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Lewis Hamilton:"Es braucht noch eine Weile, bis ich das realisiere"

F1 Grand Prix of Portugal

Lewis Hamilton freut sich über seine nächste beeindruckende Bestmarke, mit der er Michael Schumacher hinter sich gelassen hat.

(Foto: Getty Images)

Lewis Hamilton gewinnt die Achterbahnfahrt von Portimão, überbietet den Rekord von Michael Schumacher - und Sebastian Vettel bringt die Veranstalter zum Schwitzen.

Von Anna Dreher

Zweiundneunzig. Lewis Hamilton schüttelte nach der Zieldurchfahrt ungläubig den Kopf. Er hatte es tatsächlich geschafft. Zwei Wochen nachdem der Brite auf dem Nürburgring den einst als unerreichbar geltenden Rekord von Michael Schumacher egalisierte, hat er diesen überboten. Der Sieg bei der Premiere auf dem Autodromo Internacional do Algarve in Portimão war der 92. seiner Formel-1-Karriere. Hamilton ist damit in dieser ewigen Bestenliste zur alleinigen Nummer eins aufgestiegen. "Es braucht noch eine Weile, bis ich das realisiere", sagte er, nachdem er aus seinem Mercedes gestiegen war und den Fans zugewunken hatte. "Ich finde gerade keine Worte dafür."

Der erneut dominierende Hamilton hatte gewaltige 25,5 Sekunden Vorsprung auf seinen finnischen Teamkollegen Valtteri Bottas. Der Niederländer Max Verstappen belegte im Red Bull Rang drei. In der Gesamtwertung baute Hamilton (256 Punkte) mit dem achten Sieg im zwölften Saisonrennen seine Führung vor Bottas auf 77 Zähler aus. Sein siebter WM-Titel ist dem 35-Jährigen kaum noch zu nehmen, dann würde er mit Schumacher gleichziehen. "Ich hätte mir nicht erträumen lassen, wo ich heute bin. Es ist ein sehr gesegneter Tag", sagte Hamilton 13 Jahre nach seinem ersten Grand-Prix-Erfolg. Hamilton hatte die optimale Ausgangslage mit einer beeindruckenden finalen Runde in der knapp endenden Qualifikation geschaffen. Nachdem zuvor stets Bottas schneller gewesen war, gelang es Hamilton im entscheidenden Moment doch wieder, sich an die Spitze des Feldes zu setzen: Erst im letzten Durchgang erzielte er die Bestzeit zu der 97. Pole Position seiner Formel-1-Karriere, seiner neunten in diesem Jahr. Von dieser kam er dann im Rennen am Sonntag gut weg, nur hielt er sich nicht lange an der Spitze. Überhaupt herrschte gleich nach den Start ein munteres Durcheinander mit ständigen Positionswechseln - weil die Reifen auf dem frischen Asphalt erst langsam auf Temperatur kamen und es früher als vorhergesagt anfing zu nieseln. Bottas verlor Platz zwei zunächst an Verstappen, den er jedoch kurz darauf zurückeroberte. Verstappen wiederum hatte Glück, denn wie schon im Training kollidierte sein Red Bull mit dem Racing Point von Sergio Perez - dieses Mal aber landete nur der Mexikaner in der Auslaufzone. Bottas kam an Hamilton vorbei, als plötzlich Carlos Sainz im McLaren auf weicheren Reifen schneller als die beiden Mercedes war. Der Spanier hatte sich von Platz sieben nach vorne gearbeitet. Charles Leclerc versuchte, sich an Verstappen vorbei zu schieben und hatte dabei auf einmal Kimi Räikkönen neben sich - der es vorübergehend von Platz 16 sensationell nach vorne geschafft hatte. Die Überraschung von Sainz verpuffte bald, in der siebten Runde war Bottas wieder Erster, dahinter Hamilton. Und Sainz verlor seine Position erst an Verstappen und dann noch das Duell mit seinem künftigen Teamkollegen Leclerc im Ferrari, der am Ende Vierter wurde.

Einer hatte mit dem Hin und Her vorne im Feld nichts zu tun. Für Sebastian Vettel, 33, war dieses Wochenende mal wieder keines, das ihm viel Freude bereitete. "Im Moment sehe ich ja gar kein Land, das ist ja wie eine andere Klasse", hatte er desillusioniert festgestellt, als klar war, dass er von Rang 15 und Leclerc von Platz vier starten würde. Für eine kuriose Szene hatte Vettel am Tag vorher gesorgt. Im letzten Freien Training fuhr er kurz vor dem Ende der Session in Kurve 14 am Streckenrand entlang - und sog mit seinem Boliden ein Abwassergitter derart stark nach oben, dass es hochstand. Daraufhin waren gleich mehrere Pistenmitarbeiter emsig damit beschäftigt, die Gefahrenstelle zuzubetonieren und mit einem Föhn beim Trocknen nachzuhelfen. Das Rennen beendete der viermaligen Formel-1-Weltmeister schließlich als Zehnter noch in den Punkten, von denen er nun schlanke 18 gesammelt hat. Hamilton als Führender wie gesagt kommt auf 256.

"Hardcore, eine der schwierigsten überhaupt"

Der begann nach etwa der Hälfte des Rennens, die ersten Konkurrenten zu überrunden. Die zwischenzeitlich an Bottas abgegebene Führung holte sich Hamilton in der 42. Runde kurz nach seinem eigenen Boxenstopp zurück, während Bottas abgebogen war zum Wechsel der vor allem auf der Außenseite strapazierten Reifen. Die Strecke hatte Hamilton als "Hardcore, eine der schwierigsten überhaupt" bezeichnet mit ihren 15 oft schwer einsehbaren Kurven und viel Links nach Rechts und Hoch und Runter. Doch trotz der großen Herausforderung dieses Kurses und trotz zahlreicher Duelle blieb es ein Rennen ohne größere Unfälle. Einzig Lance Stroll wurde von Racing Point nach 54 Runden an die Box gebeten, wegen Chancenlosigkeit.

Als die Start-Ziel-Linie noch neun Mal überquert werden musste, meldete Hamilton ein Problem, das ihm nicht sein erneut verlässliches Auto, sondern sein Körper lieferte: "Ich habe einen Krampf!", funkte er. In den Füßen? In den Beinen? In den Armen? In den Händen? Das verriet Hamilton erst später: In der rechten Wade. "Das war ziemlich schmerzhaft, aber ich wusste, ich muss da durch, ich kann ja nicht die ganze Runde den Fuß vom Gas nehmen." Selbst der Krampf jedenfalls schien keine Auswirkungen auf seine Leistung zu haben, er fuhr weiter schnell - und blieb uneinholbar.

© SZ vom 26.10.2020
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