezeit im Falle einer nötigen Nachnominierung: zwölf Stunden. Ein Stinkefinger für den Bundestrainer wäre kaum deutlicher gewesen.

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Noch bevor der erste Ball beim Eröffnungsspiel übers Parkett gezischt ist, musste sich der Deutsche Handballbund (DHB) wieder mit atmosphärischen Störungen befassen, die schon bei der vergeigten EM vor einem Jahr ein unschönes Bild hinterlassen hatten. "Wir konzentrieren uns ausschließlich auf die Spieler, die da sind", sagte DHB-Vizepräsident Bob Hanning dem Sportinformationsdienst nach den Reichmann-Botschaften, eine Strafe für den Spieler soll es vorerst nicht geben.

"Überraschen tut einen irgendwann gar nichts mehr"

"Tobi wollte einmal ganz raus und abschalten. Die Enttäuschung bei ihm ist riesengroß", sagte Hanning. Es ist ein Vorfall der Art, wie man ihn sich beim DHB zum WM-Start am wenigsten gewünscht hatte, schließlich versuchen sie seit Wochen nach außen vor allem eines zu kommunizieren: alles gut zwischen Team und Trainer.

In Patrick Groetzki steht nun nur ein gelernter Rechtsaußen im deutschen Team. "Ich habe mit Tobi geredet, aber das bleibt unter uns", sagte Finn Lemke nur, als er am Mittwoch zur Nicht-Nominierung Reichmanns befragt wurde. Ihn selber hatte es vor der EM 2018 getroffen, als Prokop ihn noch überraschender daheim gelassen hatte als nun Reichmann. Lemke war damals nicht nur als Abwehrchef enorm wichtig, sondern auch ein Spieler fürs Binnenklima, der anderen Orientierung gab, bedeutender als Reichmann heute. Nach zwei Spielen wurde Lemke damals doch noch ins Team geholt. "Letztes Jahr hat das zu viel Staub aufgewirbelt in der Mannschaft", resümierte Groetzki, "das haben wir dieses Mal deutlich ruhiger hingekriegt."

Was dann aber auch zeigte, dass die Personalie Reichmann in diesen Tagen ein Thema in der Mannschaft war, mit dem man sich zusätzlich zu allem anderen Prä-WM-Stress beschäftigen musste. Und dann gab Groetzki noch ungewollt einen tieferen Einblick. "Das hat uns schon...", setzte Groetzki an, "ja... gut, überraschen tut einen irgendwann gar nichts mehr." Manchmal deuten sich solche Entscheidungen im Training an, führte der 29-Jährige noch fort, "in diesem Fall hat es das nicht." Dabei hatte Prokop für seine Entscheidung gegen Reichmann vor allem taktische Gründe angeführt. Die blieben der Mannschaft offenbar bisher verborgen.