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Große Überraschungen im Sport:Der Kran von Schifferstadt

Wilfried Dietrich besiegt Chris Taylor.

Der Kran von Schifferstadt bei der Arbeit: Wilfried Dietrich (blau) besiegt Chris Taylor.

Überraschungen drücken sich nicht immer nur in Ergebnissen aus. Manchmal reicht im Sport ein einziger Augenblick, eine einzige Szene, die so außerweltlich erscheint, dass sie sich für immer ins kollektive Gedächtnis der Sportnation einbrennt. Auch der so schwer vermarktbare, irgendwie antik anmutende Sport Ringen hat der Sportgeschichte eine Szene für die Ewigkeit geschenkt.

Es geschah bei den Olympischen Spielen 1972 in München: Wilfried Dietrich kämpfte gegen den Amerikaner Chris Taylor, zweite Runde im Superschwergewicht, griechisch-römischer Stil. Im Vergleich zu dem Vier-Zentner-Hünen Taylor wirkte Dietrich, immerhin Olympiasieger von 1960, beinahe schmächtig.

Doch Dietrich bewies, dass er nicht umsonst der "Kran von Schifferstadt" genannt wurde. Der Kampf war erst wenige Sekunden alt, da fasste er seinen Gegner an der Taille und hob ihn in die Luft, immer höher, Dietrich ging ins Hohlkreuz, Taylor lag hilflos auf seiner Brust. Der Deutsche ließ sich nach hinten fallen - und stürzte den Koloss über seinen Kopf auf die Schultern.

Wilfried Dietrich gewann in München keine Medaille, aber das Bild dieses so überraschenden Untergriff-Wurfs ist zur Ikone geworden, als wäre der Moment inszeniert worden, um eine David-gegen-Goliath-Geschichte zu bebildern: Auf den Zehenspitzen, mit weit aufgerissenen Augen, balanciert Dietrich seinen 200-Kilo-Gegner auf dem Bauch - und die Gesetze der Physik schienen für einen Augenblick außer Kraft gesetzt. (segi)