Handball-WM "Ich will eine starke Person sein"

Nora Mörk während des WM-Finals zwischen Norwegen und Frankreich.

(Foto: AFP)
  • Norwegen gewinnt bei der Handball-WM Silber, Nora Mörk wird die beste Torschützin des Turniers.
  • Dabei konnte sie noch vor Kurzem nicht an Handball denken. Private Bilder wurden gegen ihren Willen ins Netz gestellt.
  • Sie hatte Schlaf- und Essensprobleme, fand aber einen Weg, mit der Situation umzugehen.
Von Saskia Aleythe, Hamburg

Natürlich hat auch Nora Mörk bei dieser Weltmeisterschaft mal einen schlechten Pass gespielt, aber bei allem, was die Norwegerin tut, begleitet sie auch immer ihr Selbstbewusstsein. Es ist Freitagabend nach dem Finaleinzug über die Niederlande bei der Handball-WM, Mörk tänzelt und lacht, geht von Interview zu Interview, darunter die Frage: Woher kommt die Ruhe auf dem Feld, sind Sie nicht auch manchmal nervös? "Nein, nie", antwortet die 26-Jährige bestimmt, "du spielst nicht so oft ein Halbfinale, da musst du Spaß haben und darfst nicht nervös sein." Was dann doch viel zu einfach klingt für das, was sie in den vergangenen Monaten erlebt hat.

Am Sonntag ging die WM in Hamburg zu Ende: Norwegen verlor das Endspiel gegen Frankreich, aber Mörk sicherte sich einen anderen Titel: Mit 66 Treffern ist sie die erfolgreichste Torschützin des Turniers, das sind fast acht Treffer pro Partie. Es ist ein Erfolg, den Mörk nicht nur ihrem Wurfarm zu verdanken hat, sondern auch ihrem Kopf. Den musste sie vor der WM erst mal wieder für den Sport gewinnen. Denn die Geschichte der Nora Mörk ist nicht nur eine sportliche, sondern eine vom Wiederaufrappeln. Vom Zurechtrücken der eigenen Gedanken.

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"Ich habe Angst bekommen, wollte mit niemandem reden"

Anfang November, Mörk sitzt im norwegischen Fernsehen und weint, im weiten rosafarbenen Pulli und mit gekrümmtem Körper, als hätten die Sorgen ihr die Schultern nach unten gedrückt. Mörk berichtet in einem langen Interview des Senders TV2, wie jemand ihr Handy gehackt habe und plötzlich private Fotos von ihr im Internet landeten. Der Vorfall lag da schon zwei Monate zurück, sie hatte die Fotos entdeckt, als gerade der Kader für die WM bekannt gegeben wurde, sie gehörte natürlich dazu, doch freuen konnte sie sich damals nicht. Für sie war das Aufmerksamkeit zur Unzeit. "Ich habe Angst bekommen, wollte mit niemandem reden und mir ein Flugticket kaufen, um ans andere Ende der Welt zu fliegen", sagte Mörk. Der Traum, zur WM zu fahren, war plötzlich verschluckt von der Furcht vor der Öffentlichkeit.

Mörk ist schon Weltmeisterin geworden und dreifache Europameisterin, sie wurde bei drei Turnieren ins All Star Team gewählt. Derzeit spielt sie beim ungarischen Klub Györ ETO, dem Krösus im Frauenhandball, in den vergangenen sechs Jahren stand der Verein fünf Mal im Finale der Champions League, die Norwegerin gewann den Titel zwei Mal. Doch seit sie die Bilder entdeckt hatte, waren ihre unbekümmerten Zeiten vorbei. Ihr Spiel war nicht mehr gut, sie bekam Schlafprobleme, hatte keinen Appetit mehr, so erzählte sie es. Ihre Psyche war angeschlagen. Was sie sonst selbst von manchen Weltklassespielerinnen abgehoben hatte, war nun eine Schwäche. "Es hat mich so stark beeinflusst, dass ich vor Spielen und auch währenddessen daran gedacht habe", sagte Mörk, "das ist unglaublich frustrierend für einen Sportler."

Was andere über sie denken, hatte Mörk bis dahin nur selten interessiert, "aber das ändert sich bei so einer privaten Sache. Das tut verdammt weh". Natürlich hatte sie Angst vor den Reaktionen in der Öffentlichkeit, vor Vorwürfen, selber schuld zu sein an der Sache. Doch was sollte sie tun? Das Problem weiter mit aufs Spielfeld nehmen, sich im Privaten verkriechen? "Ich bin eine Person geworden, die ich nicht mehr kannte", sagte Mörk, deshalb wollte sie handeln, "ich wollte mir den Traum vom Handballspielen nicht nehmen lassen. Dann haben die gewonnen, die das getan haben". Es war ihr peinlich, aber sie vertraute sich den Klubverantwortlichen an und machte den Vorfall schließlich publik. Es sollte eine Therapie sein, auch um wieder gut spielen zu können. "Ich will eine starke Person sein und eine gute Handballspielerin. Ich war wirklich sauer, das wollte ich auf dem Feld ins Positive verwandeln", sagte sie. Als sie über die Sache geredet hatte, warf sie im nächsten Champions-League-Spiel 13 Tore.

Der Hacker wurde bisher nicht ausfindig gemacht

Mörk hat aus ihrem Fall eine Sache für die Justiz gemacht, sie sprach im norwegischen Parlament vor, um härtere Strafen für Leute zu fordern, die Fotos von anderen ins Netz stellen und weiterverbreiten. Ihre Anwälte haben 15 Männer ausfindig gemacht, die Mörks Bilder geteilt haben, sie sollen laut der Zeitung Dagbladet eine Entschädigung von jeweils 150 000 Kronen (etwa 15 000 Euro) zahlen. Der Hacker, von dem Mörk berichtet, wurde bisher nicht ausfindig gemacht. Auf ihrem Instagram-Profil sind fast ausschließlich Bilder vom Handballspielen, mit klarem Verweis: "Benutzt meine Bilder nicht ohne Erlaubnis!"

Am Sonntagabend gegen Frankreich dachte Mörk nur noch an Handball. Die Zuschauer sahen eine Spielerin, die selbstbewusst über den Hallenboden flog.

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