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Handball-WM:Der Mann für die Mikkel-Hansen-Momente

Dänemarks Bester: Mikkel Hansen.

(Foto: Liselotte Sabroe/afp)

Co-Gastgeber Dänemark bringt sich als WM-Favorit in Stellung. Der wichtigste Spieler macht klar, dass er nicht wieder bloß Zweiter werden will.

Die typische Mikkel-Hansen-Aktion kommt aus dem Nichts. Der Däne stoppt, es scheint, als wolle er das Spiel verschleppen - dann ein Blick, zwei explosive Schritte. Dieser beneidenswerte Armzug. Ehe ein Abwehrspieler reagieren kann, klatscht der Ball Zentimeter unter der Latte ins Netz, und Mikkel Hansen, 31, rückt sich das Stirnband zurecht.

Die Handball-WM ist für die co-gastgebenden Dänen erst zwei Spiele alt, doch es gab schon einige dieser Mikkel-Hansen-Momente. Er hat im linken Rückraum gespielt, seiner Stammposition. Hansen tauchte aber auch im rechten Rückraum auf, wo normalerweise ein Linkshänder steht. Es gab Bälle, die er mit einer Hand gefangen und gleich verwertet hat. Die Dänen feierten zwei sehr lockere Siege, erst das 39:16 gegen Chile, dann das 36:22 am Samstagabend gegen Tunesien. Bei 14 Toren steht Hansen bereits, vor allem hat er aber gezeigt, dass er nicht gewillt ist, am Ende dieses Turniers erneut bloß Zweiter zu werden.

Auf der Suche nach dem Top-Favoriten dieser Handball-WM kommen die meisten Leute bei den Franzosen heraus - einfach, weil sie die Franzosen sind, der Titelverteidiger, der vier der vergangenen fünf WM-Turniere gewonnen hat. Und nun auch noch Nikola Karabatic nachnominiert hat. Danach werden allerdings meist die Dänen genannt, die sich vor ihrer Heim-WM selbst ein wenig in den Rang des Favoriten gerückt haben. Olympiasieger sind sie schon, das war 2016, Europameister auch (2008, 2012), der WM-Titel fehlt noch. Dreimal haben sie das Finale bislang verloren. "Im Endeffekt machen wir uns den Druck selbst", sagte Hansen zuletzt, der bestbezahlte Handballer der Welt, der in Frankreich für Paris Saint-Germain spielt.

Gegen Chile zogen die Dänen von 8:4 auf 22:4 davon

Obwohl "The Rock", wie er wegen seiner Muskelpakete manchmal genannt wird, eine omnipräsente Figur ist, ist Dänemark nicht nur Mikkel Hansen. Gut möglich, dass es in der Breite nie eine bessere dänische Mannschaft gab: Sie haben in Niklas Landin (THW Kiel) einen Torwart der Spitzenklasse, sie haben Shooter wie Mads Mensah Larsen (Rhein-Neckar Löwen) und eben Hansen; sie können über ihre schnellen Flitzer wie Casper Mortensen (FC Barcelona) oder Lasse Svan (SG Flensburg-Handewitt) eines der besten Tempospiele der Welt aufziehen. Auf der Bank sitzt Nikolaj Jacobsen, ein Trainer, den nichts mehr schocken kann, der bis Saisonende auch noch Coach der Rhein-Neckar Löwen ist.

Ins Turnier fanden die Dänen mit größerer Selbstverständlichkeit als etwa Deutschland, der Gastgeber-Partner, der gegen Korea erst seine Nervosität in den Griff kriegen musste. Dänemark legte im ersten Spiel mit einem Wirbelsturm los, ließ beim Stand von 8:4 gegen Chile für die folgenden 20 Minuten kein Gegentor mehr zu. Nach einem 14:0-Lauf stand es zur Halbzeit 22:4. Im zweiten Spiel dann ein ähnliches Bild: Nach sieben Minuten stand es 7:0 gegen überforderte Tunesier. "Es war wild", sagte Hans Lindberg, der in der Bundesliga für die Füchse Berlin spielt, sich bei einem Zusammenstoß allerdings verletzte. Für ihn ist die WM schon beendet.

Längst ist vergessen, dass vor der WM nicht alles glatt lief

In Gruppe C sollten die Dänen trotzdem keine Probleme bekommen, am ehesten noch mit Vizeweltmeister Norwegen im letzten Vorrundenspiel. Die anderen Gegner waren dagegen schon chancenlos (Chile, Tunesien) oder werden vermutlich chancenlos sein (Österreich, Saudi Arabien). Ähnlich dürfte es für die Nachbarn aus Schweden laufen, die in der schwach besetzten Gruppe D (mit Ungarn, Katar, Argentinien, Ägypten, Angola) klarer Favorit sind. Der Turnierbaum ist für die Dänen anschließend günstig: Alle anderen Großkaliber, von Frankreich über Spanien bis Kroatien, spielen auf der "deutschen" Seite. So kommt es, dass die Dänen fast schon mit dem Halbfinale am 25. Januar in Hamburg planen können. Danach wollen sie, klar, zum Finale nach Herning, in ihren Handball-Tempel in Midtjylland, in dem die Stimmung immer besonders gut ist.

Längst ist vergessen, dass vor der WM nicht alles glatt lief. Einige Spieler waren nicht ganz fit, der letzte WM-Test gegen Ungarn missriet, 22:25 kurz vor dem Start der Weltmeisterschaft. Da offenbarte der Favorit nicht nur Schwächen in der Abwehr, sondern auch im Angriff, da spielte Hansen allerdings auch nicht mit - er hatte ein paar Tage frei bekommen wegen der Geburt seines Sohnes. Man dürfe "niemals selbstgefällig werden", warnte Torwart Landin trotzdem. Und sich nicht nur auf Hansen verlassen.

Denn es ist nie sicher, dass der zweimalige Welthandballer nicht mal ausfällt bei einem großen Turnier. Das Knie ist sein verwundbarstes Körperteil - nach den Spielen sitzt er da, kühlt sein Gelenk mit dicken Eispaketen, als Vorsichtsmaßnahme. Seine Einsatzzeit wird wohl dosiert, durchspielen muss er eigentlich nie. Mikkel Hansen wird noch gebraucht bei dieser WM.